«Was Economiesuisse präsentiert, ist ‹Chabis›»
Von Rita Flubacher und David Vonplon. Aktualisiert am 27.08.2010 16 Kommentare
Zur Person
Der studierte Ökonom Jürg Bucher, 63, trat 1976 in die PTT-Betriebe ein. 1996 wechselte er zu Postfinance, die er seit 2003 leitet. Im Dezember 2009 wurde er zudem Konzernleiter der Schweizerischen Post und übt seither seine Funktionen im Doppelmandat aus.
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Wenn die Post so weitermacht,wird sie 2010 fast 1 Milliarde Gewinn erzielen: Ist das für einen Staatsbetrieb nicht unverschämt viel?
Die Post ist erfreut, dass sie gut unterwegs ist. Sie braucht Gewinne, da sie zu wenig Eigenkapital hat und die Pensionskasse finanzieren muss. Weiter erwartet auch der Finanzminister eine Dividende. Schliesslich brauchen wir die Gewinne, um den Konzern weiterentwickeln zu können.
Der Postregulator sieht das anders: Er findet, dass ein Monopolbetrieb selbsttragende Dienstleistungen anbieten soll.
Zum einen ist die Post kein Monopolbetrieb. Wir stehen zu 80 Prozent im Wettbewerb. 20 Prozent betrifft das Restmonopol bei den Briefen, das ebenfalls der Konkurrenz des Kommunikationsmarktes – E-Mail und SMS – ausgesetzt ist. Zum anderen halten wir uns an die Vorgaben des Bundesrats: Er erwartet branchenübliche Ergebnisse in allen Märkten.
Wie lässt sich ein Leistungsabbau für die Postkunden – Stichwort Nachmittagszustellung – trotz Milliardengewinn rechtfertigen?
Wir bauen keine Leistungen ab. Wir starten lediglich in drei Regionen Versuche für effizientere Zustelllösungen. Das können wir nicht am Schreibtisch tun. Ein Unternehmen wie die Post, das pro Tag 15 Millionen Sendungen zustellt, muss im Feld testen, wenn sie etwas ändern will.
Sie sagen, dass es keinen Leistungsabbau gibt. Die Kunden sehen das anders. Viele von ihnen akzeptieren nicht, ihre Post erst um zwei Uhr nachmittags zu erhalten.
Bleiben wir bei den Fakten. Es gibt drei Versuche, entschieden ist noch nichts. In der Innerschweiz testen wir eine Zustellung wie bisher um 12.30 Uhr. In der Ost- und Westschweiz bekommt nur ein kleiner Teil in Spitzenzeiten die Post während der Mittagszeit. In allen Testgebieten profitieren Quartiere mit Geschäftskunden, weil diese ihre Post bereits am Morgen erhalten.
Man hat den Eindruck, dass Kleinkunden generell benachteiligt werden zugunsten von Grosskunden.
Erstens: Privatkunden, die in Gebieten mit vielen Firmen wohnen, erhalten die Post auch früher. Deshalb wäre es falsch, von einer Zweiklassengesellschaft zu sprechen. Und zweitens ändert sich das Kundenverhalten: Gewerbetreibende brauchen die Post zwingend am Morgen. Sehr viele Privatkunden kommen erst am Abend nach Hause. Natürlich wollen wir aber auch Rücksicht nehmen auf Kunden, welche die Post schon am Vormittag wollen.
Die bisherigen Reaktionen auf die Versuche sind nicht gerade positiv.
Dass wundert mich nicht. Die Medien haben verbreitet, dass wir die Nachmittagszustellung einführen, was einfach nicht stimmt. Noch sind die Versuche ja nicht einmal angelaufen. Geben Sie uns die Chance, erst einmal abzuwarten, wie die Kunden die Tests aufnehmen.
Nicht nur die Medien, auch der Postregulator Mark Furrer hat sich zu den Versuchen kritisch geäussert.
Herr Furrer ist mit den Versuchen einverstanden. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Furrer bemängelte, dass bei diesen Tests noch vieles unklar sei und er endlich von der Post wissen wolle, was Sache sei.
Das stimmt so nicht. Ich will mich hier aber nicht über die Gespräche mit dem Postregulator äussern. Nur so viel: Ich treffe Herrn Furrer oft und regelmässig.
Auch die Gewerkschaften laufen gegen die Rationalisierungsmassnahmen Sturm. Sie befürchten den Abbau von bis zu 3400 Stellen. Stimmt das?
Entscheidend wird sein, wie viele Briefe maschinell sortiert werden können. Solange wir diese Ergebnisse nicht kennen, will ich nicht spekulieren. Fakt aber ist: Automatisierung und weniger Briefe haben einen Stellenabbau zur Folge.
Werden Briefträger bald nur noch 50 Prozent arbeiten und nach einem Zweitjob Ausschau halten müssen?
Wir werden sehen, welche Konsequenzen wir ziehen. Die Neuerungen vollziehen wir nicht von einem Tag auf den anderen, sondern schrittweise und möglichst sozialverträglich.
Economiesuisse kritisiert in einer Studie das Preis-Leistungs-Verhältnis der Post: Sie sei im internationalen Vergleich zu teuer. Ist die Post ineffizient?
Von Ökonomen erwarte ich, dass sie bei Vergleichen objektive wissenschaftliche Standards einhalten, um ihre These zu stützen. Was Economiesuisse hier präsentiert, ist «Chabis». Die Schweizer Post steht bezüglich Preisen bei Berücksichtigung der effektiven Nutzung aller Briefkategorien sowie bezüglich Zustellqualität hinter Grossbritannien am besten da. Nur: Die britische Post schreibt tiefrote Zahlen.
Econonomiesuisse hat nicht den gesamten Warenkorb berücksichtigt, sondern den Bereich, wo die Post ein Monopol hat.
Die haben ja nicht einmal das gemacht! Sie haben nur die A-Briefe bis 20 Gramm genommen. Die Schweizer Post hat aber keine derartige Kategorie, bei uns gehen die Briefe bis 100 Gramm. Wenn Sie den 100-Gramm-Preis mit dem 20-Gramm-Preis vergleichen, dann ist unser Produkt logischerweise etwas teurer. Kommt dazu, dass man die Qualität an den Werten von 2008 gemessen hat, als wir die Briefpost auf drei Zentren konzentrierten. Klar, dass da noch nicht alles geklappt hat. Wenn ich lese, dass unser Qualitätsversprechen von 98 Prozent schlechter sein soll als jenes von Italien, wo die Werte bei 90 Prozent liegen, habe ich meine Zweifel.
Die Studie stellt fest, dass die Qualität in anderen Ländernnicht so viel schlechter, der Preis jedoch viel tiefer ist.
Auch das stimmt einfach nicht. Die Schweizer Post gehört punkto Qualität und Preis zu den weltbesten. Bei den Paketen sind wir unter den ersten drei, bei den Briefen unter den ersten fünf. Es gibt keine Post in Europa, bei der die Briefe zu 98 Prozent rechtzeitig ankommt. Die meisten erreichen 90 Prozent oder weniger.
Welches Interesse sollte Economiesuisse an einer komplett falschen Studie haben?
Es geht wohl um die politische Frage, ob mit der Aufhebung des Restmonopols bei den Briefen die Effizienz gesteigert und die Preise gesenkt werden können.
Würde die Liberalisierung nicht Vorteile bringen?
Die Aufhebung des Restmonopols ist nicht die massgebliche Herausforderung für die Post. Die Briefpost wird schon heute durch SMS und E-Mail knallhart konkurrenziert. Die eigentliche Herausforderung für uns sind die veränderten Kundenbedürfnisse. Die adressierte Briefpost geht zurück. Ob mit oder ohne Restpostmonopol: Wir können mit beiden Varianten leben.
Sinken die Preise, wenn das letzte Monopol fällt?
Wenn man hohe Qualität will, nicht. Der Kommunikationsmarkt hat im ersten Halbjahr 79 Millionen Franken verdient. Früher war es mehr – trotz massiver Kostensenkungen – und die heute möglichen Rationalisierungen kommen an Grenzen. Dennoch: Ein Grossteil ist noch immer manuelle Arbeit. Wenn die Lohnkosten steigen, stossen wir an.
Werden die A- und B-Post-Tarife angesichts des rückläufigen Briefverkehrs demnächst gar erhöht?
Für dieses und das nächste Jahr ist keine Erhöhung für Standardbriefe und -pakete vorgesehen.
Wie viele Poststellen werden in Agenturen verwandelt?
Wir wollen die bestehenden 3600 Postzugangspunkte sichern. Wir haben 320 Agenturen. Bis Ende 2011 wollen wir die angekündigten 421 Poststellen überprüfen. Bei rund der Hälfte ist das schon geschehen.
Die Post hat 57 Millionen Franken mit den Poststellen verloren. Lässt sich dieser Fehlbetrag allein mit der Umwandlung von herkömmlichen Poststellen eliminieren?
Nein. Wir müssen sicher noch einige Jahre damit leben, dass die Post einen Infrastrukturbeitrag leisten muss. Im letzten Jahr waren das rund 200 Millionen Franken. Mit der Umwandlung in Agenturen können wir den Verlust reduzieren und die Öffnungszeiten verlängern.
Bieten Sie neue Dienstleistungen für die Poststellen an?
Ja. Die Post führt für Gemeinden, lokale Organisationen und Vereine zwei neue Dienstleistungen ein. Regelmässige Publikationen wie Quartierzeitungen oder Gemeinde-Infos können ab Oktober am Vortag bei jeder Poststelle aufgegeben werden. Am nächsten Morgen erfolgt die Zustellung im gewünschten Bereich. Eine normale Gemeindemitteilung kostet 28 Rappen pro Exemplar bei einem Mindestpreis von 50 Franken. Und Privatkunden bieten wir ab nächsten Frühling die Möglichkeit an, Informationsblätter – etwa über ein Quartierfest – ebenfalls am Vortag aufzugeben. Pro unadressierte A-Sendung kostet die Aufgabe 40 Rappen bei einem Mindestpreis von 30 Franken.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.08.2010, 23:05 Uhr
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16 Kommentare
Wieso ist es nicht möglich konkrete Zahlen bzw. Vergleiche bezüglich (Kaufkraftbereinigt, D, F, A, I, S, GB), Formate, Gewichte und deren Volumenanteil sowie Qualität auf die schnelle zu erhalten. Keine Veröffentlichung in einer Zeitung gefunden, auf der econmieCH webseite eine Präsentation mit einer Grafik (die bei mir nicht angezeigt wurde) - angeblich ein Vergleich über 20 g Briefe. Grundlagen? Antworten
Post hin oder her. Auch diese Organisation muss sich den heutigen Zeit stellen. Erfolgreich zu sein bei der Postfinance ist kein Wunder. Zum einen garantiert der Staat die Einlagen und zum anderen zahlt man dort anscheinend auch bessere Zinsen. Also wandert ein Grossteil von Kunden von Banken ab. Nicht umsonst will ja die Kantonalbankengruppe keine Postbank. Warum? Kann man in Zeitungen lesen. Antworten
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