«Wir Eierköpfe und Schlauberger»
Von Bernhard Fischer. Aktualisiert am 25.01.2012 19 Kommentare
Zur Person
Prof. Dr. Norbert Walter (67) ist heute Geschäftsführer seiner Beratungsgesellschaft Walter&Töchter Consult. Von 1990 bis Ende 2009 war er Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe. Während dieser Zeit war er Mitglied im Gremium der «Sieben Weisen» zur Regulierung der europäischen Wertpapiermärkte bei der EU-Kommission in Brüssel (2000 - 2002) sowie Mitglied in der interinstitutionellen Monitoring-Gruppe (ernannt vom Europäischen Parlament, Rat und der Europäischen Kommission).
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Korrektur-Hinweis
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Sie waren 23 Jahre bei der Deutschen Bank und zuletzt deren Chefökonom für viele Jahre. Warum wollen Sie nicht Ihre Erfahrung mit den Kollegen am WEF in Davos teilen?
Ich denke nicht, dass man bei Tausenden Teilnehmern ausreichend Zeit hat, die wahren Probleme ausreichend und vertieft zu behandeln. Bei einer so grossen Netzwerkveranstaltung bleibt dafür zu wenig Zeit.
Sie könnten den anwesenden Politikern Ihre geschätzte Meinung sagen.
Ich finde die Kritik an den politischen Führern derzeit unangemessen. Wir Eierköpfe von den Universitäten und Schlauberger in den Investmentbanken belächeln jene, die immer hinterher seien und nie auf die wirklich wichtigen Dinge schauen würden. Ich würde gerne sehen, dass wir Eierköpfe uns die Gedanken für jene machen, die wiedergewählt werden müssen. Würde die akademische Elite mit der politischen Elite respektvoller umgehen, könnte vieles besser gestaltet werden, als das derzeit der Fall ist.
Instrumentalisieren nicht die Politiker die Experten, um ihre Anliegen durchzubringen, je nachdem, was gerade opportun erscheint? Oft hört man von Studien und Papieren, die in den Schubladen der Politiker verstauben, weil das Ergebnis möglicherweise zu brisant sein könnte.
Es ist die Verantwortung der nicht politischen Eliten, in so einem Fall alternative Plattformen zu organisieren, um sich Gehör zu verschaffen.
Wie glaubwürdig kann eine Elite sein, die sich selbst bewerben muss?
Es ist legitim, wenn ein Unternehmen seine Produkte bewirbt, um sie zu verkaufen. Das gilt auch für unsere Anliegen und den politischen Bereich. Aber die Anliegen müssen transparent gemacht werden. Es muss klar sein, wer was warum fordert. Nur die Arroganten in ihren Elfenbeintürmen sagen, so etwas sei unehrenhaft.
Jedes Mal wird eine neue Auffanglösung in Reaktion auf die Märkte kommuniziert. Vom EFSF zum ESM, von Zinssenkungen bis möglicherweise zur EZB als Big Bazooka. Wer berät hier die Politik, wenn die Märkte diese ständig vor sich hertreiben?
Lassen Sie mich ausnahmsweise technisch antworten: Die Spieltheorie, die man hier anwenden sollte, erfasst keine Gleichgewichtslösungen, die auf die aktuellen Entwicklungen passen würden, und geht von der Annahme unendlich vieler Spielrunden aus, von unendlich vielen nächsten Schritten. Dabei wäre es wichtiger, die Psychologie, die Motivation und das menschliche Handeln zu studieren.
Können Sie das näher ausführen?
Aus dem menschlichen Affekthandeln heraus haben sich Sprüche wie «Was schiefgehen kann, geht schief» oder «Ein Unglück kommt selten allein» herausgebildet. Die Anfälligkeit für Affekte erklärt auch Panikreaktionen und Ansteckungsgefahren in der Wirtschaft. Deshalb sollten wir das menschliche Verhalten genauer studieren und daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Ökonomische Gleichgewichtsmodelle werden dem nicht gerecht. Ein Beispiel: Ein 16-Jähriger wäre statistisch gesehen im idealen Alter, um seine Altersvorsorge aufzubauen. In diesem Alter setzt sich aber üblicherweise kein 16-Jähriger mit diesem Thema auseinander. Also sollte die Gesellschaft eine Ordnung etablieren, in der man 16-Jährige dazu verpflichtet, sich um ihre Altersvorsorge zu kümmern.
Nun geht ein weltbekannter Ökonom wie Nouriel Roubini nicht unbedingt vertiefend auf die Psychologie der Märkte ein. Er setzt seine Worte aber sehr gezielt ein, um zutiefst menschliche Reaktionen zu provozieren, und erreicht damit die Menschen. Mission erfüllt?
Ich habe eine andere Herangehensweise als Herr Roubini, auch wenn ich für eine deutliche Aussprache bin. Allerdings finde ich, man sollte nur dann auffallen, wenn es eine grosse, wichtige Botschaft gibt und wenn ich guten Grund habe, eine abweichende Botschaft zu vermitteln. Ich muss nicht dauernd Schaum schlagen. Ohne Namen zu nennen, machen viele vornehmlich Marketing für sich selbst. Das halte ich für nur schwer erträglich, und es nutzt sich ab.
Sie halten Herrn Roubini für einen Schaumschläger?
Ich würde sagen, dass bei ihm das Marketing zu sehr im Vordergrund steht und dass er vor allem dann aufdreht, wenn die Botschaft nicht allzu abweichend oder nicht so wichtig ist. Eine grössere Selektivität, Anlässe und Themen auszuwählen, schiene mir für die Durchschlagskraft wirklich wichtiger Dinge von Bedeutung. Wenn man Hansdampf in allen Gassen ist, dann ist die Aufmerksamkeit nicht mehr gewährleistet. Das gehört zur Klugheit dazu.
Gehen wir von der Metaebene auf ein konkretes Problem über: Warum sind die Verhandlungen um einen Schuldenschnitt für Griechenland so zäh? Wenn doch jeder weiss, dass andernfalls 100 statt 50 Prozent der Forderungen abgeschrieben werden müssen.
Es herrscht aber bei jedem einzelnen Institut der Glaube vor, irgendwie kann ich mich aus der Verantwortung stehlen. Deshalb wird jetzt um jeden Preis gepokert.
Sind die Tatsachen nicht zwingend genug?
Je länger die Verhandlungen dauern, desto teurer wird es. Und dann muss der Staat einen finanziellen Teil übernehmen. Im Moment wird darum gepokert, dass die öffentliche Hand mitmachen soll. Die Banken versuchen es mit Erpressung.
Haben die Banken nicht jetzt schon gewonnen? Rechtlich gesehen gibt es keine Möglichkeit, Griechenland aus der Eurozone auszuschliessen. Und wenn die Politik die absolute Entschlossenheit formuliert, das Land um jeden Preis in der Eurozone halten zu wollen, dann können die Banken wohl getrost darauf spekulieren, dass der Staat einspringen wird.
Das Spiel endet ja nicht mit Griechenland. Die Frage, ob und welches Opfer die Märkte sich als Nächstes aussuchen, ist offen.
Die Politiker könnten gemeinsam mit der EZB die Absicht formulieren, dass für jeden Eurostaat eine Auffanglösung gefunden wird.
Das geht aber immer mit sehr strengen Auflagen für das jeweilige Land einher. Der Preis wäre zu hoch: Noch mehr Menschen würden auf die Strasse gehen, und Politiker wollen wiedergewählt werden. Dieses Problem ist in Griechenland längst Realität. Und die politischen Widerstände formieren sich zunehmend auch in Berlin. Es sind nicht mehr nur die Nehmer- sondern auch die Geberländer vom wachsenden Widerstand betroffen. Ich bin aber noch nicht durchwegs pessimistisch, ich halte ein Auseinanderbrechen der Eurozone zu nur 20 Prozent für wahrscheinlich. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.01.2012, 13:39 Uhr
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19 Kommentare
Interessant! Jetzt wo die Stimmung immer mehr gegen diese Leute kippt und sie keine Rezepte mehr gegen die von ihnen ausgelöste oder geförderte Krise haben, ist der Mensch auf einmal wieder wichtig und kein blosser Faktor mehr. Ob hier schon Angst mitschwingt? Nun müssen wir vorsichtig und wachsam sein, sonst läuft es wieder gegen die Menschen. Antworten
Nachdem gerade die Ökonomen über Jahre die Allmacht des freien Marktes beschworen haben und jede Regulierung als Teufelswerk verurteilten, sieht man nun die Scherben, die diese neoliberalen Ideen nach ihrer Umsetzung hinterlassen haben. Mir kommt da Goethes Ballade über den Zaubelehrling in den Sinn. Dumm nur, dass wir alle für diesen Wahnsinn bezahlen und der Alptraum noch lange nicht vorbei ist. Antworten
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