Wirtschaft
Schweizer Banken leiden unter Realitätsverlust
Ein Kommentar von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 06.02.2012 69 Kommentare
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Lucy Kellaway ist Kolumnistin bei der «Financial Times». Ihre Spezialität ist es, sich über die hohlen Phrasen der Managersprache lustig zu machen. In ihrer jüngsten Kolumne bekommt die UBS (UBSN 16.56 -0.30%) ihr Fett ab. Die Schweizer Grossbank verteilt an ihre Gäste in den privaten Speiseräumen in London eine Speisekarte, auf der auf der Rückseite folgender Vermerk angebracht ist: «Bei der UBS streben wir eine Unternehmenskultur an, die sich in allen Geschäftseinheiten nach den höchsten ethischen Standards ausrichtet. Unser Bemühen, bei allem, was wir tun, Aussergewöhnliches zu erreichen, verbunden mit dem Verlangen, die Anliegen unserer Kunden zu verstehen und zu erfüllen, übertragen wir auch auf die Essenserfahrung unserer Kunden. Deshalb werden unsere Speisen wenn möglich stets aus den besten saisonalen Produkten hergestellt, biologisch und unübertroffen in ihrer Qualität. Genau wie unser Geschäft.»
Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass Banken ihre privaten Kunden fürstlich bewirten und zu diesem Zweck Spitzenpersonal anheuern. (Der Confiseur der UBS in Zürich wurde auch schon Weltmeister.) Aber warum muss man ihnen den Genuss mit solchen Texten verderben? In London steht der UBS-Händler Kweku Adoboli im Verdacht, mehr als zwei Milliarden Dollar versenkt zu haben. Glauben die PR-Verantwortlichen der Grossbank wirklich, mit Sprüchen über biologisch hergestellte Nahrungsmittel und die Essenserfahrung solche Dinge übertünchen zu können?
Bill Clinton und die Kraftmeier der SVP
Die Schweizer Banken leiden zunehmend unter einem grassierenden Realitätsverlust. Im Fall des UBS-Kantinenmenüs ist dies unfreiwillig komisch und peinlich. Doch die Diskussionen im Fall Wegelin zeigen, dass dies auch gefährlich werden kann. Selbst meine Katze hat inzwischen begriffen, dass die Banken mit der Übernahme der alten UBS-Kunden grobfahrlässig gehandelt haben und deshalb nun auch dafür geradestehen müssen. Trotzdem erleben wir in der «Arena», dass ein Zürcher Finanzprofessor rechtliche Haarspaltereien auftischt, die so grotesk anmuten wie der legendäre Spruch von Ex-Präsident Bill Clinton, er habe Haschisch geraucht, aber dabei nicht inhaliert. Derweil führen sich die Kraftmeier der SVP auf wie die Ayatollahs im Iran und wettern gegen den «Grossen Satan» USA. Der Zürcher SVP-Präsident Alfred Heer erntet für seine Tiraden im Ausland etwa gleich viel Verständnis wie Mahmoud Ahmadinejad für seine Atompläne.
Die Finanzindustrie ist ein wichtiger Teil der Schweizer Volkswirtschaft. Wir schützen sie am besten, wenn die Banken aufhören, ihre Kunden und die Öffentlichkeit für dumm zu verkaufen – und wenn die Politik die Realitäten des 21. Jahrhunderts akzeptiert.
Erstellt: 06.02.2012, 12:13 Uhr
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69 Kommentare
Da kann ich nur gratulieren, zu diesem Text! Endlich einer der ungeschminkt sagt, was eigentlich schon seit geraumer Zeit alle wissen, die noch ein bisschen gesunden Menschenverstand, ein bisschen Bodenhaftung haben. Es bräuchte mehr Kolumnen in dieser Art, damit auch in der Breite in Umdenken statt findet. Antworten
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