Swatch muss Uhrwerke liefern – doch die Konkurrenz will sie nicht

Der Uhrenkonzern will einen Deal mit der Wettbewerbsbehörde ändern – die Branche hat wenig Verständnis.

Die Swatch Group muss Uhrwerke liefern – die Konkurrenz muss diese jedoch nicht abnehmen. Foto: Mario Fourmy (Laif)

Die Swatch Group muss Uhrwerke liefern – die Konkurrenz muss diese jedoch nicht abnehmen. Foto: Mario Fourmy (Laif)

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Die Verhältnisse sind kompliziert, die Stimmung ist gereizt. Die Rede ist vom Lieferregime bei Uhrwerken, das die Konkurrenz der Swatch Group im Jahr 2013 mit gezielten Interventionen bei der Wettbewerbskommission (Weko) eingebrockt hat. Diesen Deal möchte Swatch-Group-Chef Nick Hayek abändern lassen, zum Ärger mancher Abnehmer. «Gespräche mit Swatch Group und anderen Parteien haben stattgefunden», bestätigt Weko-Sprecher Patrik Ducrey. «Einen Entscheid hat die Wettbewerbskommission noch nicht gefällt.»

Leicht wird das nicht. Der weltgrösste Uhrenkonzern wurde von der Weko als marktbeherrschend eingestuft und muss etwa 80 Hersteller noch bis Ende 2019 mit genau festgelegten Mengen an mechanischen Uhrwerken beliefern. Die Hersteller dürfen bis zur Höchstmenge ordern, müssen es aber nicht. Kurz: Swatch ist im Lieferzwang, die Konkurrenz hat aber keine Abnahmepflicht.

Das Regime hat für Swatch unerfreuliche Folgen. Da die Uhrenexporte seit über einem Jahr schrumpfen, bestellen die Abnehmer im Schnitt viel weniger Uhrwerke. «Die Bestellungen für 2017 liegen zwischen 30 und 40 Prozent unter Vorjahr», sagt Hayek. Vereinzelt sei es noch schlimmer. «Sellita, einer der grössten Abnehmer, bestellt für 2017 noch rund 10 Prozent der Menge des Vorjahres», die Rolex-Tochter Tudor «nichts mehr. Das kostet uns viel Geld.»

«Möchten an Dritte verkaufen»

Die ungenutzte Kapazität herunterfahren oder sie anderweitig einsetzen könne er praktisch nicht, sagt Hayek, da die im Weko-Deal begünstigten Konkurrenten «später zum Beispiel für 2018 wieder so viel bestellen können, wie dort festgelegt ist». Die von der Weko bis Ende 2019 festgelegte Lieferpflicht für mechanische Werke stelle er «nicht infrage», betont Hayek. «Aber wir suchen das Gespräch mit der Weko, ob wir die von der Konkurrenz nicht mehr bestellten Uhrwerke an andere interessierte Drittfirmen verkaufen können.»

Rolex nimmt zum Vorgehen der Swatch Group keine Stellung. Andere Konkurrenten wie Sellita sind strikte gegen eine Anpassung des Weko-Deals. «Wir finden, dass die im Jahr 2013 zwischen der Weko und der Swatch Group verbindlich vereinbarte einvernehmliche Regelung für alle betroffenen Parteien bis Ende 2019 unverändert gelten sollte», sagt Sellita-Chef Miguel Garcia.

Hin und her gerissen ist Jean-Claude Biver, Chef der Uhrensparte im Luxuskonzern LVMH, der unter anderem Hublot und TAG Heuer anbietet. «Ich finde es normal, dass die Swatch Group nicht benötigte Uhrwerke an andere Dritte verkaufen will», sagt Biver. «Ich kann aber auch nachvollziehen, wenn alternative Anbieter eine Gefahr sehen, wenn die Vereinbarung der Weko mit der Swatch Group vorzeitig abgeändert wird.»

Einziger alternativer Hersteller

Sellita ist derzeit der einzige alternative Hersteller, der im grossen Stil Uhrwerke herstellt und an Drittfirmen vertreibt. «Die Bedingungen, zu welchen die Swatch Group ihre Lager abbauen möchte, sind mit dem Text und Sinn der vor drei Jahren erlassenen Weko-Verfügung nicht vereinbar», begründet Sellita-Chef Garcia seine Ablehnung. «Zwei Drittel der Uhrwerke produzieren wir selbst», sagt Sellita-Chef Garcia, «ein Drittel kaufen wir von Swatch Group.» Mit anderen Worten: Für eine Aufweichung des Weko-Deals sei es zu früh.

Skeptisch ist auch der Uhrenhersteller Oris. Wer Schweizer Uhren zu einem Verkaufspreis zwischen 1000 und 4000 Franken anbieten wolle, sei darauf angewiesen, dass er mechanische Uhrwerke mit hoher Qualität zu einem vernünftigen Preis beziehen könne, sagt Oris-Chef Rolf Studer, sonst könne eine Uhrenfirma dieses Geschäftsmodell nur schwer weiter verfolgen. Solche Uhrwerke könnten indes nur Hersteller anbieten, die sehr hohe Stückzahlen produzieren. «Der Aufbau solcher Alternativen zur Swatch Group ist aufwendig und braucht Zeit», sagt Studer, «eine Aufweichung der Verfügung der Weko vor Ablauf kann diesen Prozess behindern.» Es sei doch interessant, dass die Swatch Group jetzt mehr Uhrwerke liefern wolle, wo der Markt mit Überkapazität kämpfe, sagt Oris-Chef Studer. Als die Werke knapp gewesen seien, habe Swatch Group darum gekämpft, möglichst wenige Werke an Dritte zu liefern.

«Keine klare Linie»

Uhrwerke für Dritte will auch Ronda produzieren. Das Projekt gefährde Hayek nicht, sagt Ronda-Chef Erich Mosset, «aber es geht darum, dass die Swatch Group ihre dominante Stellung nicht ausnützt.» Zuerst habe die Swatch Group die Konkurrenz dazu gezwungen, eine eigene Produktion für Uhrwerke aufzubauen, sagt Mosset: «Angesichts des schwachen Marktes wird diese Politik jetzt umgestossen, was keine klare Linie zeigt.»

«Ich verstehe die Argumente beider Seiten», sagt Biver. «Es ist eine schwierige Situation, in der die Weko sorgfältig die Interessen aller Beteiligten abwägen muss, bevor sie einen Entscheid fällt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2016, 22:25 Uhr

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Schuld an der schwierigen Lage sind laut der Uhrenindustrie der starke Franken und die schwache Nachfrage in der wichtigsten Absatzregion China und Hongkong. Dort nehmen die Behörden seit einiger Zeit im Kampf gegen Korruption auch das Verschenken von Luxusartikeln unter die Lupe. Zudem schwächelt mit China die zweitgrösste Volkswirtschaft. Wegen der Terroranschläge in Europa, der politischen Spannungen im Nahen Osten und der Wirtschaftskrise in Russland nehmen ausserdem die Touristenströme ab. Und rund um den Persischen Golf beeinträchtigt der tiefe Ölpreis die Nachfrage nach Luxusgütern. (Reuters)

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