Wirtschaft

Wenn die Post nervt

Von Simone Rau. Aktualisiert am 01.10.2010 52 Kommentare

Am Schalter werden immer offensiver postfremde Produkte zum Kauf angeboten. Viele Kunden nervt es.

Unangenehme Situation: Kunden fühlen sich am Postschalter  durch Werbeangebote bedrängt.

Unangenehme Situation: Kunden fühlen sich am Postschalter durch Werbeangebote bedrängt.
Bild: Keystone

Eigentlich wollte Andrea Müller* diese Woche nur einen Brief am Postschalter abgeben. Doch sie staunte nicht schlecht: «Möchten Sie einen Schokoladetaler der Pro Natura kaufen?», fragte die Angestellte. Als Müller verneinte, bekam sie den Katalog eines Möbelhauses zum Mitnehmen angeboten, schliesslich einen Flyer für eine Marketing-Ausbildung. «Ich wollte nichts von alldem und war dementsprechend genervt», sagt die Kundin.

Kunden fühlen sich bedrängt

Müller ist mit ihrem Ärger nicht allein. Die Stiftung für Konsumentenschutz erhält in letzter Zeit immer wieder Beschwerden von Postkunden, die sich durch die offensiven Verkaufs- und Werbeaktionen gestört fühlen: «Die Post sollte sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren: Briefe, Pakete, Zahlungsverkehr. Stattdessen belästigen die Angestellten die Kunden mit Produkten, die sie gar nicht wollen. Das ist daneben», sagt André Bähler, Leiter Politik und Wirtschaft bei der Stiftung. In den Beschwerdebriefen würden die Kunden monieren, dass sie sich «regelrecht bedrängt» fühlen. «Ob sie sich für die Produkte interessieren oder nicht – sie werden ihnen angeboten», sagt Bähler. Kritisiert würden zudem die durch die Aktionen entstehenden längeren Wartezeiten sowie der Umstand, dass sich «labilere, ältere oder fremdsprachige Kunden» kaum zur Wehr setzen könnten.

Bähler kennt sogar Fälle von Leuten, die vor lauter Ärger keine Poststellen mehr aufsuchen. Sie hätten genug gehabt von Hundefutter und Lottoscheinen, Abfallsäcken und Hausrat-, Autound Lebensversicherungen.

«Eine gute Sache»

Eine völlig andere Sicht auf die Dinge hat die Gewerkschaft Kommunikation, welche die Anliegen der Post-Angestellten vertritt: «Wir finden das eine gute Sache», sagt Heinz Suter. «Denn schliesslich muss die Post ein teures Netz von Poststellen unterhalten, nimmt aber immer weniger Geld ein. Wenn so verhindert wird, dass Poststellen geschlossen und Leute entlassen werden, ist das in unserem Sinn.»

Was aber halten die Angestellten selbst von den nichtpostalischen Produkten, die sie verkaufen müssen? «Die Reaktionen sind unterschiedlich», sagt Suter. «Die einen finden es gut, weil eine grössere Produktepalette ihre Arbeit spannender macht. Die anderen haben Mühe damit, besonders wenn es sich um Dinge wie Hundefutter handelt. Das geht ihnen zu weit.» Suter räumt zudem ein, dass es sich negativ auf die Motivation der Angestellten auswirken könne, wenn Kunden die Produkte zu oft ablehnten oder sich gar über die Angebote ärgerten.

Die Post will von diesem Umstand nichts wissen: «Unsere Leute sind sehr motiviert. Als ausgebildete Verkäufer fordert es sie heraus, eine grössere Produktpalette anbieten zu können», sagt Pressesprecher Mariano Masserini. Und schliesslich könnten sie stolz auf sich sein: Mit den Drittprodukten, welche die Angestellten verkaufen, generiere die Post 500 Millionen Franken pro Jahr – «ein interessanter Beitrag an das defizitäre Poststellen-Netz».

Die Freiheit des Kunden

Auch den Ärger der Kunden und Konsumentenschützer kann Masserini nicht verstehen: «Die Kunden haben stets die Freiheit, zu entscheiden, ob sie Ja oder Nein sagen wollen. Von Bedrängen kann keine Rede sein.»

Dem Vorwurf der längeren Wartezeiten widerspricht Masserini ebenfalls. Die letzten Zahlen zeigten, dass der Anteil der Kunden mit einer Wartezeit von null bis zehn Minuten bei über 98 Prozent liege. «Man muss in einer Poststelle also wirklich nicht lange warten, bevor man bedient wird.»

* Name geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2010, 07:52 Uhr

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52 Kommentare

Ralph Sommerer

01.10.2010, 15:43 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Das sind die Früchte bürgerlicher Markt-Ideologie: Unsere Post, einst der Stolz der Schweiz und neidisch beachtet vom Ausland, ist zum Krämerladen verkommen, die mit Brifkasten-Steuer und schlechtem Service die Kunden verärgert. Wer das nächste Mal einen Wahlzettel der FDP oder SVP einwirft, sollte daran denken, und auch daran, dass Strom, Wasser und Schulen als nächste auf ihrer Liste stehen. Antworten


Domenico carinod

01.10.2010, 16:10 Uhr
Melden

Die Kundin wo sich wegen so wenig nervt tut mir leid,Heut zutage wir sind eine Marketing Gesellschaft ,ob man mit Flyers oder Werbeplakate direkte Ansprechungen usw...WIr müssen unsere Schalterhallen recht erhalten weil Sie werden vom Bund nicht mehr unterstützt .Die Ergänzung dazu sind unsere Drittprodukte wo wir mit Aktiv Verkauf unterstützen ,ohne das wäre nicht möglich den Service Public Antworten



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