Wirtschaft

«Unversteuerte Vermögen sind eine Altlast – damit müssen wir umgehen»

Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 27.02.2010

Christoph Weber, Private-Banking-Chef bei der Zürcher Kantonalbank, hat nach eigenen Angaben ein gutes Gewissen. Er glaubt an die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz.

Nur noch «steuertransparente Gelder»: ZKB-Sitz an der Bahnhofstrasse, Christoph Weber.

Keystone/Doris Fanconi

Hat die Geschichte mit der Daten-CD in Deutschland in der ZKB-Chefetage grosse Nervosität ausgelöst?
Nervosität würde ich nicht sagen. Aber wir verfolgen das Thema natürlich aufmerksam. Es ist klar, dass solche Geschichten, wenn sie denn überhaupt wahr sind, zu Verunsicherung auf allen Ebenen führen.

Vor allem wohl beim Verantwortlichen des Private Banking. Würden Sie denn überhaupt zugeben, dass Sie schlaflose Nächte haben?
Das würde ich zugeben. Aber das habe ich nicht. Das Thema beschäftigt uns, weil wir eine Verantwortung gegenüber unseren Kunden haben. Es muss uns alles interessieren, was einen Effekt auf unsere Kunden hat. Solange wir aber keine konkreten Hinweise haben, keine Strafuntersuchung läuft, nichts Genaues bekannt ist über die CDs und über betroffene Kunden, will ich meine Energie auf das konzentrieren, was heute Realität ist.

Und wenn doch Daten von ZKB-Kunden auftauchen sollten?
Wenn das so wäre, müsste man die Situation anschauen. Klar ist aber: Die ZKB hat in der Vergangenheit weder Strukturen aufgebaut für Steueroptimierung, noch hat sie Spezialistenteams beschäftigt, die eine Beratung in diesem Sinn gemacht hätten. Aus heutiger Sicht und bezogen auf das, was wir in der Vergangenheit gemacht haben, haben wir ein sehr gutes Gewissen.

Sie verwalten rund 7 Milliarden Franken an ausländischen Kundengeldern. Davon dürften etwa anderthalb Milliarden aus Deutschland stammen. Macht das nervös?
Nein, das macht uns nicht nervös. In Relation zu den gesamten Vermögen von über 130 Milliarden Franken der ZKB reden wir hier von einem marginalen Teil. Das Thema ist jedoch auf dem Tisch. Unversteuerte Vermögen sind eine Altlast. Damit müssen wir umgehen. Lösungen erhoffen wir uns aus der Politik und den Branchenvereinigungen – sei das nun eine Abgeltungssteuer oder eine Amnestie, die für die Kunden eine Brücke schlägt, um Schwarzgeld in eine steuertransparente Situation überführen zu können, ohne dass die Kunden dabei kriminalisiert werden.

Sie sagten neulich, die ZKB wolle im versteuerten Bereich wachsen. Sind das mehr als nur schöne Worte?
Ich wurde auch schon gefragt, ob diesen Worten Taten folgen. Ich sage: Ja. Wir haben die Situation mit unseren Kundenbetreuern analysiert. Wir haben Workshops durchgeführt und wurden von unseren eigenen Mitarbeitenden gefragt: Wie gehen wir in der Praxis mit dieser Frage um? Hilfreich ist die Erfahrung, die wir im Umgang mit der Geldwäscherei gesammelt haben. Da haben wir gelernt, im Gespräch mit den Kunden zu ergründen, woher das Geld kommt, und anschliessend zu entscheiden, ob wir das Geld aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen annehmen dürfen oder nicht. In diesem Bereich hat die OECD der Schweiz ein gutes Zeugnis ausgestellt. Diese Art der Plausibilisierung bei der Entgegennahme von Neugeldern kann man genauso gut auch beim Thema Steuern anwenden. Ein solches Gespräch mit den geeigneten Fragen ist wesentlich aufschlussreicher, als wenn mir ein Kunde eine unterschriebene Steuererklärung vorlegt. Denn das Gespräch ermöglicht es, die Dinge zu hinterfragen.

In den erwähnten Workshops haben Sie mit Ihren Kundenberatern bestimmt Rollenspiele durchgeführt...
Ganz genau.

Also: Es kommt ein deutscher Kunde und will 1 Million Euro anlegen. Was ist die erste Frage des Beraters?
Die erste Frage in diesem Gespräch ist klar: Handelt es sich hier um steuertransparente Gelder – ja oder nein? Sagt der Kunde, dass er das Geld deklariert habe, folgt die Plausibilisierung dieser Antwort. Wir wollen wissen, weshalb er sein Geld trotz Deklaration in der Schweiz anlegen will. Die gängigen Antworten kennen wir. Damit begnügen wir uns aber nicht. Wir fragen nach und sehen unter anderem auch aufgrund der Art der Investitionen, die der Kunde tätigen will, ob dies einem steuerkonformen Konzept entspricht oder nicht.

Auf die Frage, weshalb er das Geld in der Schweiz anlegen will, sagt der Kunde, dass ihm die schöne Bergwelt so gut gefällt.
Das reicht uns als Begründung nicht. Das freut uns zwar, und es stimmt ja auch, dass die Schweiz für viele Deutsche ein beliebtes Urlaubsland ist. Oft kommen aber auch die Argumente der Stabilität, der sicheren Währung...

Man kann als Deutscher aber wohl kaum im Ernst behaupten, Deutschland sei nicht stabil.
Nein, wir sehen zurzeit allerdings, dass der Euro stark unter Druck geraten ist. Und es gibt dann schon eine Reihe weiterer Fragen. Zum Beispiel: Welches Steuer-Reporting wünscht der Kunde? Wie möchte er seine Anlagen strukturieren? Welche Art von Anlagen sucht er? Will er gewisse Anlagen vermeiden? Die Art der Antworten zeigt schnell auf, ob der Kunde steuertransparent ist oder nicht. Ich will aber betonen: Selbst wenn ein Kunde beispielsweise die Post zurückbehalten will, heisst das noch lange nicht, dass er ein Steuersünder ist. Wir unterschätzen das Thema Privatsphäre. Wir sehen gerade bei Kunden aus Deutschland, dass sie die Privatsphäre sehr hoch gewichten. Viele deutsche Kunden wollen nicht, dass man ihnen die Steuern direkt vom Konto abbucht.

Das weckt Skepsis. Da reden Sie von Plausibilitätsfragen – und am Ende des Tages nehmen Sie das Geld doch?
Wenn am Schluss des Gesprächs beim Kundenberater das Gefühl entsteht, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Kunden handelt, der steuertransparent ist und der die ZKB wegen der Qualität ihrer Dienstleistungen und der hohen Sicherheit der Bank aufsucht, dann nehmen wir diesen Kunden. Wenn wir hingegen substanzielle Zweifel haben, lehnen wir die Kundenbeziehung ab. Das ist bereits geschehen.

In Einzelfällen? Nennen Sie Zahlen.
Das kann ich nicht, weil solche Ablehnungen statistisch nicht erfasst werden. Es ist jedoch so, dass es sich bei der Kundschaft herumspricht, dass die ZKB eine Weissgeldstrategie verfolgt. Kunden, die nur aus fiskalischen Überlegungen eine Bank suchen, kommen nicht zur ZKB.

Wohin gehen sie?
Ich weiss es nicht.

Sie wollen es nicht sagen?
Nein, ich habe keine Ahnung. Ich verweise auf den Versuch der «Bild»-Zeitung, 20'000 Euro bar bei einer Zürcher Bank anzulegen. Das ist nicht gelungen. Das zeigt, dass die Sensibilität bezüglich Geldwäscherei und Steuertransparenz bei Schweizer Banken sehr hoch ist.

Sie bezahlen Ihre Berater aber nicht dafür, dass sie Kunden abweisen.
Die ZKB bezahlt keine Boni und Entschädigungen für die Entgegennahme intransparenter Gelder. Unsere Mitarbeitenden stehen voll hinter dieser Strategie. Es gelingt uns auch im aktuell kritischen Umfeld, Neugeld entgegenzunehmen. Statistiken zeigen, dass auch 2009 in kein Land netto so viel Neugeld geflossen ist wie in die Schweiz.

Auch aus Deutschland? Auch seitdem die Daten-CD in Umlauf ist?
Absolut.

Weniger als vorher?
Solche Auswertungen existieren nicht. Wir machen aber nach wie vor Neueröffnungen mit deutschen Kunden im steuertransparenten Bereich.

Sie legen also Wert auf das Gespräch mit Kunden. Eine Unterschrift, dass er sein Geld wirklich versteuert, verlangen Sie aber nicht?
Nein. Unser Gespräch läuft aber nach einem bestimmten Raster ab. Das Resultat des Gesprächs wird dokumentiert. Ergibt sich für den Kundenbetreuer eine Unklarheit, holt er einen Vorgesetzten. Wir denken, dass die Steuerfrage mit einem Kundengespräch fundierter geklärt werden kann als mit einer simplen Unterschrift. Eine solche führt in der Praxis nämlich dazu, dass Papiere vorgelegt werden, aufgrund deren der Kundenberater irgendwo auf einer Checkliste einen Haken macht, ohne den Kunden wirklich kennengelernt zu haben.

Glauben Sie aufgrund der bisherigen Erfahrung, dass Sie so die Weissgeldstrategie in der Praxis um- und durchsetzen können?
Ich bin überzeugt davon.

Ohne negative Folgen für das Geschäft der ZKB?
Ich bin auch davon überzeugt. Alle Fakten deuten darauf hin, dass der Finanzplatz Schweiz in dieser Diskussion nicht zu den Verlierern gehört.

Wollen Sie sagen, dass es den Schweizer Banken, wenn sie in Sachen Steuertransparenz restriktiver sind, eher nützt als schadet?
Ich sehe durchaus Chancen, dass wir uns mit den positiven Merkmalen des Finanzplatzes Schweiz profilieren können. Wenn wir den Schritt mit der Weissgeldstrategie vollziehen, wird uns das gegenüber den Wettbewerbern in eine bessere Position bringen.

Und glauben Sie daran, dass mit dieser Strategie der Druck aus dem Ausland auf den Schweizer Finanzplatz entschärft werden kann? Man wird den schönen Worten kaum glauben.
Sie haben insofern Recht, als Worte allein nicht genügen. Ich hoffe aber, dass die Banken mit Taten beweisen, dass sie es mit dieser Strategie ernst meinen. Dann wird auch unser Umfeld sehen, dass der Finanzplatz Schweiz ein neues Kapitel eingeläutet hat. Und irgendwann wird sich der Fokus der Thematik von der Schweiz wegbewegen.

Mit Christoph Weber sprach Bruno Schletti

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2010, 11:28 Uhr

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