Manor trackt Kundenbewegung im Laden

Mit dem Zugriff auf die WLAN-Handydaten der Kunden erfasst Manor in einem Warenhaus die Besucherströme. Konsumentenschutz und IT-Experten kritisieren das Vorgehen.

Die neue Art des Datensammelns durch den Detailhändler Manor provoziert Kritik beim Konsumentenschutz und bei IT-Experten.

Die neue Art des Datensammelns durch den Detailhändler Manor provoziert Kritik beim Konsumentenschutz und bei IT-Experten. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

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Das Schild fristet ein kümmerliches Dasein neben der Rolltreppe. Es ist weder besonders gross noch so platziert, dass es jedem sofort ins Auge stechen würde. Der Text auf dem Schild hat es jedoch in sich. Es befindet sich in einem Warenhaus des Detailhändlers Manor in Basel. «Wir führen derzeit eine anonyme statistische Studie der Besucherströme durch», steht dort. Und weiter: «Wenn Sie nicht teilnehmen möchten, deaktivieren Sie bitte WLAN- und Bluetooth-Funktionen auf Ihrem Mobiltelefon.»

Die Sammelwut der Unternehmen nimmt damit nochmals eine neue Qualität an. Bislang sorgten vor allem intelligente Kameras für Aufregung, die nicht nur die Zahl der Kunden messen, die einen Laden betreten, sondern etwa auch deren Geschlecht oder Alterskategorie. Dass nun Detailhändler Smartphones und andere internetfähige Geräte nutzen, um Kundenströme und Konsumverhalten zu messen, ist neu. «Ich kenne kein Beispiel eines Detailhändlers, der dies schon getan hätte», sagt Gudio Rudolphi, Experte für Sicherheit im Internet. Einzig Globus hat dies kurz getestet, aber wieder verworfen.

Bekannt ist, dass etwa die SBB mit ihrem kostenlosen WLAN-Angebot an den Bahnhöfen Nutzungs- und Bewegungsprofile mittels Handy-Daten erstellen. Mit diesen Daten soll der Personenfluss an den Bahnhöfen optimiert werden. Eine anderweitige Bearbeitung der Daten finde derzeit aber nicht statt, sagt eine Sprecherin.

«Lediglich ein temporäres Projekt»

Der Detailhändler Manor betont, dass es sich lediglich um ein temporäres Projekt in der Lebensmittelabteilung des Basler Warenhauses handle. Die Daten würden gesammelt, um die Kundenströme im Hinblick auf einen Umbau zu messen, sagt Sprecherin Elle Steinbrecher. Das Pilotprojekt startete Mitte Juli und läuft noch bis und mit nächsten Samstag. Manor fasse den Umbau der Lebensmittelabteilung in den nächsten zwei bis drei Jahren ins Auge.

«Wir messen lediglich die Schritte der Kunden, andere Daten werden nicht erhoben», sagt Steinbrecher. Die Firma arbeite diesbezüglich mit einem Partner aus Belgien. Das Pilotprojekt sei gesetzeskonform, dies habe die Partnerfirma in der Schweiz abgeklärt. Reagiert hat Manor auf den Umstand, dass das Hinweisschild an einer wenig prominenten Stelle im Warenhaus platziert wurde. Man habe den Standort des Schildes bereits verändert, damit die Hinweise für den Kunden noch ersichtlicher seien, sagt Steinbrecher.

Das Vorgehen von Manor provoziert Kritik. Die Stiftung für Konsumentenschutz lehne diese Art der Datensammlung ab, sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. Dem Detailhändler sei immerhin zugutezuhalten, dass die Konsumenten darauf hingewiesen würden und sie eine Möglichkeit hätten, nicht erfasst zu werden. «Dennoch fordern wir, dass die Kunden möglichst prominent auf die Datenerhebung hingewiesen werden.»

Daten müssen wieder gelöscht werden

Das Messen von Besucherströmen mittels Tracking sei grundsätzlich erlaubt, sagt Francis Meier, Sprecher des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten. Allerdings müssen die personenbezogenen Daten zum frühestmöglichen Zeitpunkt gelöscht oder anonymisiert werden. Zudem muss die Datenbank vor Zugriffen durch Unbefugte geschützt werden.

Eine Bewilligung der betroffenen Personen sei erst nötig, sagt Meier, wenn etwa die Daten dazu genutzt würden, das Verhalten einzelner Kunden zu analysieren. Die Einwilligung sei jedoch nur dann gültig, wenn die Betroffenen vorgängig und transparent informiert wurden. Manor betont, dass die Daten nicht auf Basis einzelner Kunden ausgewertet würden, sondern dass es um die Laufwege der Kunden gehe.

Technisch ist das Tracking per WLAN möglich, weil Smartphones und andere internetfähige Geräte auf der Suche nach einem WLAN-Netz ein Funksignal aussenden und gleichzeitig eine eindeutig identifizierbare Nummer übermitteln, die sogenannte MAC-Adresse. Nur wer das WLAN ausschaltet oder eine App installiert, welche die MAC-Adresse ständig ändert, kann das Datensammeln verhindern.

«Wir beobachten die Entwicklung mit Schaudern»

Generell steht Sara Stalder vom Konsumentenschutz der Sammelwut der Unternehmen sehr kritisch gegenüber. «Wir beobachten diese Entwicklung mit Schaudern. Einhalt gebieten kann man dem mit dem gültigen Datenschutzgesetz aber leider nicht.» Das Gesetz wird zurzeit revidiert, innerhalb eines Jahres soll das Justizdepartement einen Vorentwurf vorlegen.

Stalder sorgt sich vor immer umfassenderen Datensammlungen. Wenn nun auch noch das Konsumverhalten im Laden nachverfolgt werde, so drängten die Unternehmen immer stärker in die Privatsphäre ein. Letztlich sei völlig unklar, was mit den erhobenen Daten später passiere.

Auch IT-Experte Rudolphi zeigt sich skeptisch. «Ich glaube nicht, dass es bei diesem Pilotprojekt bleiben wird.» Die Unternehmen hätten ein grosses Interesse an umfassenden Datensammlungen. Schliesslich gehe es den Detailhändlern darum, ähnlich wie im Onlinehandel nun auch in den Läden vor Ort das Konsumverhalten der Kunden vorwegzunehmen und diese immer stärker zu lenken. So könnten die Firmen den Kunden wie bereits im Internet künftig auch im Laden mit personalisierter Werbung ansprechen.

Andere Detailhändler haben keine solchen Pläne

Wie eine Umfrage zeigt, hat derzeit kein Detailhändler Pläne, die Kundenströme oder das Konsumverhalten mittels WLAN oder Bluetooth zu ermitteln. Coop betreibe kein solches Personentracking und plane auch keines oder Ähnliches, sagt Sprecher Urs Meier. Es seien auch keine anderweitigen elektronischen Massnahmen zur Messung von Kundenströmen oder -bewegungen geplant oder durchgeführt worden. Auch Migros betreibt kein Tracking oder hat solche Pläne. Es würden einzig von Zeit zu Zeit Kunden gefragt, ob Sie sich beim Einkauf begleiten liessen. Studenten notierten dabei das – anonyme – Einkaufsverhalten. Globus, Ikea und Vögele verfügen über ein Personenzählsystem an den Eingängen ihrer Filialen, welche ähnlich wie eine Lichtschranke funktionieren. Absichten, ein WLAN-Tracking einzuführen, bestünden derzeit nicht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2015, 18:10 Uhr

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