Wirtschaft
Schlechter Schüler, erfolgreicher Unternehmer
Von Hans Galli. Aktualisiert am 10.06.2012
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Hansjörg Wyss
Hansjörg Wyss wurde 1935 in Bern geboren. Er studierte an der ETH Bauingenieur und erwarb an der Universität Harvard ein MBA. Er baute aus einem mittleren Unternehmen den schweizerisch-amerikanischen Medizintechnikkonzern Synthes auf. Dieser erzielte im vergangenen Jahr mit 11 400 Mitarbeitenden, wovon 2900 in der Schweiz, einen Umsatz von 3,9 Mrd. Franken und einen Gewinn von 966 Mio. Franken. Im vergangenen Jahr wurde Synthes von Johnson & Johnson übernommen. Wyss regelte so seine Nachfolge. Wyss ist immer noch Verwaltungsratspräsident.
Der 77-jährige Hansjörg Wyss gehörte zu den grossen Überraschungen am Swiss Economic Forum in Interlaken. Er gilt als verschlossen und tritt kaum je in der Öffentlichkeit auf. Doch während seines Referats brachen die 1250 SEF-Teilnehmer immer wieder in schallendes Gelächter aus und sie erhielten gleichzeitig Einblick in die Erfolgsrezepte eines Unternehmers, der es geschafft hat.
Die ersten Lacher erntete er mit Auszügen aus seinen Schulzeugnissen im Gymnasium in Bern: «Promotion gefährdet», «Promotion unsicher», «ungenügender Leistungen wegen verwarnt», hiess es da. Seine schulischen Leistungen seien konstant gewesen, nämlich konstant schwach, sagte er. Auch im Sport habe er bei sich keine besonderen Stärken entdeckt, meinte er in Anspielung an das SEF-Motto «Stärken stärken».
Wer nur Schwächen habe, suche Helfer von aussen. Wer Unternehmer werden wolle, der stütze sich aber besser nicht auf die Unternehmensberater ab. Die Leitsätze der weltweit tätigen Beratungsfirmen verstehe er entweder nicht oder sie enthielten Binsenwahrheiten.
«Ich habe das Gefühl, es ist ein bisschen Arroganz in diesem General Consulting Business», sagte Wyss. Für Marktanalysen könne man diese meist jungen Leute zwar gebrauchen, aber bei der Erarbeitung einer Führungsstrategie hätten sie wenig beizutragen.
Ständige Veränderung
Ganz ohne Berater ist allerdings auch Wyss beim Aufbau des Medizintechnikkonzerns Synthes mit seinen heute weltweit 11 400 Mitarbeitenden nicht ausgekommen: Der Japaner Kei Abe lehrte ihn vor mehr als zwei Jahrzehnten die japanischen Managementmethoden mit Produktionszellen und Just-in-Time-Fabrikation. Das Wichtigste war laut Wyss die ständige Umstellung der Produktion.
Als Beispiel nannte er eine Analyse aus dem Jahr 2006. Diese sei zum Schluss gekommen, dass Synthes alle zwei Jahre eine neue Fabrik bauen müsse. Doch er habe einen andern Weg gewählt, sagte Wyss und zeigte es am Beispiel einer Knochenschraube.
2006 produzierte eine Maschine pro Jahr 440 000 Schrauben und beanspruchte eine Bodenfläche von 41 Quadratmetern. Die nächste Maschinengeneration benötigte drei Jahre später für das gleiche Produktionsvolumen noch 18 Quadratmeter. Die neueste Maschine produziert laut Wyss zwar nur noch 380 000 Stück pro Jahr, aber sie hat auf 7 Quadratmetern Platz. «Dieses System wird jetzt weltweit eingeführt. Statt dass wir neue Fabriken bauen, haben wir heute 30 Prozent leere Produktionsflächen», sagte Wyss. Er sei unerbittlich: Sobald eine neue Maschine eingeführt sei, stelle er sie schon wieder infrage und suche nach ihren Schwächen. Wenn er gefragt werde, warum eine Maschine nach vier Jahren ersetzt werde, sage er: «Weil wir sonst einen Rückschritt machen.»
Er wehrte sich gegen die Behauptung, Synthes produziere und verkaufe Knochenschrauben und Platten für Schädeldecken. «Wir haben immer versucht, den Chirurgen bei der Lösung eines klinischen Problems zu helfen», sagte er. Seine Hauptmotivation sei, die medizinische Versorgung zu verbessern.
Innovation als Chefsache
Dieses Ziel bestimmt auch die Unternehmensstruktur. Geführt wird das Unternehmen von einem Konzernchef, dem auch die Produktentwicklung untersteht. Über ihm steht Wyss als Verwaltungsratspräsident und ihm ist die Innovationsabteilung angegliedert. Das würde wahrscheinlich kein Unternehmensberater empfehlen, aber es sei eines der Erfolgsgeheimnisse. Er habe eine Innovationsgruppe gebildet, die sich jeden Nachmittag an einem langen Tisch treffe und über Ideen diskutiere. In dieser Gruppe seien die wichtigsten Innovationen der vergangenen sechs, sieben Jahre entstanden. Er arbeite aber auch eng mit den Unikliniken Basel, Salzburg und Balgrist in Zürich sowie der Empa in Dübendorf zusammen: Überall seien Synthes-Leute tätig.
Er sei aber auch immer wieder im Übergwändli in die Produktion gegangen, und auch der Verwaltungsrat verbringe regelmässig mehrere Stunden im Betrieb. Nur wer die Produkte verstehe, könne die richtigen Entscheide fällen. Reine Finanzspezialisten seien dazu nicht in der Lage.
Im vergangenen Jahr hat Wyss die Synthes-Aktien an den Johnson-&-Johnson-Konzern verkauft. Mit seinem Vermögen, das von der «Bilanz» auf 9 bis 10 Milliarden Franken geschätzt wird, unterstützt er 100 gemeinnützige Institutionen. Der Universität Harvard stellte er 140 Millionen Dollar zur Verfügung, weil er Bildung als wichtig erachtet.
Er hatte zuerst Bauingenieur studiert und dann in Harvard sein Betriebswirtschaftsstudium mit dem MBA abgeschlossen. In den USA hat er 12 Millionen Hektaren Land gekauft und für einen Nationalpark zur Verfügung gestellt. Unterstützt hat er auch die Furkabahn, die Fondation Beyeler und das Kunstmuseum Bern. Ohne ihn gäbe es den Berner Progr in seiner heutigen Form als Atelierhaus und Veranstaltungsort nicht. Wyss scherzte: «Der Stadtpräsident sagt, das sei sein Verdienst. Ich bin einverstanen: Er war nicht dagegen.» (Der Bund)
Erstellt: 10.06.2012, 10:18 Uhr
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