Die etwas andere Swatch-Geschichte

Warum schwächelt die Schweizer Uhrenindustrie? Wegen Swatch. Das behauptet eine neue Studie der Universität Zürich. Die Gründe – und die Meinung von Swatch.

War für viele der Retter der Schweizer Uhrenindustrie: Der 2010 gestorbene Unternehmer Nicolas Hayek. Foto: Reto Hügin (RDB)

War für viele der Retter der Schweizer Uhrenindustrie: Der 2010 gestorbene Unternehmer Nicolas Hayek. Foto: Reto Hügin (RDB)

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Nicolas Hayek kann sich zu den Vorwürfen nicht mehr äussern. Der Vater der Swatch und Retter der schweizerischen Uhrenindustrie ist seit sechs Jahren tot.

Seine Nachkommen an der Spitze der Swatch Group verlieren nicht viele Worte: «Diese sogenannte Studie ist voller falscher Informationen, Anschuldigungen und unkorrekter Vermutungen und Hypothesen, die überhaupt nicht stimmen. Die Erfolgsbilanz der vergangenen 40 Jahre erfolgreicher Unternehmensführung des verstorbenen Nicolas G. Hayek und der Swatch Group spricht für sich», lässt die Medienstelle des grössten Schweizer Uhrenkonzerns wissen. Was falsch und unkorrekt sei, mag man nicht ausführen.

Bei der besagten Studie handelt es sich um eine knapp 120-seitige Untersuchung, die der Frage nachgeht, weshalb Korporatismus, also die Beeinflussung der Gesetzgebung durch bestimmte Interessengruppen, ein Versagen der guten Unternehmensführung bewirken kann – dargestellt am Beispiel der schweizerischen Uhrenindustrie.

Verfasst haben die Studie Isabelle Schluep Campo und Philipp Aerni vom Zentrum für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit an der Universität Zürich. Sie kommen darin zu folgendem Schluss: Die seit den 30er-Jahren staatlich protegierte Uhrenindustrie sei auf dem Höhepunkt ihrer Krise in den 70er- und 80er-Jahren auf Betreiben der involvierten Banken und im Einverständnis des Bundes in ein privates Monopol überführt worden, welches von der Familie Hayek dirigiert und dank rigider staatlicher Vorschriften («swiss made») erneut protegiert worden sei. Darunter leide die Innovationsfähigkeit der Uhrenindustrie, was es schwierig mache, auf neue technologischen Herausforderungen – Stichwort Smartwatch – rechtzeitig zu reagieren.

Protektion der Uhrenindustrie

Am Lack von Nicolas G. Hayek ist in den letzten Jahren immer wieder gekratzt worden. War er tatsächlich der Vater der Swatch, der Aussenseiter, der zum Retter der Uhrenindustrie wurde? Meist war die Kritik ein kurzes Aufflackern, da die Dokumente aus der fraglichen Zeit bis Ende 2015 unzugänglich im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv lagerten. Doch nun kann man die Papiere einsehen.

Um die besondere Protektion der Uhrenindustrie zu verstehen, muss man in die 30er-Jahre zurückblenden. Die Schweizer Uhrenhersteller dominierten nach dem Ersten Weltkrieg den Weltmarkt. Kartellistische Absprachen regelten die Branche. 1931 wurde mit Unterstützung der Eidgenossenschaft und der Banken die Asuag gegründet, eine Art Superholding, die den Markt für Bestandteile und Rohwerke kontrolliert. Der Bund half mit dem Uhrenstatut mit, das unter anderem Fabrikeröffnungen bewilligungspflichtig erklärte und Preise regulierte. Der Wettbewerb unter den Anbietern war praktisch ausgeschaltet.

Geholfen hat diese Abschottung auf Dauer nicht. Im Gegenteil: Als Ende der 70er-Jahre die japanische Konkurrenz mit der Quarzuhr auftrumpfte, hatten die Schweizer zu jener Zeit nichts Vergleichbares anzubieten.

Die Asuag hing am Tropf der Banken, allen voran der Schweizerische Bankverein, der Hauptaktionär war. Noch schlimmer präsentierte sich die Lage für das zweite Schwergewicht der Branche, die SSIH mit den Uhrenmarken Omega und Tissot. Die von der Schweizerischen Bankgesellschaft am Leben erhaltene Gesellschaft war konkursreif.

Infografik: Exporte der Schweizer Uhrenindustrie sinken

Nicolas Hayek rutschte Ende der 70er-Jahre über Beratungsmandate in die darbende Uhrenindustrie. Peter Gross, Generaldirektor der SBG, beauftragte ihn mit der Ausarbeitung eines Sanierungskonzepts für Omega und Tissot. Die Sanierung misslang laut den damaligen Involvierten vollkommen.

Während die SSIH konkursreif war, hatte die Asuag bereits ein schmerzhaftes Restrukturierungsprogramm hinter sich. Bei der Asuag-Tochter ETA tüftelten unter der Führung von Ernst Thomke zwei geniale Techniker an einer neuartigen Plastikuhr: der Swatch. Hayek, der im Auftrag von Gross die Asuag untersuchte, gab dem Unternehmen gute Überlebenschancen. Das in zehn Kopien vorliegende Papier wurde allerdings kurz darauf von der Hayek Engeneering zurückgezogen und vernichtet.

1982 drängten die Banken auf eine Verschmelzung der beiden Konzerne; der Bund, der an der Asuag beteiligt war, hatte keine Einwände. Das Problem: Die SSIH war ein Konkursfall, die Asuag jedoch nicht. Um dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen, bedienten sich die Verantwortlichen einer fragwürdigen Methode: Die Schweizerische Treuhand, eine Tochtergesellschaft des Bankvereins, erhielt den Auftrag, eine Aktienbewertung der Asuag vorzunehmen. Das Ergebnis: Die Asuag war ebenfalls konkursreif. «Die Bankverein-Leute haben während der Bewertungen in den Firmen direkte Weisungen an die Treuhandleute gegeben, um das negative Endresultat zu erreichen», beschrieb der letzte Asuag-Chef Renggli 2006 in einem Memorandum die Vorgänge. Der Fusion stand nichts mehr im Wege.

Asuag-Aktionär entschädigt

Für die Minderheitsaktionäre von Asuag, unter ihnen Uhrenfabrikanten, aber auch Private, kam dieser Schritt einer Enteignung gleich. Für jede Asuag-Aktie erhielten sie eine neue Aktie, die noch ein Zehntel von ihrem Preis wert war. Ihr Anteil am Aktienkapital sank auf 2,5 Prozent, der grosse Rest ging über die Umwandlung von Krediten in Kapital zu den Banken über. Bei der SSIH hingegen, die fast ganz den Banken gehörte, betrug das Austauschverhältnis eins zu eins.

Dokumentiert ist mindestens ein Fall eines erbosten Asuag-Aktionärs, der beim Schweizerischen Bankverein protestierte und prompt entschädigt wurde – allerdings unter der Auflage, Stillschweigen darüber zu bewahren.

Nicolas Hayek, der vom Berater zum Mitglied des Verwaltungsrats von SSIH-Asuag aufgestiegen war, kaufte Anfang 1985 auf Anraten von SBG-Generaldirektor Gross und mit finanzieller Unterstützung von Stephan Schmidheiny sieben Prozent des Aktienkapitals. Bis zum September hatte er einen Pool von Investoren zusammengetrommelt, der 51 Prozent des Aktienkapitals erwarb und Hayek das alleinige Stimmrecht gab. Geschätzter Wert: 153 Millionen Franken, was dem Nominalwert der Aktien entsprach. Hayek habe zu einem «Spottpreis» eine «wahre Goldmine» erhalten, hält der frühere Asuag-Chef Peter Renggli fest. Das Gold zutage gefördert hatte dabei vor allem Ernst Thomke, bis 1991 Generaldirektor der SMH, wie die fusionierte Asuag-SSIH erst hiess. Neben der Lancierung der Swatch hatte er auch Omega und Tissot saniert, was Hayek zuvor nicht gelungen war.

Infografik: Die Nachfrage nach Smartwatches steigt

Aus dem einst vom Bund mitinitiierten Monopolisten Asuag ist laut Einschätzung von Renggli und den beiden Studienautoren ein noch mächtigerer privater Monopolist geworden. Die Swatch Group dominiert heute als wichtigster Zulieferer für Uhrwerke, Einzelteile oder Batterien die gesamte Schweizer Uhrenbranche.

Und noch immer hat der Staat ein feines Gehör für die Wünsche der Uhrenmacher. Die Verschärfung der Swiss-made-Regulierung, die ab Anfang 2017 in Kraft tritt, ist wesentlich von der Swatch Group und dem von ihr dominierten Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH) angetrieben worden – gegen den Widerstand anderer Wirtschaftsbranchen in der Schweiz, aber auch unabhängiger Uhrenhersteller. Neu muss eine Uhr einen schweizerischen Wertschöpfungsanteil von mindestens 60 Prozent aufweisen. Die NZZ bezeichnete die bundesrätliche Verordnung als eine «veritable Lex Hayek». Für die Studienautoren manifestiert sich darin eine weitere korporatistische Massnahme, um unliebsame Konkurrenten aus dem Markt zu drängen.

Die Zuflucht zu staatlicher Regulierung, statt auf Wettbewerb und In­novationen zu setzen, könnte sich laut der Studie negativ auswirken. Ist die Schweizer Uhrenindustrie ungenügend auf technologische Umwälzungen vorbereitet, wie sie beispielsweise die Smartwatch darstellt? Noch lässt sich darauf keine verlässliche Antwort geben. Einer, der bereits jetzt zu wissen glaubt, wo es langgeht, ist Apple-Chef Tim Cook. Der branchenfremde Konkurrent behauptet neuerdings, er sei umsatzmässig der weltweit zweitgrösste Uhrenhersteller.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2016, 20:17 Uhr

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