Begehrte Arbeiter

Der deutsche Roboterhersteller Kuka wird vom chinesischen Konzern Midea umgarnt. Es geht darum, wer künftig den rasch wachsenden Weltmarkt für Robotik beherrschen wird.

Schneller, intelligenter, exakter: Kuka-Roboter in einem BMW-Werk. Foto: Günter Schiffmann (Bloomberg)

Schneller, intelligenter, exakter: Kuka-Roboter in einem BMW-Werk. Foto: Günter Schiffmann (Bloomberg)

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KMR iiwa 14 schwingt sich wie ein Kunstwerk in die Höhe, voller Kurven, aber ohne scharfe Kanten und Gelenkspalten. Menschen sollen keine Schnittverletzungen oder Quetschungen erleiden, wenn sie KMR berühren. Er ist rund anderthalb Meter gross, 400 Kilo schwer, kann 14 Kilo heben, steht auf allseits beweglichen vier Rädern und trägt ein Leuchtband um den Bauch. Strahlt es in Gelb, schickt er sich an, loszufahren; weiss leuchtet es, wenn er unterwegs ist, und rot, wenn er stehen bleibt, weil ihm etwas in die Quere kommt. Zum Beispiel ein Mensch.

Kuka Mobile Robot (KMR) intelligent industrial working (iiwa), wie der sonderbare Arm ohne Kopf und richtigen Rumpf richtig heisst, spürt es, wenn man ihn berührt. Stupst man ihn richtig fest an, friert seine Bewegung ein, er stellt sich automatisch ab. Dann muss ein Mensch ihn wieder einschalten.

Seine Lebenserwartung ist auf 35'000 Betriebsstunden angelegt. Derzeit ist er im Kuka-Werk 86 Stunden pro Woche im Einsatz. Er könnte somit bis zum Jahr 2024 arbeiten. Auch in einigen deutschen Automobilwerken kurven KMR in den Produktionshallen herum.

Der Einarmige verkörpert die nächste Generation von Robotern: Er kann sowohl mit Maschinen kommunizieren als auch mit Menschen zusammenarbeiten. Er sammelt jede Menge Daten, von der Fehleranalyse bis hin zu den Einzelheiten von Auftragseingang, Konfiguration, Materiallieferung und -bestellung – kurz, das Know-how einer gesamten Fertigung. Während seine grossen Roboterkollegen, wie sie zu Zehntausenden in den Fabrikhallen in Europa und Asien schuften, aus Sicherheitsgründen in Käfigen stehen, kann der KMR fast überall eingesetzt werden. Er dringt in alle Arbeits- und Lebensbereiche vor.

Dieser Leichtbauroboter und seine Hersteller haben es dem chinesischen Konzern Midea angetan. Die Midea-Gruppe ist Chinas grösste Herstellerin von Haushaltsgeräten. Die private Firma mit Sitz im südchinesischen Foshan hält bis jetzt gegen 13,5 Prozent der Kuka-­Aktien. Am 18. Mai gab sie bekannt, dass sie ihren Anteil am Unternehmen für 4,5 Milliarden Euro auf 30 Prozent aufstocken wolle. Über das Angebot werden die Kuka-Aktionäre entscheiden müssen. Grösste Einzelaktionäre sind mit rund 25 Prozent Voith und mit 10 Prozent Swoctem.

Wie damals bei den Zügen

Doch in Deutschland manifestiert sich Opposition, angeführt vom sozialdemokratischen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Sukkurs im Kampf gegen den Chinesen-Deal erhält er von seinem Landsmann und EU-Digitalkommissar Günther Oettinger in Brüssel. «Kuka ist ein erfolgreiches Unternehmen in einem strategischen Sektor mit wichtiger Bedeutung für die digitale Zukunft der europäischen Industrie.» Die beiden Politiker drängen darauf, dass Kuka Alternativangebote aus Europa anvisiere.

Genannt wird dabei ABB. Der Schweizer Konzern gehört zusammen mit den Japanern Fanuc und Yaskawa sowie Kuka zu den vier weltgrössten Roboterherstellern. ABB-Konzernchef Ulrich Spiesshofer schloss am Freitag gegenüber Medien «grössere Übernahmen» nicht aus, man lasse sich damit aber Zeit. Der Bereich Robotics sei heute für ABB eine Geschäftsperle. «Das Geschäftsfeld wächst aussergewöhnlich stark und ist extrem erfolgreich», betont er. Zum Fall Kuka wollte er sich nicht äussern.

Eine Kuka-Sprecherin erklärte auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet, man werde das Angebot der Chinesen «ergebnisoffen prüfen», sobald die Offerte offiziell in Deutschland eingetroffen sei.

Beim Widerstand gegen die Chinesen schwingt da und dort noch die schmerzhafte Erfahrung mit dem Hochgeschwindigkeitszug von Siemens mit. Die Deutschen lieferten auf der Basis eines Joint Ventures 2007 drei Hochgeschwindigkeitszüge nach China an den dortigen Eisenbahnbauer CNR und bildeten auch 1000 chinesische Techniker aus. Schon kurz danach kopierten die Chinesen die Züge und verbesserten sie. Beim weiteren Ausbau der Hochgeschwindigkeitsstrecken in China landete Siemens auf dem Abstellgeleise, derweil das Staatsunternehmen CNR zusammen mit dem zweiten Konglomerat CSR an die Spitze der Weltrangliste stürmte.

Auch bei den Robotern hat China grosse Pläne. Noch ist das Land produktionsmässig ein Zwerg. An der deutschen Fachmesse Automatica in München, die am 21. Juni startet, sind von 850 Ausstellern nur 20 aus China. Trotzdem ist das Land bereits der grösste Einzelmarkt der Welt. Die deutsche Robotik- und Automationsbranche setzte 2015 rund 12,2 Milliarden Euro um. 45 Prozent davon wurden im eigenen Land abgesetzt, 11 Prozent in China und 9 Prozent in den USA.

Von den 240'000 Industrierobotern, die 2015 weltweit verkauft wurden, gingen über 60'000 nach China. Würden die Chinesen eine ähnliche Roboterdichte pro 10'000 Industriebeschäftigte anstreben wie in den Spitzenländern Südkorea (478), Japan (314) und Deutschland (292), müssten in China so viele Roboter installiert werden, wie auf der ganzen Welt derzeit im Einsatz sind. Derzeit sind es 36 Roboter auf 10'000 Arbeiter.

Merkel auf Besuch

Das soll sich rasch ändern. In Chinas Fabriken werden Menschen gegen Roboter ausgetauscht, nicht zuletzt, weil die Löhne der Arbeiter als bereits zu hoch betrachtet werden. Foxconn, der umstrittene Zulieferant von Apple und Samsung, in dessen gigantischen Fabriken in China Hunderttausende Arbeiter zu Hungerlöhnen schuften, hat damit angefangen, 60'000 Arbeiter durch Roboter zu ersetzen. Der internationale Roboterverband (IRF) rechnet damit, dass China bis Ende dieses Jahres Japan beim Einsatz von Industrierobotern überholen wird. Dieses Tempo sei einzigartig in der Geschichte der Robotik, resümierte IRF-Generalsekretärin Gudrun Litzerberger in der «Financial Times».

An den Robotern von Kuka im Speziellen und der Zukunft der Roboter im Allgemeinen werden die Gespräche nicht vorbeiführen, die die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch in China vom 11. bis 14. Juni führen wird. Die Bedeutung wird dadurch unterstrichen, dass das halbe deutsche Kabinett sowie eine grosse Wirtschaftsdelegation im Tross der Kanzlerin mitreisen wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2016, 22:15 Uhr

Roboter in der Logistik

Für Swisslog ist nach der Übernahme vor der Übernahme

Von Matthias Pfander

Die Aufgabe gehört zu den monotonen Arbeiten in der Logistik. Das Zusammenstellen einzelner Produkte für einen Auftrag, im Jargon Picking oder Kommissionieren genannt. So monoton diese Aufgabe ist, so schwierig ist gleichzeitig ihre Automatisierung. Denn der Kopf muss immer bei der Sache sein, sonst steigt die Fehlerquote rasant.

Das automatische Picking ist die Disziplin, der sich der deutsche Roboterhersteller Kuka und der Schweizer Logistikintegrator Swisslog verschrieben haben. Es ist ein Anwendungsgebiet, das erst gerade so richtig in den Fokus rückt und dem viel Potenzial zugetraut wird. Etwa im Onlinehandel, wo in riesigen Verteilzentren die Sendungen für die Kunden zusammengestellt werden. Oder in Spitälern für die automatisierte Zusammenstellung von Medikamenten. Die Perspektive in diesen Geschäftsfeldern war einer der Treiber für die Übernahme von Swisslog durch Kuka. Das Angebot dafür kam im Herbst 2014. Vollzogen wurde der Deal Ende desselben Jahres, und im vergangenen Sommer verschwand Swisslog von der Börse.

Eine gewichtige Übernahme

Die Integration von Swisslog sei weit fortgeschritten, heisst es heute bei Kuka: «Wir haben bereits gemeinsame Grossaufträge und auf der Hannover Messe gemeinsame Lösungen vorgestellt», sagt eine Sprecherin. Aus der Perspektive von Kuka war Swisslog eine gewichtige Übernahme und verschaffte dem zuvor stark auf die Autoindustrie ausgerichteten Unternehmen eine breitere Basis. Der Kaufpreis lag bei 338 Millionen Franken, aktuell steuert Swisslog mit 620,8 Millionen Euro etwas mehr als ein Fünftel zum Gesamtumsatz von Kuka bei.

Swisslog beschäftigt gut 2500?Mitarbeitende und hat Kunden in rund 50?Ländern. Die Wurzeln der Firma reichen zum 1900 gegründeten Aargauer Industriekonzern Sprecher + Schuh zurück, dessen Namen auch zu «Schnörri + Schlarpi» verulkt wurde. Swisslog heisst die Firma seit 1994, und einmal wäre sie fast von der Bildfläche verschwunden. Nach diversen Übernahmen wies Swisslog Ende November 2003 in einer Zwischenbilanz einen Verlust von 242?Millionen aus und stand mit einer Überschuldung um 146?Millionen Franken vor dem Konkurs.

Mit einer Rosskur inklusive Kapitalschnitt und Forderungsverzicht durch die Banken gelang die Rettung. Der damalig Verwaltungsrat trat geschlossen zurück. Danach übernahm Hans Ziegler das Ruder, der durch sein Mandat bei der schliesslich pleitegegangenen Erb-Gruppe bekannt geworden war.

Ziegler brachte Swisslog aus der Verlustzone und auf einen Wachstumspfad. Im Jahr 2008 erzielte das Unternehmen mit 798?Millionen Franken seinen bislang höchsten Umsatz. Und zum ersten Mal erhielten die Aktionäre wieder eine Dividende, wenngleich sie mit 5?Millionen sehr klein ausfiel. Während zehn Jahren versuchte Ziegler das Unternehmen weiterzubringen, zuletzt im Doppelmandat als Konzernchef und Präsident. Nachdem der Verkauf an Kuka erledigt war, verliess Ziegler letzten Juni den Swisslog-Verwaltungsrat.

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