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«Die Universitäten sind stark genug»
Aktualisiert am 20.04.2012 13 Kommentare
Zur Person
Jean-Philippe Leresche ist Professor für politische und internationale Studien an der Universität Lausanne. Der 53-jährige ist Direktor des Observatoire science, politique et société (OSPS) in Lausanne und Direktor des Centre de documentation sur la vie politique romande (CDVR). Zudem ist Jean-Philippe Leresche Vizepräsident des Stiftungsrats von Science et Cité.
Lesehinweis
Jean-Philippe Leresche et al. (2012) : «Gouverner les universités. L’exemple de la coordination Genève-Lausanne (1990-2010)»
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Herr Leresche, die UBS sponsert an der Uni Zürich ein Institut. Ist das ein Novum für die Schweiz?
Nicht ganz. Die Ingenieurwissenschaften an der ETH profitieren schon länger von der Unterstützung von Unternehmen. In den Neunzigerjahren gerieten dann einige Schweizer Universitäten in Budgetschwierigkeiten. Neue Mittel wurden seit dem Jahr 2000 durch Kooperationen mit dem Privatsektor erschlossen, vor allem im Bereich der Life Sciences. Mit dem Swiss Finance Institute an diversen Universitäten hat sich auch der Bankensektor im universitären Umfeld engagiert.
Profitieren die verschiedenen Universitäten gleich stark von privaten Mitteln?
Der Privatsektor investiert sehr selektiv: Nicht alle Unis haben die gleichen Chancen. Die Hochschule St. Gallen zog als Spezialistenuniversität schon immer Mittel aus der Wirtschaft an. Insgesamt werden die Sozial- und Humanwissenschaften weniger durch Privatsponsoren gefördert: Wenn diese Drittmittel anziehen, dann eher aus dem öffentlichen Bereich.
Wie steht die Schweiz international bezüglich dem Uni-Sponsoring da?
Das ist gar nicht so leicht zu ermitteln: Aktuell werden in der Statistik verschiedene Dinge vermischt, es gibt kaum verlässliche Informationen über das Sponsoring von Unternehmen und Stiftungen. Frappant ist aber ein anderer Unterschied: In der Schweiz betreibt der Privatsektor viel Forschung selbst, etwa in der Pharmaindustrie. Das Verhältnis zur öffentlichen Forschung – an Universitäten, Fachhochschulen und öffentlichen Zentren – beträgt in der Schweiz etwa zwei Drittel zu einem Drittel. In anderen Industrieländern sind die Proportionen gerade umgekehrt.
Gibt es einen Trend zur Angleichung?
Nestlé investiert im Lauf der nächsten Jahre mehrere 100 Millionen Franken im Gesundheitsbereich an der ETH Lausanne, auch Merck Serono will fünf neue Lehrstühle schaffen: Die Schweizer Universitäten stützen sich in den letzten Jahren zunehmend auf Drittmittel ab. Es wird nicht mehr langfristig, sondern nur noch in Projekten geplant. In dieser «Projektlogik» müssen sich die Universitäten für Forschungsgeldet nicht nur an die Privatwirtschaft, sondern hauptsächlich an den Nationalfonds oder an die Fördertöpfe der EU wenden.
Stehen die Universitäten unter Druck?
Ja – vor allem dann, wenn sie sich international profilieren wollen. Wer international an der Spitze mitmischen will, muss die Partnerschaft mit Privaten suchen. Die ETH betreibt ja ein Labor in Singapur, die EPFL ist in den Emiraten präsent: Um dies zu finanzieren und um die besten Forscher anzuziehen, braucht es Drittmittel. Der Bund hat zwar um die Jahrtausendwende die Bildung zur obersten Priorität erklärt; er stellt allerdings nicht so viele Mittel bereit, wie möglich wäre.
Ist dies als Kritik zu verstehen? Es ist einerseits eine Feststellung und andererseits ein Bedauern. Die öffentliche Hand wollte ursprünglich die Bildungsbeiträge um sechs Prozent jährlich wachsen lassen. In den letzten Jahren haben sich die Beiträge aber jeweils bloss um rund drei Prozent erhöht.
Sind die Humanwissenschaften gefährdet?
Der Anteil der Humanwissenschaften aus der öffentlichen Finanzierung stieg in den Neunzigerjahren leicht an und blieb danach stabil. Eine akute Gefährdung gibt es nicht. Allerdings gibt es ein anderes Problem: Die Forschung in den Humanwissenschaften ist nur begrenzt mit der Projektlogik vereinbar, die sich vielerorts durchsetzt. Ein Beispiel ist das Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften Fors: Hier werden langfristige Datenbanken aufgebaut, die über Generationen reichen sollen. Um die nötigen Gelder zur Pflege der Daten muss im Abstand von vier oder acht Jahren immer wieder gekämpft werden.
Wie steht es im Zeitalter der Projektlogik um die Unabhängigkeit der Forschung?
Die Unabhängigkeitsdebatte wurde schon geführt, bevor das Thema Drittmittelfinanzierung überhaupt aufkam. So heikel die Frage nach der Unabhängigkeit auch sein mag – in der Praxis ist sie heute nicht sehr zentral. An den Universitäten gibt es Chartas und Richtlinien, die das Verhältnis ziemlich klar regeln. Streitpunkte gibt es allenfalls um die Veröffentlichung der Resultate, wenn finanzierende Unternehmen ein Interesse haben, die Daten unter Verschluss zu halten. Die Universitäten müssen aber auf jeden Fall wachsam bleiben.
Also ist die Forschungsfreiheit nicht in Gefahr?
Die Kooperation zwischen Universitäten und dem Privatsektor beruht auf mittelfristigen Verträgen – es geht selten um mehr als fünf bis zehn Prozent des totalen Hochschulbudgets. Gibt es Streitigkeiten zwischen den Partnern, so wird die Partnerschaft ganz einfach nicht weitergeführt. Die Universitäten sind genug stark, um sich von den Unternehmen nicht über den Tisch ziehen zu lassen.
Werden wir in Zukunft weitere Initiativen wie diejenige der UBS erleben?
Ich glaube nicht, dass das Sponsoring von Instituten an öffentlichen Universitäten und Fachhochschulen zur Regel wird. Kleinere Stiftungen, die einzelne Lehrstühle unterstützen, wird es allerdings weiterhin geben. Solange genug Geld vom öffentlichen Sektor bereitgestellt wird, bleiben die Beiträge des Privatsektors im Gesamtbudget der Universitäten begrenzt. Der Grund dafür liegt auch in der Sache: Die Mission der Universitäten bleibt die Grundlagenforschung – die Interessen der Unternehmen liegen dagegen im angewandten Bereich. Marketingaktionen wie das Rolex Center an der ETH Lausanne werden auch in Zukunft die Ausnahme bleiben. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.04.2012, 19:06 Uhr
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13 Kommentare
......wenn finanzierende Unternehmen ein Interesse daran haben die Daten unter Verschluss zu halten. Diese Aussage allein ist schon alarmierend genug. Wen wundert es, dass Forschung in "unrentablen" Gebieten stagniert. Und dass die "uninteressanten" Unis weniger Sponsoring erhalten unterstreicht, dass der Staat dafür sorgen muss, dass die Mittel im Sinne der Allgemeinheit eingesetzt werden. können Antworten
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