Wirtschaft

«Skimming ist für uns mit Abstand das grösste Problem»

Von Angela Barandun. Aktualisiert am 30.12.2011 29 Kommentare

Bancomaten-Betrüger haben UBS-Kunden dieses Jahr mehrere Millionen gestohlen, sagt Constantin Bregulla, Chef des Kartengeschäfts. Bei keiner anderen Art des Kartenbetrugs ist der Schaden höher.

Die Sicherheit wird laufend verbessert: Ein UBS-Bancomat.

Die Sicherheit wird laufend verbessert: Ein UBS-Bancomat.
Bild: Sabina Bobst

Constantin Bregulla: Der Deutsche arbeitet seit der Fusion bei der UBS und leitet heute das Kartengeschäft. In dieser Funktion hat er Einsitz in internationalen Gremien von Mastercard und Visa.

Neue Gefahren und Lösungen

In Deutschland nimmt gemäss Medienberichten die Zahl der Skimming-Attacken auf Tankstellen stark zu. In der Schweiz ist das noch kaum ein Thema: Der Zahlungsverarbeiter SIX registrierte erst «vereinzelt» Fälle. Die Angriffe auf Zahlungsterminals im Detailhandel konnte man offenbar dank Anpassungen am System abwenden. «Seit Mitte April gab es keinen einzigen Fall mehr», sagt SIX-Sprecher Bernhard Wenger. Auch davor handelte es sich eher um Einzelfälle: Von zwei Dutzend manipulierten Zahlungsterminals kam es nur in vier Fällen zu einem Datenklau.

Die Massnahme der Postfinance, mittels «Geo-Blocking» den Kartenmissbrauch einzudämmen, kommt bei den Kunden an: Nach gut einem Monat haben bereits 1000 Kunden den Magnetstreifen, der beim Betrug eine zentrale Rolle spielt, für gewisse Länder sperren lassen. Im nächsten Jahr sollen die Postfinance-Kunden via E-Banking sogar selber steuern können, wann und wo der Magnetstreifen funktioniert. (aba)

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Korrektur-Hinweis

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Beim sogenannten Skimming kopieren Betrüger den Magnetstreifen der Karte und zeichnen den PIN-Code auf. Vor gut einem Jahr explodierte die Zahl der derart manipulierten Bancomaten. Wie kam es dazu?
Skimming war im Ausland schon lange ein Problem. Keine Ahnung, wie die Betrüger das erste Land ausgesucht haben. Aber von da aus ist der Trend wie eine Welle auf Resteuropa übergeschwappt. Dahinter stecken organisierte Banden.

Und warum sind die Fallzahlen neuerdings stark rückläufig?
Die Branche hat reagiert. Wir haben seit Mai keinen einzigen Fall von Skimming mehr gesehen an unseren Bancomaten. Wir haben eine interne Taskforce gegründet und Massnahmen ergriffen. Und wir haben die Bancomaten so angepasst, dass Skimming kaum mehr möglich ist. Wir haben Überwachung und Kontrollen verschärft. Und wir haben die Zutrittsleser zu den Selbstbedienungszonen entfernt.

Wieso das?
Im Ausland haben die Betrüger die Magnetstreifen nicht mehr am Bancomaten, sondern bei diesen Zutrittslesern kopiert. Darum öffnen sich unsere Türen neu per Knopfdruck, nicht mehr mithilfe der Karte.

Was haben Sie an den Bancomaten verändert?
Es geht um technische Anpassungen, die einen Betrugsversuch frühzeitig feststellen und verunmöglichen sollen.

Wie?
Details möchte ich nicht nennen.

Geben Sie uns ein Beispiel?
Es geht um eine Summe von Massnahmen, die sicherstellen, dass der Automat nicht mehr funktioniert, sobald er manipuliert wurde. Etwa mit elektromagnetischen Feldern oder Erschütterungssensoren.

Dank solcher Sensoren merkt der Automat, sobald an ihm herumgebastelt wird?
Zum Beispiel.

Und das elektromagnetische Feld verhindert, dass eine Kamera die Eingabe des PIN-Codes filmen kann?
Etwas in dieser Art. Es findet ein Wettlauf statt zwischen den Betrügern, die immer neue Wege finden, Bancomaten zu manipulieren, und den Banken, die versuchen, sie daran zu hindern. Wir haben auch neue Mundstücke gemacht für die Kartenleser. Sie leuchten, wenn man die Karte hineinsteckt. Wir haben Überwachungskameras installiert. Und ein Sichtschutz über der Tastatur ist bei neu installierten Bancomaten Standard.

Es gibt eine zweite Variante. Eine kopierte Karte kann man nur im Ausland nutzen, wo Bancomaten mit Magnetstreifen funktionieren und nicht mit Chip wie bei uns. Postfinance-Kunden können daher den Magnetstreifen für bestimmte Länder sperren. Das nennt sich Geo-Blocking. Wieso machen Sie das nicht?
Wir prüfen das. Unsere Kunden sind aber tendenziell internationaler als jene von Postfinance – unsere Karten werden öfter im Ausland eingesetzt. Es ist eine Abwägung zwischen maximaler Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit. Im Moment gibt es kaum grosse Institute, die diesen Weg einschlagen.

Auch wenn die Zahl manipulierter Bancomaten abnimmt, scheint es zu früh für eine Entwarnung. Die Betrüger finden einfach neue Wege. In Deutschland sind neuerdings viele Tankstellen betroffen.
Das beobachten wir auch. Das Gleiche gilt für den Detailhandel, wo sich Betrüger über Nacht auch schon in einem Geschäft einschliessen liessen und Zahlungsterminals manipuliert haben. Aber bei aller Vorsicht: Berücksichtigt man, wie viele Transaktionen wir jeden Tag abwickeln, ist der Schaden durch Skimming insgesamt relativ gering.

Können Sie Zahlen nennen?
Mit unseren Debitkarten wickeln wir an Verkaufspunkten und Bancomaten pro Jahr etwa 100 Millionen Transaktionen mit einem Volumen von 21 Milliarden Franken ab. Der Schaden, der uns durch Skimming entsteht, bewegt sich im einstelligen Millionenbereich.

Skimmer erbeuten also jedes Jahr mehrere Millionen allein von Schweizer UBS-Kunden?
Ja, und das darf man nicht vernachlässigen. Aber es gibt in jedem System Fehler. Bargeld etwa wird gefälscht oder geklaut. Missbrauch und Verlust kann man nie ganz verhindern. Unser Ziel ist es, die Gefahr zu minimieren. Darum investieren wir jedes Jahr einen einstelligen Millionenbetrag in die Sicherheit der Bancomaten sowie in Systeme, die Kartenbetrug erkennen und vermeiden.

Wie viele Fälle von Skimming gab es dieses Jahr bei der UBS? (UBSN 11.15 -0.89%)
Laut den offiziellen Zahlen des Bundes wurden in den ersten vier Monaten 2011 schweizweit 225 Automaten manipuliert. In dieser Zeit waren bei der UBS 18 Bancomaten betroffen.

Was passiert, wenn ein UBS-Kunde einen fremden Bancomaten benutzt hat und betrogen wird?
Wir raten unseren Kunden, Geld nach Möglichkeit an UBS-Automaten zu beziehen, weil diese mittlerweile auf dem höchsten Sicherheitsstandard sind. Aber grundsätzlich übernehmen wir den Schaden, egal, an welchem Bancomaten oder Bezahlterminal die Kartendetails gestohlen worden sind.

Gibt es Ausnahmen?
So lange die Sorgfaltspflicht eingehalten worden ist, wird jeder Schaden ersetzt.

Und wann hat jemand die Sorgfaltspflicht verletzt?
Grundsätzlich gilt, dass sich die Kunden bei Unstimmigkeiten innert 30 Tagen melden müssen. Zur Sorgfaltspflicht gehört auch, dass der Kunde den PIN-Code verdeckt eingeben muss. Hier zeigen wir uns im Moment allerdings im Fall von Skimming kulant. Es gibt aber auch immer wieder Fälle, wo Kunden mit krimineller Energie fälschlicherweise einen Betrug monieren.

Nicht alle Banken haben gleich schnell auf die Skimming-Welle reagiert. Ist es nicht ärgerlich, wenn man für die Versäumnisse anderer bezahlen muss?
Das ist vielleicht schon ärgerlich, aber alles andere würde der Kunde nicht verstehen. Für uns darf es keine Rolle spielen, an welchem Bancomaten der Betrug stattgefunden hat. Mittlerweile haben alle Banken das Problem erkannt und ergreifen Massnahmen. Heute sind die meisten Bancomaten sicher.

Haben Sie sich bei Konkurrenten beklagt, die nicht vorwärtsmachen?
Es gibt eine spezielle Taskforce zum Thema Skimming auf Ebene der Schweizerischen Bankiervereinigung. Dort werden solche Fälle schon diskutiert.

Gehen die Leute öfter an den Schalter, um Geld abzuheben, seit die Gefahr durch Skimming breit bekannt ist?
Nein. Mag sein, dass es vereinzelt Personen gibt, die sich grössere Beträge seither persönlich auszahlen lassen. Einen Trend hin zum Schalter stellen wir aber nicht fest. Für den Kunden ist der Bancomat viel bequemer. Schauen Sie sich zum Beispiel die Frequenzen bei den UBS-Automaten im Zürcher Shopville an. Die Volumen sind gigantisch.

Sie tragen die Verantwortung für das ganze Kartengeschäft bei der UBS. Welche Form von Betrug steht an erster Stelle?
Skimming ist für uns mit Abstand das grösste Problem mit einer Schadenssumme in einstelliger Millionenhöhe. Bei den Kreditkarten ist Phishing das grösste Problem. Also wenn der Kunde online seine Kartendetails preisgibt und die dann für einen betrügerischen Zweck missbraucht werden. Aber dort liegt die Schadenssumme deutlich unter einer Million Franken pro Jahr.

Was ist die nächste Bedrohung?
Ich habe keine Ahnung. Im Moment ist nichts auf unserem Radar.

«10 vor 10» hat kürzlich über eine neue Masche berichtet, das «Cash Trapping». Die Betrüger präparieren den Geldschlitz so, dass die Noten stecken bleiben. Der Kunde läuft ohne sein Geld weg.
Das ist nichts Neues und hat nicht das gleiche Ausmass wie Skimming. Das Risiko für die Betrüger ist dabei relativ hoch, darum glauben wir nicht an einen neuen Trend. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2011, 20:52 Uhr

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29 Kommentare

stefan egloff

30.12.2011, 10:27 Uhr
Melden 42 Empfehlung

Liebe Banken, hört auf zu jammern und TUT entlich etwas dagegen! Schliesslich wurden aus spargründen viele Schalter geschlossen und gegen diese Automaten ersetzt, welche sich nun mehr und mehr zu einem Sicherheitsrisiko für den Kunden entwickeln. Wie wärs die entlassenen Schalterangestellten nun als Wachposten neben die Automaten zu stellen? Antworten


Marc Ramer

30.12.2011, 12:31 Uhr
Melden 20 Empfehlung

Die Banken könnten einfach EC-Karten ohne Magnetstreifen für den europäischen Markt ausstellen und das Problem wäre gelöst. Wer in die USA möchte, könnte dann eine Zweitkarte mit Magnetstreifen beziehen. So geht das. Antworten



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