Sprachlupe

Gut, gibt's mehr als eine Grammatik

«Schön, wenden Sie sich diesem Beitrag zu»: Über diesen Satz würden unsere deutschen Nachbarn die Nase rümpfen. Die Varianten-Grammatik soll da Abhilfe schaffen.

Ein Wunder, kommt hier überhaupt eine Verständigung zustande: die Bundespräsidenten Joachim Gauck und Didier Burkhalter bei einer Pressekonferenz.

Ein Wunder, kommt hier überhaupt eine Verständigung zustande: die Bundespräsidenten Joachim Gauck und Didier Burkhalter bei einer Pressekonferenz. Bild: Keystone

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«Gut, gibt’s die Schweizer Bauern» – dieser Slogan ist auch sprachlich bodenständig, denn die Konstruktion mit einleitendem Adjektiv ist nur in der Schweiz gebräuchlich. Begrüsst man seine deutsche oder österreichische Angebetete mit «schön, bist du hier», so riskiert man die empörte Rückfrage: «Bin ich denn anderswo nicht schön?» Also wird man das nächste Mal unmissverständlich ausrufen: «Es ist so schön, dass du hier bist!»

Bedeutet das nun, dass der Werbespruch die Regeln der deutschen Grammatik verletzt? Nicht unbedingt: Zum einen ist die Grammatik weniger verbindlich geregelt als die Rechtschreibung, und zum andern gibt es in der deutschen Sprache unterschiedliche Varianten, die gleichermassen Gültigkeit beanspruchen können. Was den Wortschatz betrifft, hat sich diese Einsicht in der Sprachwissenschaft durchgesetzt. Davon zeugt das «Variantenwörterbuch des Deutschen» (Verlag De Gruyter, 2004).

Zum Grillieren pedalen

Nun sind Fachleute der Universitäten Graz, Salzburg und Zürich daran, ein ähnliches Nachschlagewerk für die Grammatik zu erarbeiten. Es soll ab nächstem Jahr im Internet veröffentlicht werden. Da auch die Wortbildung zur Grammatik zählt, werden manche Unterschiede im Wortschatz ebenfalls erfasst. Dazu gehören die bekannten Beispiele, dass man in der Schweiz parkiert und grilliert, anderswo aber parkt und grillt. Es gibt selten auch den umgekehrten Fall: Sind wir mit dem Velo unterwegs, müssen wir (wie manche Süddeutschen) pedalen, während andere das Fahrrad nehmen und pedalieren.

Im Projekt «Variantengrammatik» geht es nicht darum, was richtig oder falsch sei. Ermittelt wird, was je nach Region als «standardsprachlich» gelten kann; Dialektvarianten sind also nicht gemeint. Als Massstab dient die Verwendung in Zeitungen, denn dort stehen, wie die Projektverantwortlichen annehmen, «Texte, deren Verfasser oder Verfasserinnen beim Schreiben beabsichtigten, Standardsprache zu produzieren». Im ganzen deutschen Sprachraum, von Ostbelgien bis Südtirol, sind Zeitungstexte im Umfang von fast 600 Millionen Wörtern in einer Datenbank (Korpus) vereint. Sie werden nun mit den Methoden der Korpuslinguistik analysiert, einer recht jungen Disziplin.

Zeitungen in der Pflicht

Wer für die Zeitung schreibt, sieht sich also ungefragt mit einer schweren Bürde befrachtet: Wenn sich die Fehler summieren, die man dabei macht, könnten sie zum regionalen Standard avancieren. Ein Satz wie «die neue Variantengrammatik stellt ein grosser Fortschritt dar» würde somit Schule machen, denn solche Fallfehler sind leider in der (Schweizer) Presse nicht selten. Da kann man nur hoffen, dass sich die Wissenschaft getraut, grundlegende Fehler als solche einzustufen und von der Beförderung zum Standard auszuschliessen.

Was aber meinen die Korpusforscher zum Satz «gut, gibt’s die Schweizer Bauern», der zwar verkürzt, aber nicht flagrant regelwidrig ist? Bei der ausführlichen Präsentation des Projekts im August-Heft der Zeitschrift «Sprachspiegel» schreibt eine beteiligte Linguistin, derartige «konzeptionell mündliche Satzgefüge» fänden sich nur in der Schweiz und so selten, dass sie «(noch) nicht in den Gebrauchsstandard der Schweizer Zeitungen eingegangen» seien. Aber das könne noch kommen, und es wäre kein «Zeugnis für einen ‹Sprachzerfall›, sondern im Gegenteil eine weitere Bereicherung der deutschen Standardsprache(n)». Die Autorin schliesst, und die «Sprachlupe» schliesst sich ihr an: «Gut, gibt’s grammatische Variation!»

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.08.2014, 12:05 Uhr

Daniel Goldstein ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel». (Bild: Valérie Chételat)

Nachschlagen und bestellen

Der am Schluss zitierte Aufsatz steht hier: www.sprachverein.ch. Das ganze 
Heft, das – auch mit Beispielen aus 
dem entstehenden Nachschlagewerk – 
die Variantengrammatik präsentiert, 
ist gratis zu beziehen bei 
probeheft@sprachverein.ch (solange Vorrat, sonst früheres Heft). 
Daniel Goldstein ist der Redaktor des «Sprachspiegels».

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