Wirtschaft

«Wollen Sie, dass ich gefeuert werde?»

Von Bernhard Fischer. Aktualisiert am 29.03.2012 6 Kommentare

DerBund.ch/Newsnet sprach in Florenz mit Angelo Bonati, dem Chef des Luxusuhrenherstellers Panerai, über den Uhrenboom in Asien, lästige Plagiate, den Swissness-Faktor und umstrittene Deals mit Angola.

1/7 «Wir müssen das Swiss-Label verteidigen»: Angelo Bonati, Firmenchef der Richemont-Tochter Panerai, im Interview mit DerBund.ch/Newsnet im Museum Galilei in Florenz.

   

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Panerai fast 100 Millionen Euro wert

Giovanni Panerai gründete 1860 das erste Uhrmachergeschäft in Florenz. Um die Jahrhundertwende wurde das Unternehmen in Officine Panerai umbenannt. Während des Zweiten Weltkriegs hatte die italienische Marine das Familienunternehmen aufgrund der hervorragenden Ablesbarkeit und Zuverlässigkeit der Instrumente mit der Konstruktion einer Taucheruhr beauftragt. Die Uhr wurde seitdem in der Schweiz produziert und mit einem Rolex-Werk ausgestattet. Ab 1993 wurden die mittlerweile hochmodernen Uhren zum freien Verkauf angeboten. Heute ist Panerai eine Luxusuhrenmarke im hochpreisigen Segment. Seit 1997 gehört das Unternehmen zur Richemont Gruppe. Der konzerninterne Unternehmenswert wird laut Konzernbericht von Richemont mit 90 Millionen Euro ausgewiesen. (fib)

Bijouterie De Grisogono geht an Angola

Zwar schreibt das Unternehmen in seinem Communiqué: «Die Aktienkäufer sind private europäische und afrikanische Investoren, die Edelsteinminen zu ihrem historischen Portfolio zählen.» Doch wie Gruosi in einem Interview mit der Westschweizer Zeitung «Matin Dimanche» präzisierte, handelt es sich dabei vor allem um Investoren aus dem südwestafrikanischen Erdölstaat Angola.

«Als private und nicht kotierte Gesellschaft müssen wir keine weiteren Angaben zu unseren Aktionären machen», erklärte Gruosi weiter. Bestätigen könne er dagegen, dass die neue Investorengruppe einen Mehrheitsanteil übernommen habe. Branchenkenner schätzen, dass Gruosi seinen Anteil von 60 auf 15 Prozent reduziert hat. Er wird der Firma aber weiterhin als Direktor mit exekutiven Befugnissen und als Kreativchef erhalten bleiben.

Der Aktienverkauf habe es der Gesellschaft ermöglicht, die Bankschulden loszuwerden, führte Gruosi gegenüber «Matin Dimanche» aus. Der Einstieg der angolanischen Investoren gewähre De Grisogono zudem Zugang zu Edelsteinen von sehr hoher Qualität, sagte Gruosi weiter. Die mögliche Involvierung der neuen Aktionäre in das Geschäft mit Blutdiamanten weist er von sich.(kpn/fib/sda)

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Der jüngsten Studie über den Luxusmarkt der Unternehmensberatung McKinsey zufolge kaufen Europäer immer weniger Luxuswaren. Spüren Sie das?
Wenn man auf die Landkarte schaut, kann man nicht mehr von dem einen Luxusmarkt sprechen. Im Grunde gibt es zwei: den traditionellen, angestammten Luxusmarkt in Europa, der eine durchaus konstante Entwicklung aufweist. Und den asiatischen Markt, der einen regelrechten Boom erfährt. Dort entsteht ein völlig neuer Markt. Mit diesen Wachstumsraten haben wir nicht gerechnet. Ein ähnliches Wachstum sehen wir derzeit in Lateinamerika. Deshalb eröffnen wir Mitte April in der brasilianischen Stadt São Paolo den nächsten Standort, in Argentinien wir bereits vertreten.

Sie sind bekannt dafür, mit Zahlen zu geizen. Dennoch: Können Sie die Verlagerung der Marktanteile anhand der Umsätze nach Ländermärkten veranschaulichen?
Wollen Sie, dass ich gefeuert werde? (lacht) Im Ernst: Europa hat ein solides Wachstum, aber kein aussergewöhnliches. In Europa profitiert die Luxusgüterindustrie vor allem vom Tourismus, der wiederum aus Asien kommt. Diese Kunden suchen die hochwertigen Produkte traditioneller Familienunternehmen made in Europe.

Probieren wir es so: Panerai unterhält weltweit 31 Standorte. Nach Regionen aufgeteilt entfällt das Gros von 36 Prozent aller Standorte auf China, Japan und die Tigerstaaten. Kann dieser Prozentsatz auf den Umsatzanteil umgemünzt werden?
Grob gesehen stimmt das, aber eins zu eins kann man das nicht übertragen. In Asien zum Beispiel gelten nicht dieselben Vertriebsstrukturen wie in Europa. In China etwa ist der Grosshandel sehr schwach ausgeprägt. Das bedeutet, Sie sind gezwungen, Ihre Produkte über die eigenen Boutiquen zu verkaufen. Wenn Sie die eigenen Standorte aber nicht mit Ihren Produkten versorgen können, dann können Sie auch nichts verkaufen. Das ist eine grosse Herausforderung. Deshalb sind wir auch so stark auf Profis angewiesen, die sich mit dem Markt auskennen.

Wer sind diese «Profis», was meinen Sie mit «auskennen»?
Ich spreche vor allem vom Vertrieb. In Europa gibt es historische Zentren, die es in China nicht gibt. Dort sind es vor allem die Shoppingmalls, über die die Produkte verkauft werden. Das ist in Europa anders, da befinden sich die Produkte in den Einkaufsstrassen und in den firmeneigenen Geschäften, die seit langer Zeit in den Händen der Unternehmerfamilie sind. Wenn Sie hingegen in China nicht in den Shoppingmalls vertreten sind, sind Sie als Marktteilnehmer tot.

Widerspricht das nicht dem exklusiven Image von Panerai?
Nicht unbedingt. Es hängt davon ab, in welcher Shoppingmall man vertreten ist und wo die Boutique innerhalb der Shoppingmall angesiedelt ist. Die Standorte werden höchst unterschiedlich bewertet und bei uns im Haus nach einer Art Schulnotensystem gereiht. Was einen sehr grossen Mehrwert für uns darstellt, ist die Werbewirkung durch die Standorte. Die Boutiquen transportieren unseren Brand, allein deshalb lohnen sich diese Standorte für uns. Wir müssen auf der ganzen Welt Präsenz markieren, um auf uns aufmerksam zu machen.

Kommen wir in die Schweiz: Was halten Sie von der Swissness-Motion? Demzufolge müssen mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen. Ein Erfolg der Uhrenlobby?
Wir müssen das Swiss-made-Label verteidigen.

Gegen wen?
Gegen jene, die die Produkte zum Schaden der Kunden nur kopieren. Wenn ein Uhrenhersteller das Produkt in Italien herstellt, dann muss er auch Italien draufschreiben. Schreibt er etwas anderes, ist das Betrug. Es liegt am Hersteller darzustellen, dass die Produktion in Italien oder in der Schweiz auch mit einer hohen Qualität verbunden ist.

Mittlerweile werden Uhrenbestandteile aus Asien ebendort oft nicht mehr als Plagiate angesehen. Belastet das die Rechtssicherheit?
Wenn gegen Patente verstossen wird, dann ist das inkorrekt. Selbst wenn das lokale Gesetz das erlaubt. Unsere Anwälte setzen sich damit auseinander. Aber es gibt auch eine moralische Komponente: Die Verletzung von Patentrecht ist schlicht und einfach Diebstahl. Insbesondere in den Anfängen von Panerai gab es zahlreiche illegale Kopien, die sehr gut gemacht waren. Aber diese Firmen haben unsere Produkte nicht entwickelt und daher auch kein Anrecht auf den Erfolg. Wir verlassen uns auf den Kunden, der diese Produkte nicht kauft.

Wer garantiert, dass durch den Fokus auf die Herstellungskosten die Swissness gefördert wird? Die hohen Entwicklungskosten können in der Schweiz verrechnet werden, womit der Kostenanteil von 60 Prozent schnell erreicht ist. Den Rest kann man in Asien produzieren.
Es hängt davon ab, was in diese 60 Prozent hineingerechnet wird. Die Kosten für das Armband werden für Swiss made nicht ausreichen. Das ist auch für die Qualität der Uhr nicht entscheidend. Für das Uhrengehäuse wiederum braucht es viel Know-how. Aber die Formel ist simpel: Wenn Sie dem Kunden gegenüber nicht ehrlich sind, wird er das Produkt nicht kaufen.

Woher bezieht Panerai das Rohmaterial für die Uhrenherstellung?
Woher dieses zurzeit kommt, weiss ich nicht genau, das ändert sich ständig. Die Herkunft der Rohstoffe ist ja nicht entscheidend für die Swissness. Die importierten Rohstoffe zur Uhrenherstellung werden weiterverarbeitet, darin liegt das Swiss made. Aber wir sind natürlich sehr bemüht, kein Gold von jenen Minen zu beziehen, wo Kinderarbeit üblich ist. Unsere Lieferanten bürgen mit ihrer Unterschrift dafür. Wenn wir dahinterkommen, dass ein Lieferant sich nicht konform verhält, dann trennen wir uns von ihm.

Das klingt gut. Was halten Sie von Ihrem Branchenkollegen und Firmengründer Fawaz Gruosi, der die Mehrheitsanteile an Bijouterie De Grisogono an Angola verkauft hat? Immerhin hat Angola den Ruf eines hoch korrupten Landes, das mit Blutdiamanten handelt (siehe Infobox links).
Das ist nicht mein Problem, jeder kann seine Geschäfte machen, wo er will. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.03.2012, 06:24 Uhr

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6 Kommentare

mark rufer

29.03.2012, 07:02 Uhr
Melden 9 Empfehlung 0

Sao Paolo ist also Brasiliens Hauptstadt, interessant. Und die letzte Aussage: 'Jeder kann seine Geschaefte machen, wo er will' .....Mit mir nicht, ich bleibe bei meinen Schweizer Uhren. Antworten


Peter Ringger

29.03.2012, 08:26 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Officine Panerai war früher eine rein italienische Manufaktur, die sich darauf spezialisiert hatte, Uhren für die italienische Armee herzustellen. Diese "Radiomir" und "Luminor" Uhren waren früher nur für Sammler interessant, wurden dann aber immer populärer, vor allem durch den Werbeträger Sylvester Stallone. Panerai wurde 1997 vom Richemont Konzern übernommen und gilt seither als "Schweizer Uhr" Antworten



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