Wirtschaft

Tiefe Wasserstände: «KKW müssen Leistung runterfahren»

Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 11.05.2011 59 Kommentare

Abgeschaltete Atomkraftwerke, tiefe Wasserstände, fehlende Netzkapazitäten: Im Stromhandel steigen die Preise, deutsche Kohle- und Gaskraftwerke werden hochgefahren.

1/5 Hitze und Trockenheit machen manchem französischen AKW zu schaffen: Kraftwerk bei Saint-Vulbas in der Nähe von Lyon an der Rhone.
Bild: Reuters

   

Nadine Brauchli ist Leiterin Energy Market Analysis bei der Schweizer Energiehändlerin EGL AG. Die EGL ist ein europäisches Energiehandelsunternehmen mit eigenen Assets. Sie ist eines der führenden Unternehmen im Eigenhandel, beim Absatz standardisierter Produkte sowie bei der Entwicklung von strukturierten Produkten und innovativen Dienstleistungen für Kunden. Dort wird unter anderem Strom im Spot-Markt (kurzfristig) und im Termin-Markt (langfristig) gehandelt. Schon jetzt lässt sich zum Beispiel Strom für das Jahr 2013 kaufen. Kunden von EGL sind beispielsweise Elektrizitätswerke – oder Stadtwerke, wie sie in Deutschland heissen – sowie grosse Industriebetriebe. Die Preise auf dem Grossmarkt wirken sich nicht sofort auf den Endverbraucher aus, da jeweils zwischen Grosshändlern und Elektrizitätswerken längerfristige Verträge bestehen. Die EGL ist an allen wichtigen europäischen Energiebörsen akkreditiert und an der SIX Swiss Exchange kotiert. Ihr Hauptsitz befindet sich in Dietikon/Zürich (Schweiz). Darüber hinaus ist sie mit ihren mehr als 20 Tochtergesellschaften in grossen Teilen Europas lokal präsent.

Mühleberg und Beznau haben genug Wasser

Die beiden flusswassergekühlten Schweizer Atomkraftwerke Mühleberg und Beznau – beide an der Aare – haben trotz anhaltender Trockenheit genug Wasser für die Kühlung, wie es auf Anfrage bei der BKW sowie bei der Axpo hiess. Weniger die Menge, als die Temperatur kann jeweils bei sehr heissen Sommern zu Leistungsreduktionen führen. Gesetzlich vorgegeben ist, dass das abfliessende Wasser der Kraftwerke nicht wärmer als 31 Grad Celsisus sein darf. In Mühleberg kann dies bei einem Zufluss von 21 Grad zu Anpassungen kommen, bei Beznau sind es 22 Grad.

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Frau Brauchli, am 14. März kündigte Kanzlerin Merkel die Abschaltung von sieben Atomkraftwerken an. Welche Auswirkungen hatte das auf den europäischen Strommarkt?
Im Terminmarkt, also im längerfristigen Handel, sind die Preise stark angestiegen. Innerhalb weniger Tage sahen wir im Stromgrosshandel eine Preissteigerung von sechs bis acht Prozent. Lag der Preis für das Kalenderjahr 2012 am 11. März, dem Tage des Erdbebens in Japan, bei etwa 53 Euro pro Megawattstunde, stieg er anschliessend um bis zu 5 Euro an. Gestiegen sind die Preise auch am sogenannten Spot-Markt, also dem kurzfristigen Handel.

Und das alles lag allein an der Ankündigung von Frau Merkel?
Viel hing sicher damit zusammen. Dazu kam aber auch noch die Erwartung höherer Gas-Preise wegen der Ausfälle japanischer Atomkraftwerke sowie die anhaltende Krise in Libyen.

Die Flusskraftwerke haben wegen der Trockenheit derzeit Mühe, die üblichen Strommengen abzuliefern. Wie wirkt sich das auf den Strommarkt aus?
Im Strommarkt ist die anhaltende Trockenheit deutlich zu spüren. In der Alpenregion werden derzeit für das zweite Quartal bis zu 7000 Megawatt weniger aus Wasserkraftwerken erwartet. Das ist vergleichbar mit zirka 5 bis 7 Kernkraftwerken. Zusätzlich sehen wir für diese Woche, dass die französischen Kernkraftwerke wegen der tiefen Wasserstände ihre Leistungen runterfahren müssen.

Heisst das, wir stehen vor Engpässen?
Grundsätzlich haben wir in Europa immer noch genug Stromproduktionskapazitäten. In Deutschland zum Beispiel können Gas- und Kohlekraftwerke hochgefahren werden. Allerdings sind dort die Produktionskosten höher. Und dazu kommt, dass hierbei CO2-Kompensationszahlungen die Preise zusätzlich treiben.

Also keine Knappheit?
Neben Gesagtem erwarten wir für nächste Woche Regen, das sollte die Situation wieder etwas entspannen.

Bereiten sich die Marktteilnehmer auf die Abschaltung weiterer Atomkraftwerke in Europa vor?
Derzeit gibt es keine konkreten Anhaltspunkte, dass demnächst weitere Kraftwerke vom Netz genommen werden. Trotzdem haben wir schon einmal den Fall einer definitiven Stilllegung der sieben derzeit abgeschalteten Meiler in Deutschland, sowie einer Abschaltung von Mühleberg und aller Kernkraftwerke in Zentraleuropa, die älter als 40 Jahre sind, berechnet. In einem solchen Szenario könnte der Preis pro Megawattstunde in den nächsten drei Jahren um bis zu vier Euro ansteigen.

Die Schweiz wird immer wieder als Batterie Europas bezeichnet. Wie wichtig ist diese Funktion tatsächlich?
Hier muss man natürlich den ganzen Alpenraum anschauen. Derzeit sehen wir, dass die Betreiber der Kraftwerke mit Speicherseen wegen unterdurchschnittlicher Wassermengen weniger Energie abliefern. Auch das hat einen Einfluss auf den Strompreis.

Jetzt ruft alles nach erneuerbaren Energien, wie Wind, Sonne oder Biomasse. Was lässt sich aus Sicht des Stromhändlers dazu sagen?
Zum Beispiel Windenergie, welche in Deutschland derzeit ausgebaut wird, ist nicht immer verfügbar. Aus meteorologischen Gründen. Das führt teilweise zu grösseren Produktions- und somit Preisschwankungen. Das kann auch zur Folge haben, dass negative Preise am Grossmarkt bezahlt werden. Konkret: Bei zu viel Wind müssen die Kraftwerkbetreiber bezahlen, dass man ihnen den Strom abkauft. Das geht im Extremfall bis hin zu 3000 Euro pro Megawattstunde.

Die Abnehmer bekommen dann den Strom gratis und dazu noch einen Geldzuschuss?
Ja. Das hat damit zu tun, dass zum Beispiel in Deutschland aus gesetzlichen Gründen erneuerbare Energien nicht reduziert werden dürfen. Und wenn wir kurzfristige Veränderungen der Wetterbedingungen haben, können auch die thermischen Kraftwerke – AKW, Öl, Gas und Kohle – aus technischen Gründen nicht so schnell reagieren. Bei zirka 30'000 Megawatt Wind – installierter Leistung – in Deutschland kann das schnell zu einer Produktionsänderung von gut 10'000 Megawatt von einer Stunde zur anderen kommen. Das hat sich im Markt aber inzwischen so ausgewirkt, dass die Kraftwerkbetreiber unter Beobachtung der Wetterlage vorausschauend und wenn immer technisch möglich thermische Kraftwerke runterfahren.

Es heisst, die Netzkapazitäten seien für neue Gegebenheiten – also Windenergie im Norden, Nachfrage im Süden - nicht genügend gross. Wie wirkt sich das auf den Stromhandel aus. Und wie gravierend ist dieses Problem?
Es kann zur Folge haben, dass zum Beispiel innerhalb Deutschlands Preiszonen entstehen. Sprich im Norden, wo es viel Wind hat, können die Preise zusammenbrechen, weil man aus Netzstabilitätsgründen, den Strom nicht nach Süden führen kann. Im Süden sind gleichzeitig hohe Preise zu beobachten. Unterschiedliche Preise zwischen den Ländern aufgrund von Engpässen zwischen den Landesgrenzen können jetzt schon beobachtet werden.

Wo sind eigentlich die Grenzen des europäischen Strommarktes?
Gegen Osten haben wir eigentlich keine Grenzen. Also auch Russland ist am europäischen Strommarkt angeschlossen. Zum Beispiel sehen wir einen regen Handel zwischen Finnland und Russland. Aber auch weit über die Türkei Richtung Irak, Syrien ist der Strommarkt an Europa angeschlossen. Selbst Grossbritannien hängt via Tiefseeleitung am europäischen Strommarkt. Auch wir von der EGL haben schon Geschäfte mit russischen Strommarktteilnehmern getätigt.

Haben die Entwicklungen in Japan Auswirkungen auf den europäischen Strommarkt?
Der japanische Strommarkt ist isoliert. Es bestehen keine Leitungsverbindungen zum asiatischen Kontinent. Über den Gaspreis hatte das Auswirkungen. Mit dem Ausfall der Atomkraftwerke gab und gibt es im Markt immer noch Befürchtungen, dass das Gas, welches Japan für die Stromproduktion braucht, in Europa dann fehle. Das hat sich bis jetzt nicht bewahrheitet, wird vermutlich aber mit der Erholung der Wirtschaft in Japan bemerkbar werden. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2011, 13:29 Uhr

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59 Kommentare

Thomas Berger

10.05.2011, 13:39 Uhr
Melden 30 Empfehlung

dann verbrauchen wir halt weniger Strom. Antworten


Raphael Wüest

10.05.2011, 14:03 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Genial. Es gibt zwar noch keine Stromlücke aber dank der zentralen Stromversorgung von Grosskraftwerken ist die Gefahr da. Wenn bei diesem Wetter jeder seine Solarzellen auf dem Dach hätte, bräuchten wir nicht mehr viel zusätzlichen Strom. Jegliches Warmwasser würde ebenfalls durch Kollektoren gedeckt. Alles wäre kein Problem, wenn wir nur endlich handeln würden! Antworten



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