Bei Sika geht der Machtkampf planmässig weiter

Der Baustoffkonzern wehrt die Übernahme durch Saint-Gobain erneut ab. Die Erbenfamilie Burkard bekräftigt ihren Deal mit den Franzosen.

Wiedergewählt: Verwaltungsratspräsident Paul Hälg bei der gestrigen Generalversammlung in Baar. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Wiedergewählt: Verwaltungsratspräsident Paul Hälg bei der gestrigen Generalversammlung in Baar. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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«He Paul, gib dr en Ruck.» Der kollegiale Zuruf von Urs Burkard an Paul Hälg in der Waldmannhalle in Baar erinnert daran, dass die Herren und eine Dame in der vordersten Reihe der Sika-Generalversammlung einmal einen freundschaftlichen Umgang gepflegt haben. Aus diesen Zeiten ist nur noch das Du übriggeblieben.

Präsident Paul Hälg, Monika Ribar und die Mehrheit des Sika-Verwaltungsrats fechten einen erbitterten Kampf gegen Urs Burkard und zwei mit ihm verbundene Verwaltungsräte aus. Die Abwehr des Verkaufs der Kontrollmehrheit am Bauchemiehersteller Sika an den französischen Konzern Saint-Gobain durch die Erbenfamilie Burkard dauert nun schon über zwei Jahre. Am Dienstag ist die vierte Generalversammlung im Zeichen des Übernahmekonflikts über die Bühne gegangen.

Wer nicht zugegen war, hat nicht allzu viel verpasst. Paul Hälg und seine Getreuen sind komfortabel wiedergewählt worden, weil sie die Stimmenmehrheit der Familie erneut von 53 Prozent auf 5 Prozent beschränkt haben. Dem von der Familie zum zweiten Mal portierten Kandidaten Jacques Bischoff ist die Wahl in den VR mit 86 Prozent Nein-Stimmen verwehrt worden.

Freut sich die Familie?

Die Familie «revanchierte» sich dort, wo die vom Gericht abgesegnete Vinkulierung nicht angewendet werden darf: Kraft ihrer Stimmenmehrheit müssen die «dissidenten» Verwaltungsräte auch in diesem Jahr auf ihr Honorar verzichten und erhalten keine Entlastung.

Die Minderheitsaktionäre, unter ihnen namhafte angelsächsische Investoren, aber auch Fonds wie Ethos, müssen sich mit einer gekürzten Dividende begnügen. Statt der 102 Franken pro Inhaberaktie, die der Verwaltungsrat aufgrund des ausgezeichneten Geschäftsgangs vorgeschlagen hat, erhalten sie jetzt nur 96 Franken. Bei der Dividendenpolitik müsse Kontinuität gewahrt werden, auf eine überdurchschnittliche Erhöhung in guten Zeiten sei zu verzichten, genauso wie auf eine Reduktion in schlechteren Phasen, erklärte Max Roes­le als Vertreter der Erbenfamilie.

Von Rekord zu Rekord bei Umsatz und Gewinn

Allerdings steht dieser Begründung eine andere Hypothese gegenüber: Gemäss Vertrag mit Saint-Gobain sollen die Dividendenausschüttungen ab 2015 vom Kaufpreis an die Familie abgezogen werden, sollte die Transaktion zustande kommen. Deshalb sei der Familie nicht an hohen Ausschüttungen gelegen, schlossen Medien, die den Zusammenhang erstmals aufgebracht hatten. «Diese Vermutung ist schlechthin falsch», sagte Roesle an der GV. Was richtig und was falsch ist, ist in diesem epischen Übernahmekampf schwierig auszumachen.

Währenddessen eilt das Unternehmen, um das so erbittert gefochten wird, von Rekord zu Rekord bei Umsatz und Gewinn. Zur Freude der Aktionäre, die, falls sie schon vor der angekündigten Übernahme Ende 2014 dabei waren, sich über die Verdoppelung des Börsen­kurses freuen können.

Die Übernahmeprämie schmilzt

Tut das auch die Erbenfamilie? Jüngst enthüllte die «SonntagsZeitung», dass die Familie sich mit dem Gedanken tragen könnte, ihr Aktienpaket zu behalten, falls auch das Bundesgericht die Stimmrechtsbeschränkung schützt. Sie stützt sich dabei unter anderem auf den Analysten Phil Roseberg vom US-Vermögensverwalter Bernstein, der Gespräche mit Urs Burkard geführt hatte.

Zwar reagierte die Familie umgehend und sprach von einer falschen Darstellung. Die Berechnungen, die Roseberg in seiner Analyse vom 4. April publizierte, ergaben aber auf jeden Fall erstaunliche ­Resultate: Der Preis von 2,8 Milliarden Franken, den Saint-Gobain der Familie entrichtet, entspricht einem Kurswert von 6313 Franken pro Inhaberaktie. Am Dienstag schloss Sika an der Börse bei 6290 Franken. Mit anderen Worten: Die mit den Franzosen vereinbarte Prämie von 80 Prozent auf dem damaligen Kurs ist laut Roseberg auf unter 4 Prozent ­geschmolzen. Sie dürfte weiter schmelzen.

Rosebergs Fazit: Würde Sika heute mit einem Aufpreis von 30 Prozent vollständig verkauft, könnte die Erbenfamilie fast eine Milliarde Franken mehr erzielen als beim vertraglich vereinbarten Deal mit Saint-Gobain.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2017, 22:05 Uhr

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