Streikbrecher: Wenn Manager ins Cockpit steigen

Aktualisiert am 22.02.2010 18 Kommentare

Lufthansa-Kapitäne verweigern die Arbeit: Der möglicherweise grösste Streik der deutschen Luftfahrtgeschichte hat begonnen. Damit der Flugplan nicht ganz zusammenbricht, gibt es Piloten-Ersatz aus der Chefetage.

Chefpilot bei Germanwings: Michael Knitter.

Frank Reinhold/Wirtschaftswoche

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Informationen über den Lufthansa-Konzern

Lufthansa AG

Hier sind interkontinentale Flüge aus Deutschland heraus und grosse «Rennstrecken» zwischen europäischen und deutschen Metropolen angesiedelt. Dieses Kernstück des Konzerns wird mitunter auch als Lufthansa Classic bezeichnet und soll bestreikt werden.

Lufthansa Regional

Zu den fünf Regionalpartnern gehört die Lufthansa-Tochter Cityline, die vor allem auf weniger stark nachgefragten Strecken unterwegs ist. An Eurowings ist Lufthansa knapp zur Hälfte beteiligt, die italienische Air Dolomiti gehört wiederum komplett zur Lufthansa. Daneben werden noch Augsburg Airways und Contact Air als Regionalpartner geführt. Die Regionalpartner werden nicht bestreikt.

Germanwings

Ist der Billigflieger im Konzern, der von Eurowings gegründet wurde und inzwischen direkt der Lufthansa gehört. Er soll ebenso wie die Lufthansa Classic bestreikt werden.

Lufthansa Cargo

Ist als direkte Tochter der Lufthansa eine der grössten Frachtfluggesellschaften der Welt. Sie füllt nicht nur ihre speziellen Frachtflugzeuge, sondern nutzt auch den Gepäckraum von Passagiermaschinen. Auch hier soll gestreikt werden.

Lufthansa Italia

Ist eine Neugründung der Lufthansa in Mailand, die neun Airbus-Maschinen werden derzeit noch von Piloten aus Deutschland geflogen. Solange sich diese Piloten im Ausland aufhalten, dürfen sie nach Angaben der Lufthansa nicht streiken.

Zukäufe im Ausland

In den vergangenen Jahren erwarb Lufthansa mehrere Airlines im Ausland: Die Swiss in der Schweiz, Austrian Airlines in Österreich, Brussels Airlines in Belgien und British Midland in Grossbritannien. Zum Teil dauert die Integration noch an, die eigenständigen Marken bleiben unter dem Konzerndach erhalten.

Weitere Beteiligungen

Einen 50-Prozent-Anteil hält Lufthansa an der stark wachsenden türkischen Fluggesellschaft SunExpress, am amerikanischen Edel-Billigflieger JetBlue hält Lufthansa einen Minderheitsanteil von rund 15 Prozent. An der kleinen Luxair in Luxemburg ist Lufthansa zu 13 Prozent beteiligt.

Die Piloten der Vereinigung Cockpit (VC) haben in der Nacht ihre Arbeit bei Deutschlands grösster Fluggesellschaft Lufthansa (LHA 8.536 0.67%) niedergelegt. Bereits am Morgen wurden an die Hundert Flüge gestrichen. Betroffen waren vor allem Strecken innerhalb Deutschlands sowie einige internationale Verbindungen. Zehntausende Passagiere müssen sich darauf einrichten, dass ihre Flüge gar nicht oder nur verspätet starten. Die Lufthansa rechnet mit Millionenschäden.

Die Fluggesellschaft unternimmt alles, um den Flugplan nicht vollständig kollabieren zu lassen. Innerhalb von wenigen Tagen wurde versucht, quasi eine zweite Airline aufzubauen. An normalen Tagen befördern Lufthansa und ihre Regionalpartner im Schnitt rund 150'000 Passagiere. Ein Drittel der Flüge soll trotz allem abheben. Dafür sollen unter anderem Piloten aus dem Management des Unternehmens einspringen. Maschinen und Besatzungen wurden von anderen Gesellschaften angemietet.

«Wegen des Flugs bin ich nicht aufgeregt»

Den Krisenstab leitet Michael Knitter, er ist Senior Vice President Operations bei Germanwings und verantwortet dort den gesamten Flugbetrieb. Germanwings ist eine Billigfluggesellschaft und Tochter von Lufthansa. Erstaunlich ist, dass der 44-Jährige Knitter als Vertretung für streikende Kollegen auch selber ins Cockpit steigt, anstatt auf der Chefetage im Büro zu sitzen. Heute Mittag fliegt er von Köln nach Moskau. Er ist sehr nervös, wie er der «Financial Times Deutschland» verrät. Aber nicht wegen des Fluges, wie sich vermuten lässt, sondern wegen den Krisenvorbereitungen. «Ich hoffe, dass alles so greift, wie wir uns das vorstellen.»

Dem Flug sieht er gelassen entgegen. In normalen Zeiten fliegt er zwar weniger als einmal in der Woche. Das letzte Mal sass er vor rund vier Wochen in einem Flugzeug. Trotzdem fühlt er sich als Routinier: «Ich bin seit 25 Jahren im Besitz eines Pilotenscheins.»

Kein Verständnis für den Streitk

Dass Michael Knitter ein Streikbrecher ist, macht ihm kein schlechtes Gewissen. «Ich sitze für die Arbeitgeberseite am Verhandlungstisch, daher sehe ich mich nicht als Streikbrecher. Aber wir können natürlich im Moment nicht absehen, ob wir unbehelligt aufs Rollfeld kommen, oder uns etwa Beschimpfungen anhören müssen.»

Er sagt weiter: «Ich habe keinerlei Verständnis für diesen Streik. Uns entsteht ein riesiger Schaden, und zwar ein nachhaltiger. Die Forderungen der Piloten, auf Konzernebene mitbestimmen zu wollen, gehen zu weit.»

Die Vereinigung Cockpit (VC) hat mehr als 4000 Piloten dazu aufgerufen, bis Donnerstag in den Ausstand zu treten. Ihnen geht es vor allem um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze.

Sie wollen verhindern, dass Flüge aus dem Mutterkonzern auf ausländische, billigere Töchter verlagert werden. Sollten die Verhandlungen bis dahin nicht doch noch wieder aufgenommen werden, wird der Arbeitskampf zum grössten Streik in der deutschen Luftfahrtgeschichte.

Gegenseitige Vorwürfe

Die Lufthansa und ihre Piloten werfen sich gegenseitig vor, weitere Gespräche zu verhindern, weil sie mit unannehmbaren Vorbedingungen in die Verhandlungen gegangen seien. Die Forderungen der Piloten seien unerfüllbar und rechtswidrig, kritisierte das Unternehmen.

Gestern war ein Vermittlungsversuch des deutschen Verkehrsminister Peter Ramsauer gescheitert. Er rechne allerdings damit, dass die Verhandlungen heute oder morgen wieder aufgenommen werden, sagte Ramsauer.

Deutsche Wirtschaftsverbände kritisierten den Piloten-Streik scharf, von dem auch der Frachtverkehr betroffen ist. Im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise sei der Streik verantwortungslos, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, der «Berliner Zeitung».

Swiss springt ein

Einige ausländische Airlines haben angekündigt, grössere Flugzeuge einsetzen zu wollen, um gestrandete Passagiere aufzunehmen. Dazu gehören auch Lufthansa-Töchter wie die Swiss, die ihre Kapazitäten zwischen der Schweiz und Deutschland um 15 bis 20 Prozent aufstocken will.

Vom Streik direkt betroffen seien die 87 Codeshare-Flüge am Tag, sagte Swiss-Sprecher Jürg Dinner am Sonntag. 26 davon habe die Lufthansa für Montag annulliert. Die 39 von der Swiss durchgeführten Codeshare-Flüge seien nicht betroffen.

Neben Zürich-Kloten ist insbesondere der Flughafen Genf tangiert, wo Flüge nach Deutschland nur von der Lufthansa angeboten werden. Passagiere müssten über Zürich reisen, sagte Dinner. Über die Website Swiss.com könnten sich Passagiere laufend über die Entwicklungen informieren. (bru)

Erstellt: 22.02.2010, 11:56 Uhr

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18 Kommentare

Pius Wigger

22.02.2010, 10:32 Uhr
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Die Beweggründe von Kapitän Knitter in allen Ehren, aber es braucht ja auch noch einen Copiloten und ein paar FlugbegleiterInnen, damit er nach Moskau abheben kann. Antworten


Andre Reinhard

22.02.2010, 11:26 Uhr
Melden

Wollen die nicht begreifen das die Krise noch in vollem Gang ist und die Unternehmen sparen müssen ? Das ist in allen Firmen und Abteilungen (insbesondere Transport) das gleiche. Das nun Hauptsächlich die Lufthansa Kunden und danach die Mitarbeiter leiden müssen wegen diesem Streik, geht zu weit. Sorry aber das ist eine typische Piloten Ego Aktion. Wann landen die wieder in der Realität ? Antworten



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