Wirtschaft

«Unabhängigkeit ist wichtiger als Fachwissen»

Interview: Markus Diem Meier. Aktualisiert am 19.08.2010 12 Kommentare

Im Interview mit DerBund.ch/Newsnet sagt Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm, worauf es bei der Wahl des nächsten Finma-Präsidenten wirklich ankommt – und wo die Gefahren lauern.

«Jeder Regulator befindet sich auf dem schmalen Grat zwischen den Anforderungen der Regulierung und den Partikularinteressen»: Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm.

«Jeder Regulator befindet sich auf dem schmalen Grat zwischen den Anforderungen der Regulierung und den Partikularinteressen»: Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm.
Bild: Keystone

Die Bankiervereinigung fordert für die Nachfolge von Eugen Haltiner erneut einen erfahrenen Banker als Präsidenten der Bankenregulierungsbehörde (Finma) . Mit Haltiner war die Bankenlobby sehr zufrieden.
Die Bankiervereinigung ist natürlich an einem schwachen Regulator interessiert. Keine Lobbyorganisation wünscht sich eine Behörde, die ihr Geschäft einschränkt. Doch genau das gehört zu den Aufgaben eines Regulators. Die bisherige Erfahrung mit Eugen Haltiner hat sich nicht bewährt. Bei der Bankenaufsicht hat seit jeher das Prinzip vorgeherrscht, dass die scheinbar Kontrollierten in Wahrheit ihre Kontrolleure kontrolliert haben. Haltiner hat sich mehr als Schutzpatron der Banken verstanden, denn als ihr Regulator.

Eugen Haltiner war deshalb besonders umstritten, weil er von der UBS kam und die grössten Probleme seiner Amtszeit sich um diese Grossbank gedreht haben. Sie sagen jetzt, führende Banker als Oberaufseher taugen generell schlecht.
Das Problem geht über die Person von Eugen Haltiner hinaus. Der Leiter der Regulierungsbehörde muss unbefangen sein. Wenn ein solcher aber seine ganze Karriere in dieser Branche verbracht hat, fehlt im dafür die Glaubwürdigkeit. Das bisherige Leben hat sein ganzes persönliches Umfeld und sein Denken geprägt. Es fällt dann der Öffentlichkeit schwer zu glauben, dass jemand mit dem Sesselwechsel auch die gesamte bisherige Orientierung verändert und dass er unbefangen genug ist.

Banker haben aber wie niemand sonst das praktische Fachwissen für den Job.
Ökonomisches und wirtschaftsjuristisches Fachwissen ist notwendig, aber nicht das wichtigste Kriterium. Am wichtigsten ist die Unabhängigkeit und die Durchsetzungsfähigkeit. Wirklich durchsetzungsfähig ist jemand nur, wenn er auch unabhängig ist. Das gilt übrigens nicht nur für den Bankenregulator, sondern auch für die Chefs anderer Regulierungsbehörden.

Sie meinen, weil ein Banker als Chefregulator seinen Freunden unter Umständen auch die Suppe versalzen muss?
Unter Umständen sicher. Jeder Regulator befindet sich auf dem schmalen Grat zwischen den Anforderungen der Regulierung und den Partikularinteressen. Sein Job besteht ja aufgrund der Gesetzgebung immer auch darin, andere in ihrem Geschäft einzuschränken. Wenn man mit der Branche, die man regulieren soll, zu stark verhängt ist, führt das zwingend zu Interessenskonflikten.

Dennoch: Der Chef der Regulierungsbehörde muss doch die Branche detailliert kennen, die er reguliert.
Er muss über das Grundlegende Bescheid wissen. Es gibt aber keine Person – auch im Bankenbereich nicht – die sich in allen der sehr vielfältigen und komplexen Aspekten des Banken- und Versicherungsgeschäfts vertieft auskennt, die die Finma berücksichtigen muss. Das muss der Präsident der Behörde auch nicht, dafür hat er einen Direktor mit einem grossen Stab an Spezialisten. Der Präsident muss vor allem den Verwaltungsrat führen und strategische Entscheide fällen.

Welchen Erfahrungshintergrund sollte Ihrer Meinung nach der Haltiner-Nachfolger haben. Kann es auch ein Universitätsprofessor ohne Praxiserfahrung sein?
Praxiserfahrung ist wichtig, um die alltäglichen Kniffe im Zusammenhang mit Regulierungsfragen zu kennen. Doch dazu braucht es nicht unbedingt einen Banker. Es könnte zum Beispiel jemand sein, der viele Jahre an einem Wirtschaftsgericht oder in der Nationalbank gearbeitet hat und Kompetenz in wirtschaftsrechtlichen Entscheiden mitbringt.

Es besteht die Möglichkeit, dass der abtretende Bundesrat Merz die Nachfolge von Haltiner bereits einleitet. Was würde das bedeuten?
Das wäre sehr schlecht. Angesichts der anstehenden Revisionen bei den Regulierungen wird der Präsident der Finma eng mit dem künftigen Finanzminister zusammenarbeiten. Da wäre es fatal, wenn dieser ihn nicht selber aussuchen könnte und ihn sozusagen vom Vorgänger aufs Auge gedrückt bekäme. Angesichts der Nähe von Hans-Rudolf Merz zur Bankenbranche würde zudem die Gefahr bestehen, dass es erneut keine unabhängige Person wäre. Der Bankiervereinigung würde das allerdings bestimmt gefallen. Das Wichtigste ist, dass die Finanzmarktaufsicht das Vertrauen wiedergewinnt, dass sie im öffentlichen Interesse entscheidet! (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.08.2010, 13:52 Uhr

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12 Kommentare

Hans Meier

19.08.2010, 14:05 Uhr
Melden

Da liegen Sie leider falsch Herr Strahm, die Zeiten sind vorbei, wo wir Leute an Spitzenpositionen haben die nichts von der Materie verstehen! Heute brauchen wir Profis und keine Amateure und man kann auch nicht alles politisch lösen! Sorry! Ich kann mich gut erinnern wo Leo Schürmann, als ex Vize der Nationalbank die SRG übernommen hat. Schon da fand man das "witzig"! Antworten


Hans Müller

19.08.2010, 14:05 Uhr
Melden

Am besten nehmen wir einen Linken. Die sind sicher unabhängig von den Banken. Fachwissen ist ja nicht gefragt, das braucht es auch nicht. Das ist so wie ein Qualitätsverantwortliche bei der Autoherstellung: Fachwissen ist völlig unwichtig, Hauptsache, er verlangt jeden Tag Qualität. Und die Unabhängigkeit ist gewährleistet, wenn er früher Verkehrspolizist war. Antworten



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