Wirtschaft

«Wieso muss die Post jeden Tag zugestellt werden? Das ist übertrieben!»

Von Angela Barandun. Aktualisiert am 16.12.2009 101 Kommentare

Der Post-Experte Professor Matthias Finger sagt, wie das Postunternehmen der Zukunft aufgestellt sein muss. Und was dies für die Kundinnen und Kunden bedeutet.

«Wenn sich die Post neu erfinden will, muss man auch den Service public neu definieren»: Briefzustellung.

«Wenn sich die Post neu erfinden will, muss man auch den Service public neu definieren»: Briefzustellung.
Bild: Keystone

Matthias Finger: Professor für Management von Netzindustrien an der ETH in Lausanne. Sein Lehrstuhl wird von der Post finanziert.

Matthias Finger: Professor für Management von Netzindustrien an der ETH in Lausanne. Sein Lehrstuhl wird von der Post finanziert.

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Moritz Leuenberger erwartet, dass nun Ruhe einkehrt

Am Tag der Wahl von Claude Béglé zum neuen Postpräsidenten konnte Moritz Leuenberger noch scherzen. «Jetzt sind Sie gewählt und können machen, was Sie wollen», sagte er zu Béglé und Ulrich Gygi, der gleichentags als SBB-Präsident vorgestellt wurde. Seither wird immer deutlicher: Béglé interpretiert die Einladung etwas gar wörtlich – und Leuenberger vergeht das Lachen zusehends. Nach dem Eclat an der Konzernspitze liess der Postminister jedenfalls gestern ein Statement verbreiten, in dem deutlich auch Kritik an Béglé durchdringt.

Leuenberger bedauert darin, dass Béglé und Kunz sich bezüglich Unternehmensstrategie nicht finden konnten. Und er erwartet, dass in der Führung der Post nun Ruhe und Stabilität einkehren. Insider im Verkehrsdepartement (Uvek) werten diesen Positionsbezug als «gelbe Karte» an die Adresse des Postpräsidenten. Leuenberger sei gar nicht glücklich, dass sich der machtbewusste Béglé in persönliche Animositäten verstrickt habe, statt sich auf die strategischen Belange zu konzentrieren. Und es wird Wert auf die Feststellung gelegt, dass die Absetzung von Konzernchef Michel Kunz keineswegs in Absprache mit dem Uvek erfolgt sei.

Leise Kritik an Béglé wurde auch aus den politischen Parteien laut, auch wenn sich diese offiziell nur zurückhaltend äusserten. Der Abgang von Kunz nach nur acht Monaten komme zwar überraschend, sei aber angesichts der Meinungsverschiedenheiten wohl die einzige Lösung, hiess es weitherum. Deutlicher wurden die Gewerkschaften. Der Personalverband Transfair etwa befürchtet, dass die Post durch den Entscheid geschwächt werden könnte, und verlangt eine Untersuchung durch den Bundesrat.

Diesem bietet sich bereits heute Mittwoch die Gelegenheit, auf den Fall einzugehen. Er wird voraussichtlich über die strategischen Ziele diskutieren, die er der Post für die Jahre 2010 bis 2013 auf den Weg geben will. An der bisherigen Ausrichtung dieser Ziele soll dem Vernehmen nach aber nur wenig ändern. So dürfte auch darunterfallen, was Béglé für die Post anstrebt: ein dezentralisierter Konzern, der sich neue Geschäftsfelder erschliesst und in dem jede Einheit nach ihrer eigenen Kultur geschäftet. (fri)

Muss Michel Kunz gehen, weil er einen Machtkampf verloren hat?
Ich glaube, es geht um mehr als einen Machtkampf. Es geht um die Zukunft der Post. In ganz Europa stehen die Postunternehmen vor wegweisenden Herausforderungen. Im Zentrum stehen drei Faktoren: Die Liberalisierung, die in den Achtzigerjahren begonnen hat, geht weiter. Der technologische Wandel drängt die Briefpost in den Hintergrund. Und die Globalisierung sorgt dafür, dass der einzige Wachstumsmarkt – der internationale Päckliversand – zunehmend von globalen Firmen dominiert wird.

Was hat das mit dem Chefwechsel an der Postspitze zu tun?
Es gibt im Grunde zwei Visionen, mit denen man diesen Herausforderungen begegnen kann. In der Schweizer Post sind beide Visionen – personifiziert – aufeinandergeprallt. Michel Kunz wollte noch effizienter werden und sich auf gewisse Märkte und Kerngeschäfte konzentrieren. Es gibt viele Postunternehmen, die genau das tun. Doch Effizienzsteigerungen allein werden in Zukunft nicht mehr reichen.

Und die zweite Variante?
Man baut eine neue, einzigartige Kombination auf aus dem traditionellen Logistikgeschäft und neuen Informationstechnologien. Die Schweizer Post könnte dabei als eines der wenigen Unternehmen in Europa zusätzlich profitieren: Sie hat Postfinance nicht privatisiert und könnte Logistik, Internet und Finanzdienstleistungen originell kombinieren. Das ist die Vision von Claude Béglé und Jürg Bucher. Diese Variante ist sicher risikoreicher, aber ich halte sie für die bessere.

Können Sie ein Beispiel geben für solche kombinierten Dienste?
An der Schnittstelle zwischen Logistik und Informationstechnologien entstehen neue Dienstleistungen, wie etwa die automatische Sendungsverfolgung, flexible Zustellung oder der eingeschriebene elektronische Brief.

Wo passt Postfinance da rein?
In Kombination mit der digitalen Unterschrift ergeben sich ganz neue Möglichkeiten des Zahlungsverkehrs, wie zum Beispiel die elektronische Steuererklärung und -bezahlung. Eine Schweizerische Post, die bei der Bevölkerung ein sehr grosses Vertrauen geniesst, wäre hier ideal positioniert. Ich fände es äusserst originell, die neue Post um Zahlungs- und Informationsströme herum zu organisieren. Mit Jürg Bucher als Chef wird das möglich.

Welche der beiden Visionen ist besser aus Sicht des Service public?
Das hängt davon ab, wie man den Service public definiert. Im Grunde folgt der Service public immer noch einer veralteten Definition. Wenn man an dieser Definition festhält, verhindert man, dass sich die Post weiterentwickeln kann. Wenn sich die Post neu erfinden will, muss man auch den Service public neu definieren.

Bedeutet das, dass die Menschen auf dem Land statt einer Poststelle einen Scanner bekommen?
Ja, möglicherweise. Ich leere meinen Briefkasten heute noch einmal in der Woche, wieso muss die Post dann jeden Tag zugestellt werden? Das ist übertrieben. Hingegen will ich wissen, wenn sich etwas Wichtiges in meinem Postfach befindet, und entscheiden, wie und wo ich es erhalten will. So würde ich modernen Service public definieren.

Ist die Schweizer Post im internationalen Vergleich rückständig?
Nein, im Gegenteil. Sie ist heute eines der besten und modernsten Postunternehmen der Welt. Aber die Sicht der Politik auf die Post ist rückwärtsgerichtet. Das hilft der Post nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2009, 06:53 Uhr

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101 Kommentare

rolf berner

16.12.2009, 10:17 Uhr
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früher wurde die post 3mal täglich zugestellt! alles wird teurer und schlechter.aber erst seit es CO's gibt!!! Antworten


albert Albert Steiner

16.12.2009, 09:03 Uhr
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hat für den kunden irgendetwas gebessert bei der post? leider nicht. wir müssen uns dauernd die unternehmensphilosphien und personalquerelen anhören. derweil: poststellen verschwinden, tarife gehen in die höhe, die post kommt nicht mehr. strom, telecom und post sollten wieder verstaatlicht werden. speziell in einem so kleinen land. das ist lebensqualität und service public. Antworten



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