«Wenn die Swissair nicht mehr fliegt, dann kann alles passieren»
Von Johannes Brinkmann. Aktualisiert am 02.10.2011 9 Kommentare
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Es war wie immer: Zur Mittagszeit schoben Flugbegleiterinnen die Trolleys durch den Gang und servierten Essen und Trinken. Wir assen und tranken, es schmeckte wie immer in diesen Flugzeugen - nicht überwältigend.
Nur eines war diesmal anders - der Blick aus dem Fenster: Statt Wolken oder tief unten vorbeiziehende Landschaften war da ein anderes Flugzeug zu sehen, das mit seinem Flügel an unserem Flügel vor dem Flughafengebäude Zürich stand. Wir bewegten uns keinen Millimeter.
Die Unterhaltung mit unseren Sitznachbarn, drehte sich um die Frage, ob und wann wir heute noch abfliegen würden. Seit einer Stunde warteten wir startbereit in der Maschine auf den Abflug nach Athen. Dann erschien der Pilot und sagte: «Die Europaflotte der Swissair ist unten.» Damit sprach er aus, was die Swissair bis dahin vehement abgestritten hatte.
Handysuche
Obwohl ich Journalist war, hatte ich kein Handy. Deshalb suchte ich ein Telefon. Ich probierte es mit dem Satellitentelefon neben dem Cockpit. Das Ding klebte so in seiner Halterung, dass ich es nur mit Hilfe eines Schraubenziehers herausbekam. Und dann akzeptierte es meine Kreditkarte nicht. Das Telefon war wohl seit Jahren nicht mehr verwendet worden, was ich angesichts der horrenden Gesprächstarife gut nachvollziehen konnte.
Zum Glück sah ich eine Schülerin in der vordersten Reihe SMS tippen. Ich bot ihr 5 Franken, wenn ich nur eine Minute telefonieren könnte. Sie lächelte glücklich über soviel Geld und gab mir das Handy.
In der Redaktion wussten meine Kollegen noch nicht, dass die Europaflotte am Boden blieb, weil die Swissair kein Flugbenzin mehr erhielt. Kurz nach der Eilmeldung der Nachrichtenagentur sda ging die Nachricht rund um die Welt. Die Meldung flimmerte bei CNN als «Breaking News» über den Bildschirm.
Alles kann passieren
Wir Passagiere hatten mittlerweile das Flugzeug nach dem Essen wieder verlassen. Der Kapitän meinte, wir sollten lieber am Gate warten. Meine Sitznachbarin konnte nicht glauben, was sich abspielte. Sie war aus Washington, wo nach den Terroranschlägen des 11. September alle Flughäfen gesperrt waren, mit dem Auto nach New York gefahren. Von dort wollte sie nach Athen zu ihrem herzkranken Bruder fliegen.
Die ältere Frau hatte extra die Swissair gewählt, weil diese im Ruf stand, eine sichere Fluggesellschaft zu sein. Nun sagte sie ungläubig: «Wenn die Swissair schon nicht mehr fliegt, dann kann ja alles passieren auf dieser Welt!»
Am Gate warteten bereits hunderte Passagiere von anderen Swissair- Flügen. Alle waren wie vor den Kopf geschlagen angesichts der dramatischen Ereignisse. Es herrschte eine unheimliche Ruhe.
Suche nach dem Gepäck
Wir versuchten, unseren Flug auf die Lufthansa umzubuchen, um auf anderem Wege nach Athen zu kommen. Doch vor allen Schaltern drängten sich Passagiere in langen Schlangen. Als wir an die Reihe kam, hätten wir noch mehrere hundert Franken für ein neues Ticket bezahlen müssen, weil die Lufthansa keine Swissair-Tickets mehr akzeptierte. Wir winkten ab.
Kurz nach 16 Uhr ertönte die mittlerweile berühmte Lautsprecherdurchsage: «Meine Damen und Herren, liebe Fluggäste, aus finanziellen Gründen ist die Swissair nicht mehr in der Lage, ihre Flüge durchzuführen.» Damit war klar, dass wir heute nicht mehr nach Athen kommen würden. Wir machten uns auf die Suche nach unserem Gepäck und dem Koffer, der älteren Frau, die froh über unsere Hilfe war.
Doch in der grossen Gepäckhalle lagen schon tausende Gespäckstücke und tausende Menschen suchten ihre Siebensachen. Und die Förderbänder spuckten ständig neue Koffer aus, ohne dass angeschrieben gewesen wäre, aus welchen Flugzeugen diese stammten.
Das Chaos war gross. Ich befürchtete, unser Gepäck sei beschlagnahmt worden, weil die Swissair pleite war. Erst nach eineinhalb Stunden hatten wir alle Gepäckstücke von uns und der älteren Frau beisammen. Dann buchten wir noch ein Hotelzimmer für die US-Griechin. Wir fuhren mit dem Auto nach Österreich in die Ferien.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.10.2011, 19:40 Uhr
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9 Kommentare
Seit dem Swissair Grounding geht ja nichts mehr richtig gut in der Schweiz. Die schweizerische Wirtschafts- und politische Elite hatten mit dem Grounding ihr eigenes Grounding. Übrig blieb Hayek, der aber nie richtig dazugehörte. Deshalb gibt es nichts Positives mehr zu berichten (ok, ev. Stadler Rail), weil es keine Elite mehr gibt, keine neuen Pioniere. Nur wischiwaschi MBAs aus St. Gallen, etc. Antworten
Wie viele Wochen wird noch Tag für Tag über dieses Thema geschrieben? Haben Sie keine anderen
positiven Berichte aus der heutigen Zeit zu melden? Und was wird wohl als nächstes aus der Vergangenheits-
Kiste kommentiert und in allen unnötigen Détails dargestellt?
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