Die Grenze der Forschungsfreiheit

Ein Bericht in der «New York Times» kritisiert am Beispiel von Syngenta, wie bezahlte Studien Forscher in Nöte bringen können. Auch bei der eidgenössischen landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope.

Wird die Forschung an Genmais von Saatgutkonzernen mitfinanziert, stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit der Wissenschaftler. Foto: Michael Gottschalk (Photothek/Getty)

Wird die Forschung an Genmais von Saatgutkonzernen mitfinanziert, stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit der Wissenschaftler. Foto: Michael Gottschalk (Photothek/Getty)

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Wie frei ist ein Wissenschaftler in seiner Arbeit, wenn diese durch ein Unternehmen finanziert wird? Der britische Biologe James Cresswell kennt eine der möglichen Antworten. 2012 beauftragte der Agrochemiekonzern Syngenta den Bienenspezialisten an der Universität von Exeter mit einer Studie über das weltweite Bienensterben. Ist die Varroamilbe schuld? Das behauptet die Agrochemieindustrie. Sind es die Pestizide, die Syngenta und Co. vertreiben? Das behaupten Gentechkritiker.

Cresswell stand damals sowohl dem Pestizidverdacht als auch dem Ausmass des Bienensterbens skeptisch gegenüber. Heute blickt Cresswell mit Schaudern auf das Projekt zurück, zu dem Syngenta 137 000 Pfund beisteuerte. Seine Erfahrungen endeten in einer ­beruflichen und persönlichen Krise, wie er in der «New York Times» berichtete. Seine Zusammenarbeit mit der Industrie sei vergleichbar mit dem Pakt von Faust mit Mephisto, schreibt der heute 54-Jährige. Um seine Vorwürfe zu belegen, stellte er seinen Mailverkehr mit Syngenta und der Universität zur Verfügung.

Als Syngenta ihm die Finanzierung anbot, sträubte sich Cresswell nämlich zuerst. Doch die Universität setzte ihn unter Druck. Ein Sprecher der Universität von Exeter erklärt, dass bis zu 15 Prozent der Forschung in Grossbritannien durch die Industrie finanziert werde. Die Geldgeber wüssten aber, dass sie «unabhängige» Analysen erhielten, die unvoreingenommen evaluiert würden.

Diskussion oder Beeinflussung?

Die Frage der Unabhängigkeit stellte sich Cresswell schon bald. In einer ersten Studie 2012 kam er zum Schluss, dass nicht die Varroamilbe für den Rückgang der Honigbienen verantwortlich sei. Das war gar nicht das, was Syngenta hören wollte. Der Konzern forderte den Forscher auf, seine Experimente anders auszurichten, die Parameter zu verändern. Ein Jahr später schrieb Cresswell, dass man zur Ansicht gelangt sei, dass die Varroamilbe die Bienenvölker dezimiere.

Von Beeinflussung will Syngenta nichts wissen. «Wir diskutierten und ­definierten die Richtung der Forschung partnerschaftlich mit dem Forscher, um sicherzustellen, dass sie fokussiert und relevant ist», so das Unternehmen. Für Cresswell wurde die «Partnerschaft» dennoch zur Hypothek: Umweltschützer schossen sich auf ihn ein. Und selbst seine Familie reagierte entsetzt darüber, dass er Geld von der Industrie kassiere.

Bei einer Anhörung im britischen Parlament über die Gefahren von Pestiziden nahm neben Cresswell ein anderer britischer Forscher teil. Geld von der Agrochemieindustrie zu nehmen, sei das Gleiche wie von der Tabakindustrie, die lange abgestritten habe, dass Rauchen süchtig mache, erklärte Dave Goulson, Biologieprofessor an der Universität von Sussex. Der Vergleich seines Kollegen habe ihn verletzt, gestand Cresswell. Die Zweifel an seiner Arbeit wurden so stark, dass er einen Zusammenbruch ­erlitt. Obwohl er das Studienergebnis öffentlich machte, wurde es nie publiziert.

Wer mit der Industrie zusammenarbeite, könne nicht gewinnen, kommentierte Goulson die Erfahrungen von Cresswell: «Beziehst du Geld, misstrauen die Leute deiner Forschung. Gibt man dir kein Geld, dann wirft man dir vor, du seist ein grüner Aktivist.»

Zu den Beispielen, die die «New York Times» ins Feld führt, gehört auch die deutsche Biologin Angelika Hilbeck. Das ist insofern interessant, als mit ihr Agroscope, die landwirtschaftliche ­Forschungsanstalt des Bundes, in den Fokus rückt. 1996 wurde sie als Postdoktorandin bei Agroscope mit einer vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Studie betreut. Sie sollte nachweisen, ob gentechnisch veränderter Mais auch für die Florfliege toxisch ist, ein Nützling, der sich unter anderem von den Larven von Maisschädlingen ernährt. Das Maissaatgut stellte Ciba-Geigy zur Verfügung, aus der heraus im Jahr 2000 Syngenta entstand.

Hilbecks Ergebnisse entsprachen in keiner Weise den Erwartungen von Ciba-Geigy. Der Genmais sei auch für die Florfliege toxisch, stellte Hilbeck fest.

Nach Darstellung der «New York Times» weigerte sich die Forscherin, einen Rückzieher zu machen. Ihr Vertrag bei Agroscope wurde 1999 nicht erneuert. Seit ihrem Abgang sollen Forscher von Agroscope viel unternehmen, um ihre Arbeit zu diskreditieren. Namentlich Jörg Romeis von der nach ihrem Abgang neu entstandenen Forschungsabteilung Biosicherheit habe sich darauf spezialisiert, Hilbeck-Studien durch Gegenstudien zu kontern. Nicht selten würden auch Mitarbeiter von Syngenta, DuPont und anderen Konzernen als Co-Autoren auftreten. Romeis und seine Kollegen seien besorgt über Hilbecks Forschung. Die Forscherin ­selber bezeichnet ihre Konkurrenten spöttisch als «meine kleinen Stalker».

Die «New York Times» stützt sich bei ihrer Darstellung auf einen E-Mail-Verkehr zwischen dem US-Landwirtschaftsministerium und Agroscope. Vom «Tages-Anzeiger» auf den Fall Hilbeck angesprochen, erklärt Syngenta, dass das Saatgut von Ciba-Geigy auf der Grundlage eines Vertrags geliefert wurde, der dem Unternehmen unter anderem das Recht einräumte, die Studienergebnisse vor der Publikation einzusehen. Diese Vereinbarungen seien auch heute Standard in der Forschung.

Hilbecks Versuchsanordnung sei jedoch «nicht adäquat für die wissenschaftliche Fragestellung» gewesen, das Ergebnis deshalb «künstlich negativ» ausgefallen. Ciba-Geigy habe das Ergebnis und die «nächsten Schritte» mit Agroscope besprochen. Was darunter zu verstehen ist, führt Syngenta nicht weiter aus. Der Konzern hält jedoch fest, man habe die Publikation bewilligt – mit der Aufforderung, die Ergebnisse in den «richtigen Kontext» zu stellen.

Kein Geld mehr von Industrie

Michael Gysi, Chef von Agroscope, erklärt, der Zeitungsartikel «enthalte falsch interpretierte Tatsachen und ­Unwahrheiten». Jörg Romeis sei bei Agroscope in den letzten 16 Jahren in Studien mit insgesamt 28 Nützlingen involviert gewesen. Angelika Hilbeck habe lediglich mit zwei davon Forschungen betrieben. Es sei falsch, Agroscope zu unterstellen, ihre Forschung diene hauptsächlich dazu, Hilbecks Ergebnisse zu bekämpfen. Lediglich in 13 von 123 untersuchten Publikationen von Romeis tauchten als Co-Autoren Industrievertreter auf. Agroscope lasse sich in ihrer Arbeit nicht von Geldgebern beeinflussen. Seit dem Jahr 2000 sei kein einziges Forschungsprojekt in Romeis Abteilung durch Gelder aus der Industrie mitfinanziert worden.

Trotzdem ist Syngenta bei Agroscope dabei. Zum einen durch das Bereitsstellen von Saatgut und Pestizidbestandteilen für Forschungszwecke auf der Basis von vertraglich abgesicherten Möglichkeiten der Einflussnahme bis zur Publikation. Forscher wie Cresswell und Hilbeck sprechen von Knebelverträgen. Zum anderen sitzt mit Gerardo Ramos der oberste Forschungschef von Syngenta im Bereich Pflanzenschutz im ­Wissenschaftsrat von Agroscope.

Angelika Hilbeck forscht seit Anfang 2000 an der ETH Zürich am Institut für Integrative Biologie. Die heute 57-jährige Wissenschaftlerin lässt weiterhin keine Gelegenheit aus, Forschungsergebnisse zu kritisieren, welche die Risiken gentechnologisch veränderter Pflanzen kleinreden. In gewisser Hinsicht steht auch ihr jetziger Arbeitsplatz im Dunstkreis von Syngenta. 2010 ging die ETH mit dem Agrokonzern einen auf zehn Jahre ausgelegten Vertrag ein, was damals für einige Kritik sorgte. Der Konzern finanziert bis 2020 einen Lehrstuhl für nachhaltige Agrarökosysteme im Umfang von 10 Millionen Franken. Die Forschungs- und Publikationsfreiheit sei im Donationsvertrag garantiert, erklärt eine Sprecherin der Hochschule. Zu den Gefahren einer Beeinflussung, wie sie die «New York Times» schilderte, will man sich bei der ETH nicht äussern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2017, 20:43 Uhr

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