Sparen am Himmel – bis zum letzten Tropfen Kerosin
Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 21.07.2011 18 Kommentare
Artikel zum Thema
- Die grösste Bestellung der Luftfahrtgeschichte
- Swiss mit Passagierrekord
- Swiss und Piloten erzielen Durchbruch
- Boeing: Dreamliner-Auslieferung nicht vor August
- Lahmgelegter A380 treibt Statistik nach unten
- Boeing hat jetzt auch Probleme mit neuem 747-8
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
«Meine Damen und Herren, liebe Fluggäste, aus finanziellen Gründen ist die Swissair nicht mehr in der Lage, ihre Flüge durchzuführen.» Was am 2. Oktober 2001 um 15.35 aus den Lautsprechern des Flughafens Kloten erschallte, war ein Schock für die Schweiz. Es war aber auch ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn eine Firma ihre Kosten nicht mehr im Griff hat. Der einst stolzen Airline war an besagtem Tag das Geld ausgegangen. Die Folge: Swissair konnte kein Kerosin für den Betrieb der Maschinen mehr beschaffen. Wenn auch nicht der Kerosinverbrauch am Absturz der Airline schuld war, so mögen dennoch die mit leeren Tanks parkierten Maschinen in Kloten symbolisch das Ende der Swissair markieren.
Nur logisch, dass heute jede Fluggesellschaft eine straffe Kostenstruktur fährt. Sparen ist angesagt, und zwar wo es nur geht. Potenzial ist noch viel vorhanden: beim Spritverbrauch, beim Platzangebot und beim Gewicht. Folge davon: Die Fluggesellschaften müssen ihre Flotten wenn möglich auf dem neusten Stand halten. Bei American Airlines dauerte das länger als üblich. Im Durchschnitt 15 Jahre alt sind die Maschinen der weltweit drittgrössten Fluggesellschaft. «American Airlines hatte auch wirklich Nachholbedarf», sagt Hansjörg Bürgi, Chefredaktor der Branchenzeitschrift «Skynews.ch». Besonders schwer auf die Betriebskosten drückten die veralteten Maschinen der Reihe MD-80. Und davon fliegen die Amerikaner noch 220 Stück.
Auch Swiss will mit neuem Flieger Kosten sparen
Teuer ist vor allem der Sprit. «Im Schnitt 30 Prozent der Ausgaben machen die Treibstoffkosten bei einer Fluggesellschaft aus», erklärt Bürgi. Kein Wunder, überbieten sich die Hersteller mit immer neuen Entwicklungen. Bei Boeing hat man den 787 – er geht bei All Nippon Airways noch dieses Jahr in Dienst – mit möglichst viel Kunststoff gebaut, um das Gewicht zu drücken. Das wiederum senkt die Kerosinkosten. Airbus bringt mit dem A320neo eine sparsame Version des Kurzstreckenfliegers auf den Markt.
Auch die Swiss nimmt mit der CSeries 100 von Bombardier voraussichtlich ab 2014 einen äusserst sparsamen Kurzstreckenflieger in die Flotte auf. Zwischen 10 und 25 Prozent sollen die neuen Generationen an Spritkosten einsparen.
Blase in der Luftfahrtindustrie?
Der A320neo ist derzeit der Star der Branche. Über 1000 Bestellungen konnte der europäische Flugzeugbauer bis nach der Pariser Flugzeugmesse für dieses Modell verbuchen. «Die Anzahl Bestellungen erreichte diesen Frühling schwindelerregende Höhen, das grenzt fast an Irrationalität», so Bürgi. Ins gleiche Schema passt nun die Grossbestellung von American Airlines. Zu den gestern 460 bestellten Fliegern kommen Optionen auf weitere 465 dazu. Ein regelrechter Boom ist das.
Bürgi relativiert allerdings: «American Airlines hat sich damit wohl erst die Kaufrechte gesichert. Bezahlt ist damit noch lange nichts.» Der Luftfahrtexperte stellt denn auch zur Debatte, was passieren würde, wenn die Branche erneut einen Einbruch erleiden sollte. «Die Hersteller müssen die Produktionskapazitäten hochfahren und sind dann darauf angewiesen, dass die Bestellungen auch wirklich ausgeführt werden.»
Boeing als Verlierer
Noch aber sind die Flugzeughersteller ausgelastet, die neu produzierten Maschinen gehen gleich in Dienst. Der Occasionenmarkt ist ausgetrocknet. «Zwar sind einige Maschinen in der Wüste parkiert, aber die will niemand haben, weil sie veraltet sind», weiss Bürgi. Weil die Nachfrage so gross ist, drängen mit den Chinesen und den Russen auch neue Anbieter in den Markt. Ganz abgesehen von der kanadischen Bombardier und der brasilianischen Embraer.
Als Verlierer im weltweiten Wetteifern um Flugzeugbestellungen im Kurzstreckenbereich scheint derzeit Boeing dazustehen. Zwar peppt man die vor 40 Jahren entwickelte 737 ständig auf. Die Branche wartet aber schon lange auf ein Nachfolgemodell. «Die Entwicklungen des Dreamliners 787 und des neuen Jumbo 747-8 haben Kapazitäten gebunden», weiss Bürgi. Und den Amerikanern werde die Bestückung der 737 mit neuen Triebwerken noch Probleme bereiten. «Die Durchmesser der neuen Triebwerke sind grösser, und das stösst sich mit den kurzen Fahrwerken.» American Airlines schwenkt denn auch wieder auf Airbus um. Mehr als die Hälfte der Bestellung geht an die Europäer. Derzeit fliegen die Amerikaner keinen Airbus mehr.
Die Finanzierung solcher Geschäfte
Dass mit American Airlines ausgerechnet eine Fluggesellschaft den Rekordauftrag lanciert hat, die nicht allzu gut im Rennen ist, wundert Bürgi wenig: «Die Finanzierung ist kaum ein Problem.» Dies, auch wenn der Gesamtwert der 460 bestellten Flieger auf rund 30 Milliarden Dollar zu stehen kommen dürfte. Spezielle Leasing-Gesellschaften helfen bei Flugzeugkäufen. Mit an Bord sind auch die Hersteller Airbus und Boeing mit ihren Finanzierungsabteilungen sowie natürlich die Banken. Bürgi dazu: «Die Banken sind für solche Deals zu haben, weil auf der anderen Seite ja ein Gegenwert steht, die Flugzeuge.»
Für Bürgi geht das Wetteifern um die wirtschaftlichsten Flieger in den nächsten Jahren munter weiter: «Die Technik ist noch nicht ausgereizt. Da kommt noch einiges.» Als – wenn auch utopisches – Beispiel mag der Schweizer Flugpionier Bertrand Piccard dienen. Mit seinem Solarflugzeug tourt er durch Europa. Dereinst ist gar eine Weltumrundung geplant. Was für den Schweizer Pionier Herausforderung und Spass zugleich ist, gehört für die Airlines weltweit zum Businessplan: Sparen. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.07.2011, 17:19 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
18 Kommentare
anstelle klagen auf hoher profitebene: - kostenwahrheit fürs fliegen einsetzen sowie kerosin besteuern (= schon ein kleiner schritt für eine ökologischere zukunft. - weniger fliegen (keine unnötigen billigflieger-city-hoppers: alle läden sind weltweit sowieso die selben). - bewusstsein bilden und 2000watt gesellschaft sowie pioniere wie Bertrand P. fördern Antworten
Jede Region wäre gut beraten, vom Luftfahrt-Kartenhaus Abstand zu wahren. Sobald diese Branche ihre Steuerprivilegien und Subventionen verliert und die Umweltkosten voll tragen muss (2000W-Gesellschaft, CO2), ist der Einstutz unausweichlich. Der heutige Massentourismus mittels Kerosin ist mittelfristig unhaltbar. Antworten
Wirtschaft
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten


