Wirtschaft
Schweizer Programmierer als Auslaufmodell
Von Anita Merkt. Aktualisiert am 19.10.2012
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Seinem Sohn und seiner Tochter rät der Zürcher Informatiker definitiv von einem Einstieg in sein Metier ab. Der IT-Fachmann – nennen wir ihn Herr I. – sprach mit DerBund.ch/Newsnet darüber, wie Schweizer Banken einheimische IT-Fachkräfte ersetzen. Inzwischen geht I. nicht mehr davon aus, dass Schweizer Informatiker bei Banken wie der UBS (UBSN 17.82 1.65%) und Credit Suisse (CSGN 29.25 1.74%) noch eine Zukunft haben. Bei der UBS hat er unter Oswald Grübel die erste Outsourcing-Welle nach Indien miterlebt. Zunächst ging es dabei nur um einfachere Tätigkeiten wie das Testen neuer Programme oder überarbeiteter Software. Dann kamen die Inder auch nach Zürich.
Der Informatiker musste mitansehen, wie eine bewährte Kollegin entlassen und kurze Zeit später durch zwei Inder ersetzt wurde. Wie viele indische Programmierer bei der UBS und CS bereits schweizerische oder deutsche Kollegen ersetzt haben, vermag I. nicht zu sagen. «Doch wenn Sie sich Projekt-Organigramme ansehen, sehen Sie schon an den Namen, dass überall indische Kollegen eingesetzt werden.»
Sich selbst überflüssig machen
Als er bei der UBS einen indischen Kollegen so vertieft in die IT-Systeme einarbeiten sollte, dass er sich selbst überflüssig machte, wusste er, dass es Zeit war zu gehen. Mittlerweile arbeitet er bei der CS. Was den IT-Fachmann stört, sind nicht die Inder selbst, sondern die Art und Weise, wie sie von den Banken eingesetzt werden. Zum Teil kommen sie aus Indien, um die Programmierteams in der Heimat zu koordinieren. Zum Teil übernehmen sie in Zürich aber Aufgaben, die zuvor von Schweizern erledigt wurden. Und das verstösst nach Auffassung von I. gegen die Weisungen des Bundesamtes für Migration (BFM).
Laut BFM dürfen Arbeitnehmer aus Staaten ausserhalb von EU und Efta nur rekrutiert werden, wenn entsprechende Fachkräfte auf dem schweizerischen und europäischen Markt nicht zu finden sind. «Wenn es um die Einwanderungskontingente für IT-Kräfte geht, sind die Arbeitgeber jeweils am Jammern, dass sie zu klein sind», so der IT-Mann. «Doch ein Teil der Arbeiten, die indische Programmierer hier ausüben, wurden zuvor von Einheimischen erledigt, die man entlassen hat.» Nach Ansicht des Programmierers gibt es genügend einheimische IT-Fachkräfte. «Sie werden lediglich ersetzt, weil sie zu teuer sind.»
Dienstleister oder Leiharbeiter?
Angestellt sind die indischen Programmierer bei Firmen wie Infosys, Wipro oder Cognizant. Nach Auffassung des Programmierers «verleihen» diese ihr günstiges Personal aus Asien an die Banken, was eigentlich nicht erlaubt wäre. Offiziell verkaufen die Drittfirmen aber Dienstleistungen an die UBS oder CS, die von den Indern dann teilweise über Jahre «erbracht» werden. «Würden AWA, Seco und das Bundesamt für Migration sich diese Fälle einmal genau anschauen, sähen sie, dass die Arbeitsbedingungen vieler Inder de facto denen von Leiharbeitskräften entsprechen», ist der Programmierer überzeugt.
Während die UBS immer grössere Teile des Programmiergeschäfts nach Indien auslagert, blickt die Konkurrenz zunehmend nach Osteuropa. Denn die bekannten Probleme mit indischen Programmierern – Mentalitätsunterschiede, fehlendes Prozessverständnis, Kommunikationsschwierigkeiten, hohe Fluktuation – können mit dem immer beliebteren Near-Shoring vermieden werden. IT-Dienstleister rekrutieren Personal in Osteuropa und bauen dort ganze IT-Zentren auf, die vor allem für Schweizer Banken arbeiten.
Near-Shoring in Osteuropa
Eine der IT-Firmen, die mit Kunden wie Swiss oder Swisscom gross geworden sind, ist Youngculture. Die Near-Shore-Zentren von Youngculture in Serbien sind seit der Gründung vor neun Jahren jährlich um 10–20 Prozent gewachsen. Inzwischen arbeitet Youngculture über die Firma crealogix auch für Schweizer Banken. Demnächst will man auch in Rumänien einen Standort aufbauen.
«Unsere Programmierer arbeiten nicht nur Aufträge ab, sondern verstehen auch, um was es geht», sagt Youngculture-Mitarbeiter Oliver Marjanovic. Flüge nach Belgrad sind schnell und billig. Wenn es Probleme gibt, ist man schnell vor Ort. Für Banken sieht Marjanovic im Near-Shoring noch ein «riesiges Potenzial». Schliesslich werde das Bankgeschäft immer IT-lastiger, letztlich sei «Banking ein IT-Business».
Credit Suisse in Wroclaw
Banken wie die Credit Suisse verlagern neben der IT bereits eine Vielzahl von anderen Bankjobs ins polnische Wroclaw, einstmals Breslau. Die IT in Zürich ist angesichts der Verlagerung zahlreicher Back-Office-Tätigkeiten nach Polen zurzeit so ausgelastet, dass der eingangs erwähnte IT-Fachmann alle Hände voll zu tun hat. Im Juni arbeiteten bereits 900 Mitarbeiter in Breslau. Der Ausbau des neuen Center of Excellence ist in vollem Gange.
«Wenn Funktionen wie der Wertschriftenverkauf oder die Gutschrift von Dividenden nach Polen verlagert werden, müssen dafür viele Programme angepasst werden», erklärt I. Er hofft, dass er für die IT-Begleitung des Verlagerungsprozesses noch so lange gebraucht wird, bis er sich allenfalls frühpensionieren lassen kann. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.10.2012, 18:36 Uhr
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