Wirtschaft
Wider den Fantasielohn
Von Daniel Friedli, Bern. Aktualisiert am 06.10.2009 21 Kommentare
Umfrage
Sollen in der Schweiz die hohen Managerlöhne mit einer staatlichen Quote nach unten geholt werden?
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1655 Stimmen
Managerlöhne
Fehlt die Putzfrau in der Bilanz, scheinen die Lohnunterschiede weniger krass
Hätten Firmen mit starkem Lohngefälle ihre Tiefstlohn-Bereiche nicht ausgegliedert, wäre die Gehaltsdifferenz noch viel grösser.
Die Unterschiede sprengen jede Vorstellungskraft: Verwaltungsratspräsidenten und Direktoren in 27 Schweizer Grossunternehmen verdienen in einem Jahr so viel wie ihre schlechtestbezahlten Angestellten das ganze Leben lang nicht. Herausragendes Beispiel: Novartis-Chef Daniel Vasella kassierte letztes Jahr mehr als 40 Millionen Franken – 720-mal mehr als sein am schlechtesten bezahlter «Büezer». In neun weiteren Firmen mit steilem Gefälle verdienen die Chefs gemäss der Managerlohnstudie 2008 von Travailsuisse immer noch 100- bis 430-mal mehr.
Der Arbeitnehmerdachverband legt jedes Jahr die Kadersaläre von 27 Schweizer Konzernen offen. Von den erfassten Unternehmen lagen 2008 nur die Migros, der Kioskbetreiber Valora sowie Coop in der Nähe der Juso-Initiative, welche die Lohnschere auf das Verhältnis 1:12 beschränken will: Kein Chef soll in einem Monat mehr verdienen als seine Arbeiter der untersten Lohnstufe in einem ganzen Jahr.
Krise bewirkte keine Umdenken
Die Banken- und Wirtschaftskrise habe die Manager 2008 nicht zum Umdenken bewogen, sagt Travailsuisse. Die Managerlöhne zeugten weiterhin von einer «Abzockermentalität in vielen Teppichetagen». Die durchschnittlichen Saläre von Konzernleitungsmitgliedern sind zwar von 2007 auf 2008 um vier Prozent zurückgegangen, und die Differenz zwischen Höchst- und Tiefstlohn sank um sechs Prozent. Doch in elf Unternehmen nahm der Unterschied sogar zu. Seit 2002 hat sich die Lohnschere um bis zu 264 Prozent (ABB) geöffnet. Der Badener Industriekonzern erhielt deshalb von Travailsuisse die nicht ruhmreich gemeinte Auszeichnung «Lohnschere 2008».
Nicht berücksichtigt ist in der Travailsuisse-Statistik das sogenannte Outsourcing: Seit den 1990er-Jahren haben sehr viele Unternehmen Bereiche ausgelagert, in denen die am schlechtesten entlöhnten Angestellten tätig waren. Gemäss Travailsuisse-Präsident Martin Flügel waren davon etwa Transporte, Logistikbereiche, die interne Hauspost, Archive, Lager, Kantinen und die Gebäudereinigung betroffen.
Lohnverhältnis 1:1000
Sorgten früher ein Hauswart (heute Facility-Manager) und sein von der Firma angestelltes Putzpersonal für saubere Büros, erledigen diese Aufgabe heute meist professionelle Reinigungsinstitute. Seit Juli 2004 haben zwar alle Reinigungsunternehmen mit mehr als sechs Angestellten einen Gesamtarbeitsvertrag. Doch der Mindestlohn einer Putzfrau beträgt dieses Jahr nur rund 19 Franken pro Stunde – Ferien- und Feiertagszulagen sowie ein halber 13. Monatslohn inbegriffen. Novartis-Chef Vasella verdient demnach nicht 720-mal, sondern rund 1000-mal mehr als die billigsten Angestellten, die beim Basler Pharmariesen tätig sind.
Laut Pia Tschannen vom Berner Beratungsbüro Fairness at work war die Auslagerung von Putzdiensten für die Angestellten mit grossen Nachteilen verbunden. Tschannen hat 2003 im Buch «Putzen in der sauberen Schweiz» die Arbeitsbedingungen der rund 100'000 Aufräumerinnen im Land beschrieben. «Viele erhielten für die gleiche Arbeit plötzlich zehn Franken weniger Stundenlohn.» Auch beim Kündigungsschutz und der Lohnfortzahlung bei Krankheit wurden sie als «flexibilisierte Angestellte» mit Teilzeitarbeit schlechtergestellt. Besonders wenn die öffentliche Hand Dienste auswärts vergab, kam es deshalb regelmässig zu massiven Protesten.
Erwin Haas
Novartis-Präsident Daniel Vasella hätte folgende Wahl: Entweder er kürzt seine persönlichen Bezüge um 39,7 Millionen Franken - oder er zahlt jedem seiner Mitarbeiter einen Jahreslohn von mindestens 3,3 Millionen. Und auch SBB- Chef Andreas Meyer müsste sich entscheiden: Halbiere ich meine letztjährigen Lohn von gut einer Million? Oder zahle ich meinen günstigsten Mitarbeitern künftig 90'000 statt 41'000 Franken pro Jahr?
Aufgeworfen wird diese Frage von den Jungsozialisten (Jusos), die heute in Bern offiziell ihre 1:12-Initiative gegen Abzockerei lancieren. Geht es nach ihnen, sollten Vasella und Meyer von beidem etwas tun: Beim obersten Lohn stark kürzen und bei den unteren etwas drauflegen. Wichtig ist den Jusos aber vor allem, dass das Verhältnis stimmt: Kein Chef soll in einem einzigen Monat mehr verdienen als sein günstigster Mitarbeiter in einem ganzen Jahr. Daher rührt auch die Formel 1:12. Sie soll künftig landesweit als maximale Bandbreite zwischen dem tiefsten und dem höchsten Lohn in einem Unternehmen gelten. Den Begriff Lohn definieren die Jusos dabei bewusst breit: Gemeint ist alles, was im Zusammenhang mit einer Arbeitstätigkeit ausbezahlt wird - vom Fixlohn über den Bonus bis hin zum Geschenk und zum Arbeitsessen. «Es darf nicht länger sein, dass oben schamlos abgezockt wird, während unten die Löhne nicht mehr zum Leben reichen», sagt Juso-Präsident Cédric Wermuth.
Radikaler Vorschlag
Der Anlauf der Jusos zur Eindämmung der Managerlöhne ist keineswegs der erste, aber bisher mit Abstand der radikalste. Die Wirtschaft selber setzte in ihren «Best Practices» primär auf etwas mehr Transparenz. Der Bundesrat will im revidierten Aktienrecht den Aktionären etwas mehr Macht geben. Den Jusos reicht beides nicht. Die Wirtschaft habe lange genug an einer Selbstregulierung herumgedoktert, ohne dass dabei etwas Zählbares herausgeschaut hätte, sagt Wermuth. «Nun muss die Politik klare Regeln aufstellen.»
Auf Unterstützung zählen kann der SP-Nachwuchs bei den Gewerkschaften. Ihr Augenmerk liegt zwar derzeit vor allem auf gesetzlichen Mindestlöhnen. Doch auch die Managergehälter sind ihnen eine Volksbefragung wert. «Beides ist richtig und wichtig», sagt Unia-Sprecher Nico Lutz. Wie die beiden Gewerkschaftsverbände SGB und Travailsuisse wird die Unia die Initiative darum unterstützen.
Auf Widerstand stösst das Begehren hingegen in der Wirtschaft, wo ein Exponent wie Peter Brabeck bereits eine dritte Option angekündigt hat: den Wegzug aus der Schweiz. «Dann müssten wir uns ganz klar die Frage stellen, ob die Schweiz weiterhin der richtige Standort für uns ist», sagte der Nestlé-Präsident unlängst auf die Frage, was er von Lohnobergrenzen halte.
Die Angst vor den Emotionen
Die unverhohlene Drohung zeigt, wie wenig die Wirtschaft von der Juso-Forderung hält - und wohl auch, wie ernst sie sie nimmt. Das Thema Managerlöhne sei stark emotionalisiert, sagt Thomas Daum, der Direktor des Arbeitgeberverbands. «Das wird die Debatte nicht einfacher machen.» Darum appelliert Daum an die Wirtschaft, bei der Aktienrechtsrevision vernünftige Vorschläge mitzutragen. Und darum argumentiert er in der Frage auch bewusst grundsätzlich. «Eine gesetzliche Lohnbandbreite wäre ein tiefer, inakzeptabler Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit.» Hilfe bekommt Daum von dem Mann, der die Lohndiskussion erst richtig angestossen hat: Thomas Minder, der Initiant der Abzocker-Initiative, hält von der Idee der Jusos gar nichts. «Das ist ein völlig falscher Ansatz», sagt der Schaffhauser Unternehmer. Welche Löhne in einer Firma bezahlt würden, sei Sache der Aktionäre und nicht des Staats.
Umgekehrt ziehen die Jusos mit Aussagen prominenter Bürgerlicher in die Unterschriftensammlung. Sie berufen sich auf Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die im Zuge der Empörung über die UBS-Boni einmal von Lohnbandbreiten sprach, die Idee später aber stillschweigend wieder beerdigte. Und sie nennen Klaus Schwab, Gründer des World Economic Forum (WEF), der sich für ein Lohnverhältnis von 1:20 ausspricht. Anders als die Jusos hofft Schwab aber darauf, dass die Firmen dieses Mass von sich aus einhalten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.10.2009, 09:41 Uhr
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21 Kommentare
Zur weltfremden 1:12-Initiative der Jung-Sozialisten kommt mir unweigerlich der Satz eines noch weltfremderen Alt-Sozialisten in den Sinn. Zitat von BR Moritz Leuenberger aus der 1.Mai Ansprache in Interlaken im Jahre 2001: "Mein Traum war stets - und ist auch heute - eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleich viel verdienen." Antworten
Dies führt zu einer Teilentziehung der Eigentumsrechte an den Unternehmen. Kein Wunder kommt dies aus dieser Ecke. Aktionäre können mit ihren Gewinnen machen was sie wollen. Wenn sie diese den Geschäftsführern geben wollen, weil sie der Ansicht sind, dass diese einen guten Job machten, dann ist dies zu respektieren. Man sollte vielmehr die Mitsprache/Kontrolle durch die Aktionäre verbessern. Antworten
Wirtschaft
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