Wirtschaft

Valora steht unverhofft ohne Chef da

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 09.05.2012 4 Kommentare

Thomas Vollmoeller will näher bei der Familie in Hamburg sein und wird Chef der Netzwerkfirma Xing. Für den Handelskonzern ist das ein herber Schlag, steckt er doch mitten in grossen Turbulenzen.

Wechsel an der Spitze: Der abtretende Thomas Vollmoeller (l.) und Rolando Benedick, der interimistische Chef.

Wechsel an der Spitze: Der abtretende Thomas Vollmoeller (l.) und Rolando Benedick, der interimistische Chef.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Valora

  • Valora
[Alt-Text]

Teilen und kommentieren

Stichworte

SwissquoteExklusiver Trading-Partner

[Alt-Text]

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Valora (VALN 186 1.09%) geht es nicht gut. Gleich zweimal musste der Kiosk- und Handelskonzern seine ehrgeizigen Ziele zurückstecken, zuletzt Ende März die Mittelfristziele bis 2015. Letztes Jahr wirkte sich der massive Einbruch im Pressegeschäft negativ aus: Dort fiel der Umsatz wegen der rasanten Verbreitung von Smartphones und Tablets um 15 Prozent. Zudem leidet Valora als Importeurin von Markenartikeln unter dem hohen Franken: Nutella, Kellogg’s und andere Marken kaufen viele Schweizer im Ausland ein.

Und nun geht der Chef, Thomas Vollmoeller. Der 44-jährige Deutsche, der seit Amtsantritt im Juni 2008 für die Arbeitswoche jeweils von Hamburg an den Valora-Sitz in Muttenz BL pendelte, will wieder näher bei seiner Familie sein. Die Töchter sind 11 und 14 Jahre alt, Ehefrau Ulrike ist Marketingleiterin bei Nivea-Hersteller Beiersdorf (Vollmoeller selbst wollte bis 2015 bei Valora jede vierte Managementfunktion übrigens mit einer Frau besetzen). Bis anhin stellte die Wochenendbeziehung für ihn kein Problem dar: «Diese Situation passt für uns», sagte Vollmoeller noch im letzten September.

Das war vor der ersten Korrektur der Prognosen von Valora. Seither hat sich die Lage verdüstert, und da fiel es Vollmoeller wohl nicht schwer, das Angebot als Chef der Netzwerkfirma Xing mit Sitz in Hamburg anzunehmen. «Vor ein paar Wochen wurden wir über die Pläne informiert», sagt Rolando Benedick, Präsident des Verwaltungsrats. Man habe ihm Zeit zum Überdenken gelassen, aber es sei dabei geblieben. «Das bedauern wir sehr, verstehen es aber.»

Noch hat Valora keinen Nachfolger. Interimistisch übernimmt Benedick die Leitung und setzt die eingeleitete Wachstumsstrategie fort. Vollmoeller wird im August bei Xing anfangen, bis dann steht er Benedick beratend zur Seite.

Agosti hält keine Aktien mehr

Für den früheren Manor-Chef Benedick ist die Rolle des «Active Chairman» nicht neu: Bereits 2008, als der damalige Valora-Chef Peter Wüst zurücktrat, hatte der Tessiner den Konzern vorübergehend geführt. Eine von Adriano Agosti und seiner Zuger Beteiligungsfirma Golden Peaks angeführte Gruppe von Investoren hatte damals monatelang Druck auf Management und Verwaltungsrat ausgeübt und mit Benedick schliesslich den Wunschkandidaten an die Spitze des Verwaltungsrats gebracht.

Agosti, der inklusive Optionen zeitweise 4,5 Prozent an Valora hielt, ist seit 2011 nicht mehr beteiligt. «Im April haben wir fast alles verkauft, kurz darauf den Rest», sagt er dem TA. Agosti geht jeweils von einer Restrukturierung von drei bis fünf Jahren aus, «um dann die reifen Trauben zu ernten», wie er sich in einem Interview mal ausgedrückt hat. Die Trauben, die waren Anfang 2011 tatsächlich reif, stieg der Börsenkurs doch auf knapp 350 Franken (siehe Grafik).

In zwei Schritten hatte die aktionärsfreundliche Valora auch ihre Dividende von 9 auf 11.50 Franken erhöht – und daran auch dieses Jahr festgehalten, trotz Umsatz- und Gewinnrückgang. Ein Zückerchen für die Aktionäre, liegt doch der Kurs heute gut ein Viertel unter jenem von Mitte 2008, als Vollmoeller als Chef angetreten war.

Keine Abgangsentschädigung

Management und Verwaltungsrat müssen derweil nicht darben. 2009 hat Valora einen aktienbasierten, langfristig ausgelegten Long Term Plan (LTP) eingeführt, der laut Geschäftsbericht ein integrierter Bestandteil der Gesamtentschädigung ist. Er soll die langfristige Ausrichtung auf die Unternehmensinteressen fördern. Dadurch kann sich die Gesamtentschädigung, die bei Vollmoeller für 2011 zum Beispiel knapp 1,1 Millionen Franken betrug, stark erhöhen.

Laut einem früheren Artikel der «SonntagsZeitung» waren Vollmoeller Anfang 2009 gut 10'000 Aktien mit gut zweijähriger Sperrfrist zum damaligen Kurs von 148.05 Franken angerechnet worden. Hätte Vollmoeller diese Anfang 2011 verkauft, hätte er den Anfangswert von 1,5 Millionen mehr als verdoppelt. Da Vollmoeller selber gekündigt hat, muss er nun jene Aktien aus dem Plan, die noch gesperrt sind, der Valora zum Einstandspreis zurückverkaufen. Weil der Kurs gefallen ist, kann dieser Betrag aber durchaus höher sein als der heutige Wert. Eine Abgangsentschädigung erhält Vollmoeller laut Valora-Sprecherin Stefania Misteli nicht.

Konzern mit vielen Baustellen

Vollmoeller geht zum ungünstigen Zeitpunkt: In Deutschland hat Valora jüngst 1300 Kioske und Tabakfachgeschäfte übernommen, die Retailchef Andreas Berger möglichst alle auf das bekannte Format K Kiosk umstellen will. Eine Reorganisation ist eingeleitet. Selbst für jemanden wie Berger, der 17 Jahre bei Aldi gearbeitet hat, ist das eine Herkulesaufgabe. Zudem hat Hanspeter Büchler, Chef des Bereichs Presse und Buch und früher bei Thalia, den Konzern unlängst verlassen. Und schliesslich steht Valora mit den Gewerkschaften im Clinch, weil die Kioskfrauen via Franchise das Geschäftsrisiko übernehmen sollen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2012, 08:08 Uhr

4

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

4 Kommentare

Ronald Furrer

09.05.2012, 12:23 Uhr
Melden 7 Empfehlung 0

Wenn er sich für Valora so sehr eingesetzt hätte, wie an gesellschaftlichen Anlässen sein Netzwerk zu pflegen, dann sehe die Situation für den CH-Konzern heute besser aus. Aber für Ihn ging ja alles supi auf.... - Typischer Schönwetter-Manager - Antworten


Elsbeth Vocat

09.05.2012, 10:39 Uhr
Melden 5 Empfehlung 0

Valora sollte erst mal das Kerngeschäft mit den Schweizer Kiosken richtig betreiben, bevor sie ins Auslandgeschäft einsteigen. Seit Jahren verscherbelten sie die kleinen, wenig rentablen Kioske oder bieten sie den Kioskfrauen zum Franchising an um damit das Risiko auf diese zu übertragen. Wie sollen die privatisierten Kioske über die Runden kommen, wenn es die mächtige Valora nicht schafft? Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Umfrage

Eine volle Rente soll nur noch erhalten, wer zu 80 Prozent invalid ist. Sind Sie mit dem Entscheid des Ständerats einverstanden?




DAS GELD und ich

Börsen auf Höchstständen: Wie weiter?

Nicht von dieser Welt!

Entdecken Sie die arabische Märchenwelt aus 1001 Nacht!

Online-Wettbewerb

Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.

Alles für Abonnenten und Abonnentinnen

Laden Sie sich Ihr ePaper auf Ihren Computer und blättern Sie gratis und ab 5 Uhr früh in Ihrem "Bund".