Wirtschaft

«Swisscom ist der zweitgrösste Stromverbraucher nach den SBB»

Von Hans Galli. Aktualisiert am 27.03.2010

Swisscom-Konzernchef Carsten Schloter kritisiert im Interview, dass unsere Wirtschaft auf unbegrenztes Wachstum ausgerichtet ist. Es könne nicht ewig so weitergehen.

«Dem Wachstum sind ökologische Grenzen gesetzt»: Swisscom-Chef Carsten Schloter.

«Dem Wachstum sind ökologische Grenzen gesetzt»: Swisscom-Chef Carsten Schloter.
Bild: Keystone

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Herr Schloter, müssen wir neue Atomkraftwerke bauen, weil wir immer mehr Computer und Telefone benützen?
Dank der technologischen Entwicklung können wir den Stromverbrauch pro Gerät senken. Aber in der Bilanz benötigt die Informationsverarbeitung immer mehr Strom – das ist eine Realität. Ob wir in der Schweiz neue Atomkraftwerke brauchen, kann ich kaum beurteilen – das ist nicht nur eine technische, sondern auch eine politische Frage.

Die Swisscom (SCMN 352 0.09%) gehört schon heute zu den grössten Stromverbrauchern.
Swisscom ist der zweitgrösste Stromverbraucher nach den SBB.

Und der Verbrauch steigt weiter?
Auch wenn die Energieeffizienz der einzelnen Geräte kontinuierlich optimiert wird, steigt der Gesamtverbrauch. Allerdings ist es schwierig, für die Telekommunikation eine Energiebilanz zu machen. Die Telekommunikation ersetzt andere Leistungen wie zum Beispiel das Reisen, wodurch viel CO2 eingespart werden kann.

Wie reagiert die Swisscom auf den wachsenden Energiebedarf?
Wir decken unseren Bedarf mit Strom zu 100 Prozent aus einheimischen erneuerbaren Energiequellen. Darüber hinaus sind wir die grösste Bezügerin von Wind- und Sonnenenergie der Schweiz. Zudem haben wir die Energieeffizienz als wichtige Zielgrösse gewählt. Wir wollen diese bis 2015 um 20 Prozent steigern.

Nehmen wir die Set-Top-Boxen für das Swisscom-TV: Diese verbrauchen immer noch zu viel Strom.
Wenn wir davon ausgehen, dass die Ölreserven begrenzt sind und dass die erneuerbaren Energien in keiner Art und Weise ausreichen, um den Energiebedarf zu decken, dann verbraucht jedes Gerät zu viel Strom. Was wir konkret bei der Set-Top-Box gemacht haben: Wir haben zusammen mit den Herstellern neue Boxen entwickelt, welche den Stromverbrauch im Stand-by-Modus auf einen Zehntel reduzieren werden.

Ein weiteres Beispiel ist das iPhone: Aus Sicht von Swisscom ist es ein Erfolg. Je mehr Kunden es nutzen, umso stärker aber steigt der Stromverbrauch. Müssen wir mit dieser Kehrseite der Medaille leben?
Das iPhone verändert die Art, wie wir auf das Internet zugreifen, fundamental. Dinge, welche wir früher nur mit dem Computer gemacht haben, können wir heute mit dem iPhone auf eine viel einfachere und energieeffizientere Weise tun. Die Datenmengen sind kleiner, weil der ganze Wust an Werbung wegfällt.

Wegen des iPhones und ähnlichen Geräten müssen die Mobilfunknetze ausgebaut werden. Jede Antenne verbraucht Strom.
Die neuen Antennen sind energieeffizienter: Auf einer GSM-Antenne kann mit einer bestimmten Energiemenge nur ein bestimmtes Datenvolumen übertragen werden. Auf einer UMTS-Antenne ist dieses Verhältnis zwischen Energie und Datenmenge wesentlich besser, und bei der LTE-Technik wird es künftig noch einmal deutlich effizienter sein.

Messen Sie die Zulieferer anhand der Nachhaltigkeitskriterien?
Ja – und zwar nicht nur auf ökologischer Ebene, sondern auch auf sozialer. Wenn wir Dienstleistungen an ein anderes Unternehmen übertragen, berücksichtigen wir auch dessen Sozialstandards. Nachhaltigkeit hat drei Ebenen: Ökologie, soziales Verhalten und Ökonomie.

Was kann Swisscom direkt für die Nachhaltigkeit tun?
Es laufen permanent Initiativen, wie wir den Energiekonsum weiter optimieren können. Ein Beispiel ist das Projekt Mistral. Wir ersetzen in allen Betriebszentren die herkömmlichen Kühlanlagen durch ein Umluft-Kühlsystem. Die eingesparte Energiemenge ist gleich hoch wie der Energieverbrauch sämtlicher Privathaushalte in Liechtenstein.

Die SBB haben eigene Kraftwerke – hat die Swisscom ebenfalls Pläne in diese Richtung?
Das ist heute kein Thema. Aber Strom und Telekommunikation sind volkswirtschaftlich gesehen wahrscheinlich die beiden kritischsten Infrastrukturen. Das Stromnetz funktioniert nicht ohne das Telekommunikationsnetz und umgekehrt.

Eigene Kraftwerke seien heute kein Thema, haben Sie gesagt. Aber könnten sie eines werden?
Alle unsere Anlagen sind für eine gewisse Zeit gegen einen Stromausfall abgesichert. Wir müssen ständig überprüfen, ob dieser Zeithorizont genügt. Ob sich eines Tages die Frage nach der Energieunabhängigkeit stellen wird, kann ich heute nicht beantworten.

Kann das Rennen zwischen dem steigenden Stromverbrauch in der Informationsverarbeitung und dem knapper werdenden Stromangebot gewonnen werden?
Es geht um ein viel breiteres Thema. Der steigende Konsum von Dienstleistungen aus Informatik und Telekommunikation hat mit unserer Sicht auf die Wirtschaft zu tun: Wir streben nach ständigem Wachstum. Alles ist auf dieses Ziel ausgerichtet – aber wir wissen alle, dass es nicht ewig andauern kann. Dem Wachstum sind ökologische Grenzen gesetzt. Deshalb muss sich ein Unternehmen überlegen, wie es möglichst wenig von den vorhandenen Ressourcen verbraucht.

Welchen Ausweg gibt es?
Die Gesellschaft muss sich die Frage stellen: Wie sieht eine Wirtschaft aus, die nicht getrieben ist durch: «only more is better», sondern «enough is good».

Das sind interessante Überlegungen eines Konzernchefs, der an der Spitze eines Unternehmens steht, welches das Wachstum antreibt. Die Telekommunikationsbranche gehört zu den grössten Wachstumstreibern.
Wir sind nicht der einzige Wachstumstreiber. Der grösste Wachstumstreiber ist die Logik unseres Wirtschaftssystems. Diese Logik idealisiert das Wachstum und sie bestraft alles, was nicht Wachstum ist. Aber es kann nicht ewig so weitergehen.

Wann reift diese Einsicht?
Das Bewusstsein ist bei den Mitarbeitern und dem mittleren Management schon relativ stark verbreitet. Beim obersten Management ist es fast noch ein Tabu: Wir leben davon, unsere Position hängt davon ab, unsere Gehälter stammen von diesem Wachstum – wer am stärksten wächst, verdient am meisten. Das Bewusstsein ist ganz oben noch sehr wenig vorhanden, dass es irgendwann nicht mehr weiter aufwärts gehen kann. Das überrascht mich. (Der Bund)

Erstellt: 27.03.2010, 22:49 Uhr

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