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Winde aus dem Pazifik haben Somalia ausgetrocknet
Von Martin Läubli. Aktualisiert am 05.08.2011 12 Kommentare
Hungerkatastrophe: Die Not am Horn von Afrika weitet sich immer mehr aus.
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Die Klimaforscher sprechen von La Niña, vom Mädchen. So niedlich der Name klingen mag, die Wetterstörung im Pazifik hat Einfluss auf die halbe Welt. Und sie bringt Katastrophen: Überschwemmungen in Australien, auf den Philippinen und auf Sri Lanka Anfang Jahr, nun die Dürre in Somalia, Kenia, Djibouti und Uganda. In vielen Regionen Ostafrikas ist es laut UNO die trockenste Saison seit den ersten Klimaaufzeichnungen 1950. Millionen Menschen hungern, Kinder sind unterernährt.
Die Menschen sind der Gewalt der Natur ausgeliefert. Diesmal ist La Niña die Schuldige, vor zwei Jahren war es der bekanntere Gegenspieler El Niño, der Ostafrika eine ungewöhnliche Regenflut brachte. Die beiden Wetterphänomene sind ein Paar, das zwar im Pazifik abwechselnd auftritt, dessen Effekt aber auch im Indischen Ozean und damit in Ostafrika Folgen hat – und das seit Jahrtausenden, wie eine neue Studie zeigt, die heute in der Wissenschaftszeitschrift «Science» vorgestellt wird.
Das Gedächtnis im See
Was sich derzeit im tropischen Ostafrika klimatisch abspielt, ist nicht ungewöhnlich. Ein internationales Forscherteam, darunter auch Wissenschaftler der ETH Zürich, rekonstruierte anhand von Daten aus den Sedimenten des Lake Chala das Klima Ostafrikas der letzten 20'000 Jahre. «Es ist ein hervorragendes Klimaarchiv», sagt Gerald Haug von der ETH Zürich. Im Kratersee am Fuss des Kilimandscharo entdeckten die Forscher in einem knapp 21?Meter langen Bohrkern feine Sedimentschichten, aus denen sie wie bei den Jahrringen der Bäume das klimatische Gedächtnis der Region ablesen. Die jährlichen Sedimentschichten bestehen jeweils aus einem Paar von hellen und dunklen Streifen unterschiedlicher Dicke. Die Forscher waren verblüfft, als sie die Schwankungen der Schichtdicken mit instrumentellen Daten wie zum Beispiel Wasser- und Lufttemperaturen sowie Winddaten des Pazifiks der letzten 150 Jahre verglichen: Die Schichtabfolgen decken sich erstaunlich deutlich mit El-Niño- beziehungsweise La-Niña-Ereignissen.
Die Wissenschaftler haben dafür auch eine Erklärung: La Niña brachte spärlich Regen, und der Wind über dem See war jeweils stark. So wurden die Nährstoffe im See gut vermischt, was zu einer saisonal erhöhten Algenblüte führte. Die abgestorbenen und gesunkenen Organismen zeigen sich heute in dicken weissen Sedimentschichten. Anders bei El Niño: Dieser Wetterstörung folgen nasse und windarme Klimaperioden. Als Resultat davon bildeten sich nur feine Sedimentlagen.
Verstärkte Passatwinde
Die Studie bestätigt, was manche Klimaforscher lange Zeit für unwahrscheinlich hielten, heute in der Wissenschaft aber anerkannt ist: Pazifik und Indischer Ozean funktionieren nicht unabhängig voneinander. La Niña verändert die vorherrschende atmosphärische pazifische Zirkulation, indem die Passatwinde aus dem Osten verstärkt werden. Diese Winde gleichen das Druckungleichgewicht südlich des Äquators zwischen dem Hochdruckgebiet an der südamerikanischen Küste und dem Tiefdruckgebiet zwischen Australien und Indonesien aus. Wirkt La Niña, dann sind die Druckverhältnisse ausgeprägter, und die Winde transportieren mehr Wasser in den Westen. Die amerikanische Weltraumbehörde schrieb Anfang Jahr in einer Prognose: «Es ist ein Dominoeffekt. Die Druckverhältnisse von La Niña im Pazifik verstärken die Westwinde über dem Indischen Ozean. Diese führen die Feuchtigkeit weg von der Küste Ostafrikas hin nach Indonesien und Australien. Mit der Folge: Dürre in Afrika, Fluten in Australien und Südostasien.»
«Die Dürre wurde bereits im letzten Sommer exakt vorausgesagt, man hätte darauf reagieren können», sagt Gerald Haug.
Bei El Niño ist das Gegenteil feststellbar. Bei ihm flaut der Ostpassat praktisch ab, weil aus bis heute noch unerklärbaren Gründen die Druckverhältnisse im Pazifik und in Südostasien ansteigen und damit die Unterschiede zwischen Ost und West verringert werden. Die Konsequenz: Warmes Wasser dringt nach Südamerika vor. Damit nimmt die Luftfeuchtigkeit zu, die Luft steigt auf und bringt in sonst trockenen Regionen wie Peru starke Niederschläge, in Australien und den Philippinen hingegen herrscht Trockenheit. In Ostafrika wiederum bleiben starke Winde aus, und es regnet deshalb stark.
Weitere Dürren kommen
Die Sedimentschichten im Lake Chala verraten, dass die letzten 3000 Jahre verglichen mit der Kaltperiode vor 18?'000 bis 21?'000 Jahren feuchter waren und das Wetter stärker schwankte mit episodischen Jahrhundertdürren. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, glaubt ETH-Forscher Gerald Haug: «Wenn wir annehmen, dass sich die CO2-Konzentration bis Ende des Jahrhunderts gegenüber der vorindustriellen Zeit verdoppelt und sich die Erde durchschnittlich weiter stark erwärmt, dann werden sich die Extremereignisse wie Dürren und Hochwasser in Ostafrika verstärken.» Durch den verstärkten Treibhauseffekt erwärmt sich das Oberflächenwasser im Pazifik und im Indischen Ozean. Mit der Folge: Mehr Meerwasser verdunstet, und damit erhöht sich die Luftfeuchtigkeit. «In den Tropen wird mehr Energie sein, die zu stärkeren extremen Niederschlägen bei El Niño führen wird», sagt Haug. Zudem erwartet er grössere jährliche Klimaschwankungen, darunter immer wieder Dürren wie diejenige, die derzeit zur Hungersnot in Somalia und Kenia führte.
Vorerst bleibt allerdings die aktuelle dramatische Trockenheit in Ostafrika ein Einzelereignis, das statistisch noch nicht in einen spürbaren Zusammenhang mit dem Klimawandel in Ostafrika gebracht werden kann. Wie auch immer sich das Klima verändert, sicher ist: Ostafrika wird immer wieder von extremen Ereignissen heimgesucht – seien es Hochwasser oder Dürren. So fordert die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) eine bessere globale Koordination, um Klimaentwicklungen zu verfolgen und früh genug zu warnen. Schon heute sind solche Entwicklungen vorhersehbar. «Die Dürre wurde bereits im letzten Sommer exakt vorausgesagt, man hätte darauf reagieren können», sagt Gerald Haug. Hilfsorganisationen wie etwa das Kenianische Rote Kreuz haben entsprechend schon früh appelliert, ein zusätzliches Lebensmittelprogramm zu lancieren. «Für Präventionsstrategien fliesst zu wenig Geld, Regierungen und die Öffentlichkeit reagieren leider erst mit den ersten Katastrophenbildern», sagt Karl Schuler vom Schweizerischen Roten Kreuz. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.08.2011, 20:33 Uhr
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