Wirtschaft
«Zwischen der Schweiz und Österreich liegen Welten»
Von Bernhard Odehnal. Aktualisiert am 08.12.2011 11 Kommentare
Benedikt Weibel: Der 65-Jährige war von 1993 bis 2006 Chef der SBB. Heute ist er Dozent an der Uni Bern und Verwaltungsratsvorsitzender der Westbahn. (Bild: Keystone )
Österreichische Privatbahn mit Schweizer Zügen
Mit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember startet in Österreich die erste Privatbahn auf den Schienen der Staatsbahn ÖBB. Die Westbahn wird zwischen Wien, Linz und Salzburg praktisch im Stundentakt fahren. Die einfache Fahrt von Wien nach Salzburg (312 Kilometer) kostet 23.80 Euro (29 Franken), das entspricht dem Halbtax-Preis bei den ÖBB. In der Schweiz kostet die Zugfahrt auf der etwa gleich langen Strecke Zürich–Genf mit Halbtax 41 Franken.
Die Züge der Westbahn kommen von Stadler Rail und entsprechen in der Konstruktion den neuen Triebwagen für die Zürcher S-Bahn. Die Züge für Österreich haben WLAN, bequemere Sitze und ein Raucherabteil. Gegründet wurde die Westbahn vom ehemaligen Chef des ÖBB-Personenverkehrs, Stephan Wehinger. Zu den Mitbesitzern gehören ausser Wehinger der Bauunternehmer Hans-Peter Haselsteiner (Strabag), die Schweizer Augusta Holding des österreichischen Investors Erhard Grossnigg und die französische Staatsbahn SNCF. Vorsitzender des Verwaltungsrats ist der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel.
Die Westbahn hat auch ein Busunternehmen gegründet, das zwei- bis viermal am Tag Verbindungen zwischen den Landeshauptstädten und von Salzburg zum Flughafen München anbietet. Mit den Bussen will man enttäuschte Fahrgäste der ÖBB auffangen. Diese stellen immer mehr Züge zwischen Linz, Graz und Salzburg ein, weil es angeblich keine Nachfrage gebe.
Um im Wettbewerb bestehen zu können, rüsten die ÖBB nun ihre Paradezüge, die Railjets, die auch nach Zürich fahren, mit WLAN und Speisewagen nach. Ausserdem werden derzeit Tickets zu Dumpingpreisen verkauft. Zuletzt wurde der Kampf der beiden Bahnunternehmen vor Gericht ausgetragen. Die Westbahn klagte, weil sie sich bei der Trassenvergabe benachteiligt sah und weil sie nicht in den Onlinefahrplan der ÖBB aufgenommen werden sollte. In beiden Fällen bekam sie recht. (od)
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Korrektur-Hinweis
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Sie waren über zwanzig Jahre im Schweizer Staatsbetrieb SBB tätig, jetzt sind Sie bei der Gründung eines kleinen, privaten Eisenbahnunternehmens in Österreich dabei. Haben Sie noch etwas Neues gelernt?
Unglaublich viel. Ein Unternehmen aufzubauen, ist faszinierend. Das öffnet einem den Blick auf neue Möglichkeiten, die man als Teil eines grossen Systems nicht hat.
Welche Möglichkeiten?
Als unser CEO Stephan Wehinger mit der Idee kam, dass jeder Waggon einen eigenen Steward oder eine Stewardess bekommen solle, war meine erste Reaktion: Das kannst du nicht bezahlen. Aber weil die gleichzeitig für Ticketverkauf, Service und Reinigung zuständig sind, macht das Sinn. In einem grossen System wäre es wahrscheinlich nicht möglich, diese Idee durchzusetzen.
Die SBB gehen einen anderen Weg und schaffen den Kartenverkauf auch in Fernzügen ab. Welche Philosophie wird sich durchsetzen?
Ich möchte zu den SBB nicht Stellung nehmen. Ich kann nur sagen, dass wir von der Westbahn sehr gut positioniert sind. Ich merke jedes Mal, wenn ich mit der Bahn fahre, dass die Kunden die Möglichkeit wollen, im Zug ein Ticket zu kaufen.
Ohne die Infrastruktur der Staatsbahn könnte Ihre Privatbahn dennoch nicht existieren. Die Passagiere der Westbahn kommen durch die Bahnhöfe der ÖBB zum Zug.
Natürlich, wir fahren ja auch auf den Schienen der ÖBB. So ist die neue Bahnwelt. Das funktioniert meistens auch.
ÖBB-Chef Christian Kern meint, dass Sie viel zu wenig Schienengebühr bezahlen.
Das ist nicht Sache der ÖBB, das legen die Behörden fest, und die Schienengebühr ist für alle Bahngesellschaften gleich. Der oberste Grundsatz der EU-Bahnregulierung ist die Nichtdiskriminierung.
Fühlen Sie sich von den ÖBB diskriminiert?
Hervorragend funktioniert es mit der ÖBB-Infrastruktur. Der ÖBB-Personenverkehr versuchte auf die eine oder andere Art, uns das Leben schwer zu machen. Ich glaube nicht, dass das die allerbeste Taktik ist. Wir haben das bei den SBB auch einmal erlebt – vor 15 Jahren mit der Mittel-Thurgau-Bahn. Dieser Privatbahn wurde eine SBB-Linie zum Betrieb übergeben, und das war für uns ein grausamer Stachel im Fleisch. Aber die Konkurrenz war ganz wichtig für die SBB. Sie gab uns enormen Drive, uns zu verbessern.
Die Westbahn ist der Stachel im Fleisch der ÖBB?
Sicher. Das sehen wir an den Reaktionen der ÖBB. Aber ich hoffe, dass wir ab jetzt sportlich und fair miteinander umgehen, denn wir können beide noch wachsen. Wenn ich die Marktanteile der Bahn in Österreich mit jenen in der Schweiz vergleiche: Da liegen Welten dazwischen. Wir haben zwischen den Schweizer Zentren Marktanteile von 80 bis 90 Prozent auf der Schiene. Zwischen Wien und Salzburg sind es 35 Prozent. Da liegt noch so viel drin. Die Bahn ist der Verkehrsträger der Zukunft.
Die ÖBB reagieren bereits: So wie in den Zügen der Westbahn wird es in ihrem Railjet zwischen Wien und Salzburg WLAN geben.
Deshalb will die EU den Wettbewerb fördern, um die Qualität zu verbessern. Jetzt sehen wir die positiven Auswirkungen.
Würde Konkurrenz den SBB im Personenverkehr nicht guttun? WLAN gibt es in keinem einzigen Schweizer Zug.
Da sind wir als Neuling im Vorteil. WLAN hat für unsere sieben Zuggarnituren 950'000 Euro gekostet, das sind 0,8 Prozent der Investitionssumme. Kein Problem. Wenn hingegen bestehende Züge in der Schweiz nachgerüstet werden, ist das ein riesiges Projekt, das zig Millionen Franken kostet. In Zukunft werden SBB und ÖBB aber sicherlich nur noch Züge mit WLAN anschaffen.
Wie lange hat die Westbahn Zeit bis zum Erfolg?
Lange können wir nicht warten. Hinter uns stehen ja nicht die Steuerzahler. Wir haben keine Reserven. Nach einem halben Jahr müssen wir schon eine erste Bilanz ziehen können.
Sie haben auch bei den Fahrzeugen keine Reserve. Um den Fahrplan einzuhalten, müssen alle sieben Triebwagen im Einsatz sein.
Im Gegensatz zu den Grossen können wir uns keine Reserven leisten. Das ist ein Risiko. Wir haben zwar gute Züge, und ich habe noch selten so wenig über Probleme gehört wie jetzt. Aber bei der Einführung neuer Fahrzeuge gibt es oft Probleme. Deshalb bin ich nervös.
Ist Österreich ein schwierigeres Terrain für ein Start-up- Unternehmen als die Schweiz?
Österreich ist jedenfalls ganz anders als die Schweiz. Es hat Schwierigkeiten gegeben, wir mussten zu viel Geld für Juristen ausgeben. Anderseits: Dass in drei Jahren ein Bahnunternehmen entstehen konnte, ist doch bemerkenswert. In Italien wollte die 2006 gegründete Nuovo Trasporto Viaggiatori von Luca Montezemolo 2010 den Betrieb aufnehmen. Sie fahren heute noch immer nicht.
Die französische Staatsbahn SNCF ist an der Westbahn beteiligt. Was wollen die Franzosen?
Wir überarbeiten gerade die Businesspläne, die Franzosen haben ziemlich konkrete Vorstellungen. Die sind im Fernverkehr sehr professionell und machen mit dem TGV-System Riesengewinne. Von ihrem Know-how können wir profitieren. SNCF und die Deutsche Bahn (DB) verstehen sich als europäische Bahnen. Die SNCF will in Österreich einen Fuss in der Tür haben.
Die ÖBB warnen, dass die Westbahn bald kein österreichisches Unternehmen mehr sein könnte.
Das könnte passieren, aber wäre es ein Unglück? Wir leben in einer globalisierten Welt. Die Zielvorstellung der EU ist es, dass die Eisenbahn in Europa grenzenlos fährt.
Wird die Westbahn bald auch in die Schweiz fahren?
Da bin ich skeptisch. Der Arlberg ist furchtbar: nur ein Gleis und Tempo 70. Und die Strecke über München nach Zürich ist keine Alternative – die ist nicht einmal elektrifiziert. Mit acht Stunden Fahrzeit von Wien nach Zürich ist die Bahn nicht konkurrenzfähig. Bei über vier Stunden Fahrzeit gehen die Marktanteile deutlich zurück. Ich sehe den Markt eher auf der Strecke nach München und Richtung Prag und Bratislava.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.12.2011, 10:57 Uhr
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11 Kommentare
Letzte Woche fuhr ich mit dem Railjet nach Wien. Ich hatte ein normales Bilet mit Platzresierung. Saubere Züge, gutes Platzangebot, hervorragende Informationen über Displays an den Decken über Anschlüsse, Geschwindigkeit, Verspätung etc. Erstklassiger Service bei der Verpflegung, Steckdosen an jeder Sitzreihe! Da hat sich viel getan, wenn Wettbewerb so aussieht, dann SBB sofort privatisieren! Antworten
Die rentable Bedienung einzelner nachgefragten (Business-)Strecken ist keine grosse Sache. Was aber nützt dem Kunden eine einzelne Strecke, wenn er woanders hin will? OeV macht nur in integrierten Netzen Sinn.
Wer die Privatisierung der SBB fordert und Verbesserungen für den Kunden erhofft, ist eindeutig naiv. Private Anbieter würden erstmal alle 'unrentablen' Strecken stilllegen.
Antworten
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