Der neue Nestlé-Chef startet ohne grosse Worte

Ulf Mark Schneider trat gestern zum ersten Mal als Chef des Konzerns öffentlich auf. Seine Botschaft: Er stehe voll und ganz hinter der bisherigen Strategie von Nestlé.

Gibt sich bescheiden: Ulf Mark Schneider. Foto: Ulrich Baumgarten (Getty Images)

Gibt sich bescheiden: Ulf Mark Schneider. Foto: Ulrich Baumgarten (Getty Images)

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In leicht geduckter Haltung steht er nach der Medienkonferenz vor der Kamera. Ulf Mark Schneider beantwortet die Fragen der Fernsehjournalisten. Persönliche oder gar gewagte Statements gibt er nicht ab. Er äussert sich einzig zu den Wachstumszielen von Nestlé, zur Strategie des Konzerns, zu den Zahlen. Schneider hat Anfang Jahr den Chefposten des Nahrungsmittelkonzerns übernommen und ist am Donnerstag, anlässlich der Präsentation der Jahresergebnisse, zum ersten Mal seit Amtsantritt öffentlich aufgetreten.

Hätten die zig Journalistinnen und Journalisten im Auditorium im sechsten Stock der Konzernzentrale in Vevey allerdings nicht gewusst, wer vor ihnen steht, kaum einer hätte ihm wohl die Rolle des Konzernchefs zugeschrieben. Hätten die Präsentationsfolien nicht unmissverständlich darauf hingewiesen, dass es um einen Konzern mit knapp 90 Milliarden Franken Umsatz und rund 300'000 Mitarbeitern geht, wäre Schneider gut auch als Chef eines mittelständischen deutschen Industrieunternehmens durchgegangen.

Schneider strahlte bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Nestlé-Chef Bescheidenheit aus. Offensichtlich drängt es den neuen Konzernleiter nicht an die Öffentlichkeit. Seine Aussagen bleiben knapp, seine Sprache ist trocken und sachlich und seine Stimme eher leise. Gleichzeitig aber sind Schneiders Aussagen präzise, klar und unmissverständlich.

Von aussen gekommen

So zurückhaltend, wie Schneider sich beim öffentlichen Auftritt gibt, dürfte er im Geschäftsalltag, sprich an Verhandlungen und Sitzungen sowie im Umgang mit Team und Untergebenen, kaum sein. Sonst wäre er nicht an seine jetzige Position gekommen. Schneider tritt die Nachfolge von Paul Bulcke an, der an der kommenden Generalversammlung zum Verwaltungsratspräsidenten von Nestlé gewählt werden soll. Schneider ist der erste Chef des Nahrungsmittelmultis, der die Karriereleiter nicht innerhalb des Konzerns emporgeklettert ist. Kandidaten hätte es auch Nestlé-­intern gegeben – ausgesucht wurde schliesslich der Deutsche, der bereits in seiner vorhergehenden Position an der Spitze des deutschen Pharma-, Medizintechnik- und Spitalkonzerns Fresenius nicht durch grosse Worte und Ankündigungen aufgefallen war.

In der Öffentlichkeit kennt seinen ­Namen kaum jemand, obwohl Fresenius mittlerweile auf einen Umsatz von über 25 Milliarden Euro kommt und mehr als 220'000 Mitarbeitende beschäftigt. Sich empfohlen hat Schneider durch das, was er erreicht hat. Er hat den Pharma- und Medizintechnikkonzern zu dem gemacht, was er heute ist. Unter Schneiders Ägide hat sich der Umsatz von Fresenius mehr als verdoppelt und der Gewinn vervielfacht. Mehrere Milliardenübernahmen hat er dabei gestemmt, und dies erst noch – so schreiben es deutsche Wirtschaftsmedien – mit sehr viel Geschick. 2013 hat ihn eine Fachjury im deutschen «Manager-Magazin» zum Manager des Jahres gekürt.

Grosses Erbe

Bei Nestlé tritt Schneider ein grosses Erbe an: In zwei Jahrzehnten hat sich der Börsenwert des Konzerns mehr als verdreifacht, der Umsatz ist in einer ähnlichen Grössenordnung gestiegen, der Gewinn noch stärker. Unter den Schweizer Aktien gilt der Anteilsschein von Nestlé als einer der solidesten. In den letzten Jahren hat Nestlé zudem Jahr für Jahr seine Dividende an die Aktionäre erhöht – auch in den letzten vier Jahren, in denen Nestlé sein ambitioniertes Wachstumsziel nicht mehr erreichte. Die Erwartungen an Ulf Mark Schneider, der bei Nestlé nur noch Mark Schneider genannt wird, sind entsprechend hoch: Der 51-jährige Manager soll Wachstumsimpulse geben.

Aufgrund seiner Vergangenheit gingen viele Analysten und Journalisten davon aus, dass er dies mit Übernahmen bewerkstelligen und dabei an der Schnittstelle der Nahrungsmittelindustrie zur Pharmabranche kratzen werde. Sprich: Nestlé sich in Richtung Pharmaindustrie bewegt. Diese Vorstellung hatte allerdings nur bis gestern Bestand. Bei seinem ersten Medienauftritt stellte Schneider nämlich vor allem eines klar: Viel wird sich mit ihm an der Spitze von Nestlé nicht ändern. Kurzfristig sogar erst einmal gar nichts.

Schneller reagieren

«Bei meiner Ernennung gab es viele Spekulationen über einen Strategiewechsel: Sie treffen alle nicht zu», sagte er. Zwar stellte Schneider nicht in Abrede, dass Akquisitionen von Firmen zum richtigen Zeitpunkt ein gutes Werkzeug zum Erreichen einer bestimmten strategischen Position sein können. Zukäufe zum Selbstzweck werde es aber nicht geben, Überraschungen seien keine zu erwarten. «Wir versuchen nicht, mit Deals die Finanzmärkte zu beeindrucken», lautete Schneiders Botschaft. Mit der Äusserung, Nahrungsmittel und Getränke blieben das Kerngeschäft, erteilte er den Spekulationen über einen grossen Zukauf im Gesundheitsbereich eine klare Absage.

Bewegen wird sich der Nestlé-Konzern dennoch – der neue Konzernchef betonte sogar, dass in Zukunft noch schneller auf Veränderungen in den Märkten reagiert werden müsse. Er wies auch auf weiteren Bedarf von Restrukturierungen zur Effizienzsteigerung hin. Für solche sind im laufenden Jahr 500 Millionen Franken vorgesehen und damit deutlich mehr als in der Vergangenheit. Allerdings stellte Schneider die Veränderungen alle immer als Teil einer kontinuierlichen Entwicklung dar. Bei einem Manager, der in Vergangenheit auch schon als «süchtig nach Fusionen und Übernahmen» bezeichnet wurde, muss sich erst zeigen, wie lange solche Aussagen Bestand haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 22:26 Uhr

Die Zahlen von Nestlé

Mehr Umsatz, weniger Gewinn

Nestlé hat im vergangenen Jahr zwar den Umsatz um 0,8 Prozent auf 89,5 Milliarden Franken gesteigert, der Reingewinn ging aber um 6,2 Prozent auf 8,9 Milliarden Franken zurück. Bereits 2015 hat der global ausgerichtete Nahrungsmittelkonzern einen Gewinnrückgang verbuchen müssen. Operativ und unter Ausschluss von Wechselkurseffekten weist Nestlé für 2016 indes ein besseres Ergebnis als fürs Jahr davor aus. Erneut verpasst wurde das selbst gesteckte Ziel, ohne Akquisitionen auf ein jährliches Umsatzwachstum zwischen 5 und 6 Prozent zu kommen.

2016 lag dieses sogenannte organische Wachstum bei 3,2 Prozent. Angesichts der konjunkturellen Unsicherheiten und der Ungewissheit, wie bei den Konsumenten die Preiserhöhungen ankommen, rechnet man in Vevey auch für das laufende Jahr nur mit einem Umsatzplus von 2 bis 3 Prozent. Der neue Konzernchef Mark Schneider stellte aber auch klar, dass sich am bisherigen langfristigen Wachstumsziel von Nestlé durch diese vorsichtige Prognose nichts ändere. (rj/SDA)

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