«Man spürt, wie einem die Firma entrissen wird»

Urs F. Burkard, der die Sika-Gründerfamilie vertritt, redet über ungebetene Gäste bei VR-Sitzungen und erklärt, warum er Leute wie Monika Ribar nicht mehr dabeihaben möchte.

Seit 25 Jahren im Sika-Verwaltungsrat: Urs F. Burkard, aufgenommen im Februar 2015 in Zürich. Foto: Esther Michel

Seit 25 Jahren im Sika-Verwaltungsrat: Urs F. Burkard, aufgenommen im Februar 2015 in Zürich. Foto: Esther Michel

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In zwei Interviews hat Paul Hälg, der Präsident von Sika, in den ­letzten Tagen erklärt, er habe nie eine Entfremdung mit der Familie Burkard empfunden. Was sagen Sie dazu?
Er wischt einfach Vorkommnisse aus den letzten Jahren unter den Tisch, die meine Familie tief verletzt haben. Es ­eskalierte, als die Familienholding SWH einstimmig beschloss, meinen Bruder Fritz für den Verwaltungsrat von Sika zu nominieren. Dies geschah auch auf ausdrücklichen Wunsch unserer Mutter. Man wollte jedoch meinen Bruder nicht. Der Verwaltungsrat drohte gar mit Rücktritten. Meine Mutter war vor den Kopf gestossen, wie mit ihrem Sohn umgesprungen wurde.

Die Sika-Leitung argumentiert, dass Fritz Burkard, der das Geschäft von Sika in Italien leitete, seine Budgetvorgaben nie erfüllt habe. Das sei keine gute Voraussetzung für einen VR-Job.
In den fraglichen Jahren hatten viele Firmen in Italien ihre Ziele nicht erreicht. Frau Ribar hatte bei Panalpina auch nicht immer alle Budgets erfüllt, trotzdem ist sie im Verwaltungsrat der Sika. Mein Bruder hat jedoch ein grosses Wissen über die Produkte und Märkte der Sika. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht für alle angenehm gewesen wäre, einen profunden Kenner und zugleich wichtigen Aktionär der Firma im VR zu haben.

Sie waren also der Meinung, dass Fritz alle Voraussetzungen für den VR-Sitz mitbrachte?
Ja. Heute ist er Mitglied des Verwaltungsrats des grössten italienischen ­Zementherstellers Italcementi.

Wären Sie zu seinen Gunsten aus dem VR zurückgetreten?
Wir beabsichtigten, ein bis zwei Jahre zusammen im VR zu sein, dann hätte ich aufgehört. Dies wurde auch so kommuniziert. Dann schlugen wir Jürgen Tinggren für den VR vor, einen ausgewiesenen Fachmann, der früher bei Sika Konzernleitungsmitglied war und später bei Schindler CEO wurde. Seine Nomination beim Sika-VR geriet zum wahren Spiessrutenlauf. Erst nach grossem Druck der Familie wurde er zum Vizepräsidenten gewählt, aber als solcher vom Verwaltungsrat nie ins Handelsregister eingetragen. Die Schenker-Winkler-Holding (SWH) sah sich gar veranlasst, beim Basler Professor Peter Böckli ein Gutachten in Auftrag zu geben, um dem Verwaltungsrat klarzumachen, welche Rechte der SWH zustehen. Wie kann Paul Hälg sagen, es habe keine Spannungen mit der Familie gegeben?

Im Sika-Verwaltungsrat heisst es, Sie hätten sich geweigert, zugunsten Ihres Bruders zurückzutreten.
Das ist eine Unterstellung.

Wie erklären Sie sich den Widerstand des Verwaltungsrats gegen Ihre Familie?
Ich bin seit 25 Jahren Sika-Verwaltungsrat. Am Anfang standen die Kollegen loyal zur Familie. In den letzten Jahren kamen neue Verwaltungsräte dazu, die sich für die Anliegen der Familie nicht interessierten. So sagte mir Monika Ribar klipp und klar, dass man gegen eine stärkere Vertretung der Familie im Verwaltungsrat sei. Die Familie hat deshalb den Wunsch geäussert, dass sie nicht wiedergewählt werde.

Weshalb möchten Sie auch Daniel J. Sauter als Verwaltungsrat abwählen?
Daniel Sauter befindet sich in einem eklatanten Interessenkonflikt. Er organisiert tatkräftig den Widerstand, nutzt seine Kontakte als Bankpräsident zu Investoren und ist mit seiner schroffen Art zur Lösungsfindung nicht prädestiniert. So führte er an einer Sitzung aus: «Schickt uns Fritz Burkard, dem machen wir die Knöpfe dann schon ein.» Bei einer anderen Gelegenheit sagte er: «Das Beste, was die Familie in den letzten 20 Jahren gemacht hat, war den Mund zu halten und sich nicht ins operative Geschäft einzumischen.» Anfangs stand er noch loyal zur Familie. Doch als er Verwaltungsratspräsident der Bank Bär wurde, machte er eine Wandlung durch. Wenn man so mit der Gründerfamilie umgeht, muss man sich nicht wundern, wenn Verkaufsgedanken aufkommen.

Was haben Sie Sauter geantwortet?
Ich hatte ihm unter vier Augen gesagt, dass er gegenüber der Gründerfamilie anständiger sein müsse. Er war dann rot angelaufen und hatte sich entschuldigt. Überdies hatten wir ohnehin mit ihm ­abgemacht, dass er auf die Generalversammlung von diesem April zurücktritt. Daran hat er sich nicht gehalten.

Sauter und Ribar sehen sich als unabhängige Verwaltungsräte, die sich den Publikumsaktionären verpflichtet fühlen.
Als die beiden gewählt wurden, sahen sie das aber noch nicht so. Sie sind nur mit unserer Unterstützung in den Verwaltungsrat gekommen und haben sich dann von uns abgewandt. Interessant ist das im Fall von Sauter. Er war bei Glencore-Xstrata tätig, als ich vorschlug, ihn in den Sika-VR zu holen. Dies war sein erstes prominentes VR-Mandat. Mit meiner Anfrage habe ich ihm diese Karriere erst ermöglicht.

Wie haben die VR-Mitglieder auf das Gutachten von Professor Böckli reagiert?
Das Gutachten wurde Paul Hälg zugestellt, und es fand danach eine Sitzung mit Professor Böckli statt. Mehr geschah nicht.

Wie kann man als Vertreter der Familie in diesem Verwaltungsrat zusammenarbeiten?
Solange der Umgang sachlich und mit gegenseitigem Respekt erfolgt, besteht kein Problem. Das war in letzter Zeit ­jedoch je länger, je weniger der Fall. Sowohl Jürgen Tinggren wie auch Willy Leimer, welche die Interessen der Familie vertreten, werden von einigen Verwaltungsräten nicht akzeptiert. Ich selbst merkte, wie der Respekt vor uns fünf Geschwistern verloren ging. Man spürt, wie einem die Firma entrissen wird, aber man kann sich nicht dagegen wehren. Dies beschleunigte unser Bedürfnis, die Nachfolge im Ankeraktionariat sowie unsere Familiennachfolge zu regeln.

Allen Reibereien zum Trotz ist die Familie mit ihrem Sika-Paket bis jetzt sehr gut gefahren. Es wirft viel Geld ab.
Das stimmt. Wir anerkennen die Leistungen des aktuellen Managements und der früheren Führungsgarden. Zudem hat das gute wirtschaftliche Umfeld geholfen.

Fühlen auch Ihre Nachkommen und jene Ihrer Geschwister noch eine emotionale Bindung zu Sika?
Wir fünf Geschwister kennen uns und können uns verständigen. Bereits in der nächsten Generation – derzeit sind es elf Personen – werden unterschiedliche Sprachen gesprochen, und es wird schwieriger, sich zu verständigen. Die Einflussnahme der Familie auf Sika wird nicht mehr möglich sein. Deshalb haben wir fünf uns entschieden, uns vom Sika-Paket zu trennen.

Wäre das auch im Sinn Ihrer Mutter gewesen?
Diskussionen fanden schon zu Lebzeiten meiner Mutter statt. Wir hatten über den Auskauf von Geschwistern und ­andere Möglichkeiten geredet. Sie war offen, Lösungen zu diskutieren, und sie wusste, dass wir eines Tages das Paket verkaufen würden. Das Versprechen, das wir fünf ihr gegenüber abgegeben hatten, war, dass wir das nicht zu ihren Lebzeiten tun würden.

Bis heute scheint es so, als sei der Verwaltungsrat aus allen Wolken gefallen, als Sie den Verkauf bekannt gaben.
Wenn der Verwaltungsrat behauptet, er hätte das nie für möglich gehalten, dann hätte er sich besser umhören müssen. Der heutige Sika-Chefjurist und Sekretär des Verwaltungsrats, Stefan Mösli, anfangs Sekretär meines Vaters und der ­Familienholding SWH, hat den Vorschlag zur Opting-out-Klausel ausgearbeitet. Er hatte alle Protokolle geschrieben und weiss genau, dass wir die Option zum Verkaufen immer offen liessen. Stefan Mösli protokollierte bei anderer Gelegenheit auch folgenden Satz an die Adresse des Managements der Sika: «Das Management muss immer die Drohung haben, dass sich die Familie jederzeit aus dem Engagement verabschieden kann.» Es ist ein Faktum, dass wir fünf Geschwister nicht in der Position sind, das Unternehmen operativ zu führen. Mein Vater sagte immer, dass es in diesem Fall das Beste wäre, wenn sich die Familie vom Engagement trennt. Und zwar zum bestmöglichen Preis. Christoph Tobler schliesslich war Konzernleitungsmitglied von Sika, ging dann weg und kam zurück in den Sika-VR. Er war ebenfalls informiert und bekam die Diskussionen innerhalb der Familie mit. Er kann beim besten Willen nicht behaupten, dass er von nichts wusste.

An der ausserordentlichen Generalversammlung an diesem Freitag werden Sie mit Ihren Anträgen einmal mehr eine Abfuhr erleiden, weil Paul Hälg wohl erneut die Vinkulierung geltend machen wird.
Herr Hälg hat tatsächlich eine erneute Stimmrechtsbeschränkung bereits in Aussicht gestellt. Dies, obschon bei vinkulierten, nicht börsenkotierten Namenaktien gilt, dass bei einer Verweigerung der Eintragung des Käufers im Aktien­register sämtliche mit den Aktien verbundenen Rechte – insbesondere die Stimmrechte – bei der Verkäuferin verbleiben. So steht es im Artikel 685c des Obligationenrechts geschrieben. Hinzu kommt, dass bis heute noch gar keine Aktie übertragen wurde und deshalb die Vinkulierungsbestimmungen gar nicht zur Anwendung kommen.

Sie werden trotzdem Ihren Kandidaten, den Zürcher Anwalt Max Roesle, nicht in den Verwaltungsrat bringen können.
Ich hätte gern, wenn Roesle als Jurist im VR dabei wäre. Seit einem halben Jahr sitzen bei unseren VR-Sitzungen neben dem Chefjurist Mösli ein externer Anwalt, Professor Peter Nobel und die US-Berater Perella Weinberg dabei, obwohl sie hier gar nichts zu suchen haben. Ich fühle mich überdies als Verwaltungsrat schlecht bedient: Protokolle kommen unregelmässig oder zu spät bei mir an. Ich werde auch von bestimmten VR-Sitzungen ausgeschlossen.

Paul Hälg betont in den jüngsten Interviews, dass auf der Ebene der Geschäftsführer bis heute niemand gekündigt habe. Entspricht das Ihren Beobachtungen?
Das mag formell stimmen. Äusserte sich aber jemand positiv zum Deal mit Saint-Gobain, legte man ihm nahe, zu gehen.

Offenbar gab es schon früher Gespräche zwischen Sika und Saint-Gobain über eine mögliche Zusammenarbeit. Wie viel davon ist dem Sika-VR bekannt?
In den letzten Jahren sind bei der Sika Studien über eine Zusammenarbeit mit Saint-Gobain gemacht worden. Diese Unterlagen werden den VR-Mitgliedern nicht herausgegeben. Das ist nicht korrekt. Immerhin sprach der frühere VR-Präsident Walter Grüebler damals vom «perfect match», nachdem er Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar zweimal in der Schweiz empfangen hatte. Nun stellt er sich gegen den Deal, jetzt, da die Familie diesen «perfect match» möglich macht.

Wie geht es nach der Versammlung am Freitag für die Familie weiter?
Der Verwaltungsrat hofft vergeblich, dass die Familie irgendwann die Geduld verliert, weil der Streit auf juristischer Ebene erst noch vor dem Zuger Ober­gericht und vielleicht auch vor Bundesgericht ausgetragen wird. Wir werden geduldig sein, weil wir von der Lösung mit Saint-Gobain überzeugt sind und den Kaufvertrag erfüllen werden. Trotzdem werden wir uns dafür einsetzen, dass Gespräche stattfinden und Lösungen gefunden werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2015, 23:22 Uhr

Urs F. Burkard

Der Vertreter der Familie

Der 58-jährige Schreiner/Innenarchitekt mit eigenem Geschäft ist das einzige Mitglied der Familie Burkard im Verwaltungsrat der Sika. Zusammen mit seinen vier Geschwistern hält der Nachkomme von Sika-Gründer Romuald Burkard dank Namenaktien mit nur 16 Prozent des Aktienkapitals 52,4 Prozent der Stimmrechte an Sika. Dieses Aktienpaket, das über die Schenker-Winkler-Holding gehalten wird, hat die Familie im Dezember für 2,75 Milliarden Franken an den französischen Konzern Saint-Gobain verkauft. (TA)

Kampf um Sika

Die Richter haben das letzte Wort

Am Freitag findet in Baar eine ausserordentliche Generalversammlung der Sika statt. Auf Antrag der Schenker-Winkler-Holding (SWH), die von der Familie Burkard an die französische Saint-Gobain verkauft worden ist, sollen die drei Verwaltungsratsmitglieder Paul Hälg (VR-Präsident), Monika Ribar und Daniel Sauter abgewählt werden. Die drei gehören nach Ansicht der Familie Burkard zu den treibenden Kräften im neunköpfigen Sika-Verwaltungsrat, die den Verkauf an die Franzosen mit allen Mitteln bekämpfen. An ihrer Stelle will die SWH den Zürcher Anwalt Max Roesle in den Verwaltungsrat bringen. Roesle soll auch ins Präsidium gewählt werden. Die Mehrheit des Verwaltungsrats empfiehlt den Aktionären die Ablehnung dieser Traktanden.
Bereits an der ordentlichen Generalversammlung im April war die SWH mit ihren Anträgen auf personelle Auswechslungen abgeblitzt. Der Verwaltungsrat hatte damals die Vinkulierung angewendet, wodurch die SWH nur mit 5 Prozent statt mit ihren 42,5 Prozent stimmen konnte. Zu diesem Mittel dürfte der Verwaltungsrat auch am Freitag greifen. Ob diese Stimmrechtsbeschränkung rechtens ist, muss das Kantonsgericht Zug entscheiden. Der Entscheid dürfte an das Bundesgericht weitergezogen werden. (rf)

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