Sie wollen alle von nichts wissen

Wie viel Anrecht auf Nichtwissen darf der Verwaltungsratspräsident eines börsenkotierten Unternehmens für sich reklamieren? Diese muss sich fragen, wer die Insidervorwürfe beim Hörgerätehersteller Sonova verstehen will.

Will nichts gewusst haben: Der charismatische Verwaltungsratspräsident und Grossaktionär Andy Rihs.

Will nichts gewusst haben: Der charismatische Verwaltungsratspräsident und Grossaktionär Andy Rihs. Bild: Keystone

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Der charismatische Verwaltungsratspräsident und Grossaktionär Andy Rihs will nichts von harzigen Absatzzahlen mit entsprechenden Auswirkungen auf den Gewinn gewusst haben. Weil ihn sein Unternehmen nicht mehr interessiert? Weder sein Konzernchef noch der Finanzchef wollen gewusst haben, dass sie sofort eine Gewinnwarnung publizieren müssen, sobald für sie ersichtlich ist, dass die Jahresziele gefährdet sind. Sie wussten auch nicht, dass sie eine interne Handelssperre zu verhängen hatten, bis klar wurde, dass dem Publikum eine Gewinnwarnung mitgeteilt werden muss. Weil ihnen die internen Sonova-Reglemente, in denen das steht, egal sind? Oder weil ihnen und Andy Rihs das rechtzeitige Versilbern ihrer Aktien und Optionen wichtiger war?

Hoher Preis

Der Preis fürs Nichtwissen ist hoch. Sonova hat in den letzten Tagen einen enormen Reputationsschaden erlitten. Eine eilends von Sonova bei der Zürcher Anwaltskanzlei Homburger in Auftrag gegebene Untersuchung deutet auf Mängel im internen Finanzreporting und in der Corporate Governance hin. Im Raum steht vor allem der Verdacht auf einen besonders dreisten Fall von Insiderhandel. Ob er gerechtfertigt ist, muss die Justiz beantworten. Man kann nur hoffen, dass sie es rasch tut, und zwar nicht nur im Interesse der unmittelbar Betroffenen.

Unnützes Gesetz

Der Umgang der Schweiz mit Insiderhandel ist ein Skandal für sich. Bis 2008 galt ein Gesetz, das das Papier nicht wert war. Blieb jemand ungeschickterweise doch mal in den Maschen hängen, versandeten die Untersuchungen in schöner Regelmässigkeit. Das Ausnützen vertraulicher Informationen war ein Kavaliersdelikt. Dann wurde das Gesetze verschärft. Ist nun alles gut? Nein, denn noch immer tun sich die Ermittler schwer mit der Beweisführung. Dabei wären jetzt harte Urteile dringend nötig, um dem «Nichtwissen» wie bei Sonova und anderswo den Garaus zu machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2011, 23:16 Uhr

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