Wirtschaft

«Schweizer sind bereit, für Qualität 30 Prozent mehr zu zahlen»

Von Rahel Guggisberg, Stefan Schnyder. Aktualisiert am 03.09.2011 29 Kommentare

Der Detailhändler Migros bereitet derzeit die dritte Preissenkungsrunde vor. «Senkungspotenzial gibt es noch in der Unterhaltungselektronik, im Sportbereich und bei den Spielwaren», sagt Migros-Chef Herbert Bolliger.

«Das Thema Wechselkurse wurde zum Sommerhit», sagt  Migros-Chef Herbert Bolliger im obersten Stock des Migros-Hochhauses in Zürich.

«Das Thema Wechselkurse wurde zum Sommerhit», sagt Migros-Chef Herbert Bolliger im obersten Stock des Migros-Hochhauses in Zürich.
Bild: Keystone

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Herbert Bolliger

Herbert Bolliger hat von seinem Büro im obersten Stock des Migros-Hochhauses am Limmatplatz in Zürich einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt. Allzu viel Zeit hat der 58-Jährige indes nicht, um das Panorama zu geniessen. Auf seinem Pult liegen – fein säuberlich geordnet – viele Ordner und Aktenmappen. Als Chef des Migros-Genossenschaftsbundes ist Bolliger verantwortlich für höchst unterschiedliche Unternehmen: Zur Migros-Gruppe gehören neben den Supermärkten beispielsweise ein Elektronikfachhändler (M-Electronics), ein Möbelhaus (Micasa), eine Bank (Migros-Bank), ein Treibstoffhändler (Migrol) und eine Reisebürokette (Hotelplan). Bolliger ist seit Mitte 2005 für dieses Imperium mit 83000 Mitarbeitern verantwortlich. Davor arbeitete er in Schönbühl: Er war Chef der Migros-Genossenschaft Aare. Im Jahr 1998 hat er die Fusion der Genossenschaften Bern-Solothurn und Aargau zur Migros Aare vollzogen. Der zweifache Vater ist verheiratet und wohnt im Kanton Aargau. sny

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Herr Bolliger, Sie als Migros-Chef können aus Imagegründen wohl kaum ins Ausland einkaufen gehen...
Herbert Bolliger: Ich könnte schon, gehe aber nicht, weil ich mein Geld vorzugsweise dort ausgebe, wo ich es verdiene und wo ich lebe. Also in der Schweiz und dort in der Migros-Gruppe.

Sie würden also auch nicht gehen, wenn Sie nicht Chef der Migros wären.
Nein, denn das wäre mir zu mühsam, wegen Lebensmitteln weit zu fahren und dann lange zu warten, bis die Zettel am Zoll abgestempelt sind.

Die Migros hat in zwei Runden die Preise auf vielen EU-Produkten gesenkt. Sind Sie mit den Verhandlungen am Ziel?
Wir haben die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen. Bei gewissen Produkten haben wir die Preise gesenkt, bevor wir tiefere Einstandspreise hatten. Das haben wir getan, um ein Zeichen zu setzen, aber auch mit der Erwartung, dass man uns auf der Beschaffungsseite bessere Konditionen bietet.

Wie laufen diese Verhandlungen?
Wir sagten den Lieferanten, dass wir aufgrund der Wechselkursverschiebungen erwarten, dass sie sich beteiligen. Diese Entscheide werden oft in den europäischen Zentralen der Grosskonzerne getroffen. Das macht es manchmal etwas schwerfällig.

Da ist sicher auch Absicht mit im Spiel.
Lieferanten wollen Preise grundsätzlich lieber erhöhen als senken. Und man darf nicht vergessen, dass es auch bei den Rohstoffpreisen zu Verschiebungen gekommen ist. Doch diese waren natürlich nicht im selben Ausmass wie die Wechselkursgewinne.

Sie haben zwei Preissenkungsrunden durchgeführt. Wann kommt die dritte?
Es wird sicher noch eine Runde geben. Entweder nächste oder übernächste Woche. Senkungspotenzial gibt es zum Beispiel noch in der Unterhaltungselektronik, im Sportbereich und bei den Spielwaren. Nicht mehr viel korrigieren lässt sich dagegen bei der Weihnachtsware, die haben wir ja schon längstens eingekauft.

Haben Sie den Lieferanten mit einem Boykott gedroht?
Mit einem Boykott zu drohen, ist jeweils eine letzte Massnahme, wenn gar kein Zeichen kommt. Die meisten Lieferanten haben indes die Situation rasch begriffen. Der eine oder andere Markenartikler hat aber unterschätzt, welche Welle diese tieferen Wechselkurse auslösen würden. Das Thema Wechselkurse wurde zum Sommerhit.

Der Euro kann vorübergehend auch wieder an Wert gewinnen. Bis zu welchem Kurs können Sie die gesenkten Preise garantieren?
Ab einem Eurokurs von 1.30 Franken werden die Lieferanten Druck machen, dass die Preise wieder steigen. Ich nehme an, die Lieferanten kalkulierten mit einem Kurs von 1.10 bis 1.20 Franken. Nun sind wir bei rund 1.12 Franken.

Welcher Punkt müsste Ihrer Ansicht nach im Kartellgesetz verbessert werden?
Aus unserer Sicht gibt es einen Punkt, den man verbessern muss: Wenn es zwischen den Beschaffungspreisen im Ausland und denjenigen in der Schweiz grosse Unterschiede gibt, müsste die Wettbewerbskommission einschreiten können. Wir als Händler sind heute gezwungen, bei den offiziellen Importeuren einzukaufen. Denn die Migros kann sich nicht im Ausland bei Zwischenhändlern eindecken. Die Hersteller würden dies aufgrund der grossen Mengen, die wir benötigen, rasch feststellen und den Zwischenhändler nicht mehr beliefern. Das haben wir schon erlebt.

In der Diskussion um den Einkaufstourismus haben Sie gefordert, dass der Bund vorwärts machen soll mit einem Freihandelsabkommen für Landwirtschaftsprodukte. Wieso?
Langfristig gesehen ist es gescheiter, den Weg der Liberalisierung zu gehen – aber mit einem guten Übergangsszenario. Es kann fatal sein, die Zeichen der Zeit zu verkennen und sich abzuschotten. Die Bauern sollen sich selbstbewusst mit ihren guten und gesunden Produkten der Konkurrenz stellen. Für mich ist Österreich ein gutes Beispiel. Die kamen einfach in die EU, wobei die Bauern gar keine Zeit hatten, um sich anzupassen. Doch die österreichische Landwirtschaft ist nicht untergegangen.

Aber die Schweizer Bauern haben Angst, dass die Migros bei offenen Märkten das Fleisch künftig in Polen statt in der Schweiz einkaufen wird.
Ich denke, es wird immer verschiedene Qualitäten geben. Das Importfleisch wird billiger sein, das Schweizer Fleisch wegen der besseren Qualität und der strengeren Tierhaltungsvorschriften teurer. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die Bereitschaft der Schweizer da ist, für bessere Qualität 20 bis 30 Prozent mehr zu bezahlen.

Die Bauern befürchten, dass die Zahl der Betriebe mit einem Freihandelsabkommen noch schneller sinken wird.
Die Strukturbereinigung in der Landwirtschaft läuft seit über zwanzig Jahren und wird noch weitergehen. Doch das war auch im Detailhandel so. Hier hat eine Strukturbereinigung über Jahre ohne staatliche Unterstützung stattgefunden.

Es gibt Befürchtungen, dass sich die Konjunktur abschwächt. Wie wird sich dies im Detailhandel auswirken?
Im Detailhandel haben wir ein hartes zweites Halbjahr vor uns. Die Konsumenten sind vorsichtiger geworden. Sie fragen sich, ob sie jetzt langfristige Konsumgüter wie Möbel anschaffen sollen. Auch im Supermarkt ist derzeit eine gewisse Zurückhaltung festzustellen. Die Frequenzen sind zwar gut, aber der Warenkorb ist aufgrund der tiefen Preise geschrumpft.

Wagen Sie eine Umsatzprognose für das Gesamtjahr?
Das kommt darauf an, was man alles anschaut. Die Migros-Gruppe verzeichnete bislang ein Wachstum von etwa 1 Prozent. Dies aber nur, weil die Benzinpreise gestiegen sind, was bei der Migros-Tochter Migrol zu höheren Umsätzen führt. Im Kerngeschäft dagegen haben wir eine Minusteuerung von mehr als 4 Prozent. Allein bei Früchten und Gemüsen beträgt die Minusteuerung über 10 Prozent. Deshalb liegen wir unter den Vorjahreswerten. Das dürfte sich bis Ende Jahr kaum ändern.

Heisst das, Sie bereiten ein Sparprogramm vor?
Die Personaleinsätze der Filialen werden immer von Woche zu Woche geplant. Wenn die Filialleiter bemerken, dass die Umsätze zurückgehen, dann reduzieren sie die einzelnen Pensen oder ersetzen Personalabgänge nicht. Ein spezielles, zentrales Sparprogramm ist indes nicht geplant. Wir managen unsere Kosten überall sehr konsequent und vorausschauend. So haben wir in der Logistik und in der Informatik bereits vor Jahren entsprechende Programme lanciert.

In Bern macht die Migros mit dem Einkaufszentrum Westside Schlagzeilen: Das Bad bleibt wegen des Einsturzes von Teilen der Decke bis auf weiteres zu. Wie gross ist der Umsatzausfall deswegen?
Ich kann dazu keine Zahlen nennen, denn dies fällt in den Zuständigkeitsbereich der Migros Aare. Doch ich gehe davon aus, dass es sich um einen ansehnlichen Betrag handelt.

Ziehen Sie für das gesamtschweizerische Geschäft der Migros Lehren daraus?
Bei uns laufen immer viele Bauprojekte. Und Zeitdruck kennt man auf vielen Baustellen. Doch Zeitdruck bedeutet noch lange nicht, dass unsorgfältig gearbeitet wird. Der Untersuchungsbericht liegt noch nicht vor. Deshalb haben wir auch noch keine Massnahmen ergriffen, die für die gesamte Migros gelten.

Doch im Westside hatten die Baufehler schlimme Folgen.
Es ist schrecklich, wenn Kunden von einem Baufehler betroffen sind. Es gab zwei Leichtverletzte. Das ist für mich ein Horror und tut mir sehr leid.

Wo hat die Migros mittelfristig Wachstumspotenzial?
Im Onlinegeschäft sehe ich noch weiteres Potenzial. Unser Lebensmittel-Onlineshop Le Shop wächst nach wie vor stark. Seit kurzem ist auch unser Elektronikfachmarkt M-Electronics mit einem Internetangebot präsent. Geplant sind zudem Onlineshops unseres Sportfachmarktes Sportxx und unseres Möbelfachmarktes Micasa. Ausserdem bauen wir das Filialnetz unserer Kette Depot, der Interio-Boutiquen, aus: In Deutschland eröffnen wir in diesem Jahr 80 Filialen. Und schliesslich wollen wir im Bereich Elektromobilität wachsen.

Will die Migros da einfach einem Trend aufsitzen?
Ich bin der Überzeugung, dass die Zeit des Verbrennungsmotors irgendwann zu Ende gehen wird. Die Vorräte an fossilen Brennstoffen sind beschränkt. Das Engagement für die Elektromobilität passt zu unserem Bekenntnis zur Ökologie. Unser Konzept sieht vor, dass wir mit Partnern in verschiedenen Städten Plattformen zum Thema Elektromobilität betreiben. Das sind auch Verkaufsstellen für Elektroautos, Elektrofahrräder und ähnliche Produkte. Mittlerweile gibt es solche Verkaufsstellen von M-Way in Zürich und St.Gallen. In Bern suchen wir eine Lokalität an einer gut frequentierten Lage.

Die Migros wird also zur Autoverkäuferin.
Nein, das ist nicht unser Ziel. Wir arbeiten deshalb in diesem Projekt mit Partnern wie den SBB, Siemens, Bosch oder Alpiq zusammen. Das Projekt steckt noch in den Anfängen. Das Problem ist, dass Elektroautos noch relativ teuer sind. Allein die Batterie kostet 25000 Franken. Aber ich bin überzeugt, dass diese Autos in Zukunft attraktiver werden und neue, innovative Produkte auf den Markt kommen.

Sie sind 58-jährig. Bei Coop ist es an der Spitze gerade zu einem Wechsel gekommen. Wie lange wollen Sie noch Migros-Chef bleiben?
Solange der Verwaltungsrat mich will, bleibe ich. Ich habe eine unglaublich faszinierende Aufgabe und gehe deshalb immer noch jeden Tag sehr gerne zur Arbeit. Das Pensionierungsalter bei der Migros liegt mittlerweile bei 64 Jahren.

Gegen aussen sprechen Sie gelegentlich Klartext. Machen Sie das auch gegenüber Ihren Mitarbeitern?
Ich versuche immer, möglichst klar zu sein. Es ist doch einfacher, wenn man weiss, woran man ist, als wenn man orakeln muss. Ich bemühe mich, mit meinen Mitarbeitern so umzugehen, wie ich es von meinen Vorgesetzten erwarte.

Dann herrscht bei der Migros eine Wohlfühlkultur?
Es ist wichtig, dass sich die Mitarbeitenden wohl fühlen. Das heisst aber nicht, dass nicht hart diskutiert wird. Es gibt beispielsweise zwischen dem Genossenschaftsbund und den einzelnen Genossenschaften immer wieder Diskussionen über Sachthemen, bei denen wir uns gegenseitig reiben.

Sollte die Migros diesbezüglich nicht dem Beispiel von Coop folgen und die Genossenschaften abschaffen?
Ich glaube, dass unsere heutige Struktur nach wie vor sinnvoll ist. Die regionalen Genossenschaften stellen sicher, dass wir nahe bei den Konsumenten sind und ihnen regionale Produkte anbieten können. Die Supportfunktionen wie die Informatik oder die Logistik für haltbare Produkte haben wir längst zentralisiert.

Die Struktur mit regionalen Genossenschaften hat Mehrkosten zur Folge. Wie hoch sind diese?
Wir sind von der Kostenstruktur her sehr gut aufgestellt – auch im internationalen Vergleich. Im Vergleich zu unserem Umsatz wären die möglichen Einsparungen gering. Bei einer tiefgreifenden Reorganisation liessen sich vielleicht 20 bis 30 Millionen Franken sparen. Doch die Frage ist immer, was man dafür aufgibt. Dank unserer Struktur ist die Migros in den Regionen stark verankert. Das ist ein Vorteil, den ich nicht aufgeben würde.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.09.2011, 12:51 Uhr

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29 Kommentare

Friedrich Lorenz

03.09.2011, 13:36 Uhr
Melden 81 Empfehlung

"Bessere" Schweizer Qualität.
Hauptsache, er glaubt es selber.
Antworten


Hp Rick

03.09.2011, 13:42 Uhr
Melden 73 Empfehlung

W O H E R haben Sie den diesen Unsinn Herr Bolliger. Ich kenne, außer 2-3 Millionären keinen Schweizer der für gleiche Qualität freiwillig 30% mehr bezahlt nur weil er patriotisch angehaucht ist. Viel schlimmer ist, dass Ihre Migros + der Coop das Schweizer Volk seit Jahrzehnten gnadenlos abzockt. Ernstzunehmende Konkurrenten wie Lidl oder Aldi werden von Ihnen mit ALLEN Mitteln bekämpft, Danke!!! Antworten



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