Wirtschaft
Schweizer Rockstar der Eurokrise
Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 31.12.2011 117 Kommentare
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Der Artikel schloss mit einer Prognose: Der Kampf gegen den allzu starken Schweizer Franken werde 2011 weitergehen. «Deshalb wird Philipp Hildebrand in einem Jahr wahrscheinlich noch ein wenig bekannter sein, als ihm heute schon lieb ist.»
Ein Jahr später lässt sich ohne Einschränkung sagen: Ja, Nationalbank-Präsident Hildebrand hat im Lauf des Jahres noch einmal an Bekanntheit zugelegt. Und: Tatsächlich ist der oberste Schweizer Währungshüter so etwas wie ein Rockstar.
Die Finanzkrise, die uns seit 2008 begleitet und beherrscht, bringt nicht nur Banken und Staaten ins Wanken. Sie erschüttert auch Werte und vermeintliche Gewissheiten. Und sie macht Angst: Apokalyptiker raunen vom ökonomischen Weltuntergang, der uns bevorstehe. Entsprechend gross ist der Wunsch nach Autoritäten, die uns erstens Orientierung geben und denen wir zweitens zutrauen, dass sie das Schlimmste zu verhindern wissen. Wir sehnen uns nach den Philipp Hildebrands dieser Welt.
Angriffe prallen ab
Der Nationalbank-Präsident strahlt Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit aus, wirkt erhaben, seriös und cool. Dazu hat er eine Funktion, in der er etwas bewegen kann, und zwar – im Gegensatz zum Politiker – mit sofortiger Wirkung. Devisen- und Aktienkurse reagieren unmittelbar, wenn die Nationalbank handelt. Dass Hildebrand 2008 entscheidend zur Rettung der UBS beigetragen hat, verleiht ihm zusätzlichen Glanz: Den Mann bläst auch ein Orkan nicht um.
Jede Epoche hat ihre Stars. Im Weltkrieg waren es die Generäle und Verteidigungsminister: Eisenhower, Churchill, Guisan. In den Jahrzehnten danach, als der Kampf ums Dasein von der Suche nach Selbstverwirklichung abgelöst, die Gesellschaft von Zwängen befreit und ein neues Lebensgefühl spürbar wurde, wuchsen die Träger dieses Aufbruchs zu Stars: Elvis, die Beatles, die Stones – die Politiker der Erotik. Wiederum eine neue Star-Gattung brachte der Aufstieg des Fernsehens. Und nun also die Gegenwart mit dem wirtschaftlichen Bedrohungs- und Unsicherheitsgefühl: Es ist die Stunde des Notenbankers. Philipp Hildebrand in der Schweiz, Mario Draghi in Europa, Ben Bernanke in den USA.
Ein smarter Macher
Zum Wesen des Stars gehört, dass er die Öffentlichkeit braucht. Ein Star wird nur, wen das Publikum als Star annimmt. Das geschieht, wenn das Publikum sich selbst beziehungsweise die eigenen Sehnsüchte in der Figur wiedererkennt. Der Star ist so, wie wir selbst gerne wären.
Philipp Hildebrand entspricht präzis dem aktuell gefragten Profil. Kein Showman, kein Medien-Zampano, sondern ein smarter Macher, der souverän Distanz markiert zur Welt der ungeliebten Bonus-Banker.
Wohl deshalb laufen die Versuche seiner Gegner, den Notenbank-Präsidenten zu destabilisieren, auf Grund. Es lässt sich zwar mit guten Gründen bezweifeln, ob Hildebrand und seine Nationalbank-Kollegen alles richtig gemacht hatten, ob die monumentalen Devisenkäufe angemessen und die damit verbundenen Milliarden-Buchverluste im Jahr 2010 nötig gewesen waren. Die Kampagne, die in der ersten Hälfte 2011 gegen ihn geführt wurde, namentlich von der SVP (Christoph Blocher: «Hildebrand ist nicht mehr tragbar») und der «Weltwoche» (sie titulierte ihn als «Falschmünzer»), konnte dem Nationalbank-Präsidenten trotzdem nichts anhaben. Die Angriffe flauten wieder ab. Und seit dem 6. September steht er sowieso unangefochten auf dem Podest. Damals kündigte die Nationalbank an, sie werde mit allen Mitteln dafür sorgen, dass der Eurokurs nicht mehr unter 1.20 Franken falle. Seither verteidigt sie die Untergrenze mit Erfolg.
Zum Bild des Rockstars passt, dass im eben publizierten Rating des Magazins «Bilanz» Hildebrand zum zweitmächtigsten Wirtschaftsführer des Landes aufgestiegen ist (hinter Nestlé-Präsident Peter Brabeck). Im Manager-Deutsch der Zeitschrift klingt das so: «Den spektakulärsten ImageTurnaround des Jahres 2011 legte Nationalbank-Präsident Hildebrand hin.»
Vorläufig offen bleibt, wie sich der am Tag vor Weihnachten publik gewordene Vorwurf auswirken wird, Hildebrand habe Insiderwissen zu seinem persönlichen Vorteil ausgenutzt. Gut möglich, dass das Gerücht als weiterer erfolgloser Desavouierungsversuch verpuffen wird. Die Untersuchung hat jedenfalls ergeben, dass der Vorwurf haltlos ist.
Die neue Prognose ist die alte
Philipp Hildebrand ist der Schweizer Superstar 2011. Dass er keine sonderlich charismatische Persönlichkeit ist und eher zurückhaltend, wenn es um Medienauftritte geht, ändert nichts daran. Denn Krisenzeiten erkennt man daran, dass sich die Ansprüche ändern, dass nicht Nahbarkeit, Fröhlichkeit und bunte Bilder vom heimischen Sofa und von den Wanderferien mit Frau und Tochter gefragt sind, sondern das konzentrierte Wirken im eigenen Feld.
Alles deutet darauf hin, dass uns die Eurokrise auch durchs Jahr 2012 begleiten wird. Das Positive daran: Wir müssen uns keine neue Prognose ausdenken. Weiterhin gilt: Philipp Hildebrand wird in einem Jahr wahrscheinlich noch ein wenig bekannter sein, als ihm heute schon lieb ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.12.2011, 11:55 Uhr
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