Post wirbt für Werbung in Briefkästen – trotz Stopp-Klebern

Die Aktion verärgert Kunden und Konsumentenschützer. Letztere sprechen von «billiger Bestechung».

Die Post möchte mit ihrer Aktion die Bastion der Werbungsverweigerer knacken.

Die Post möchte mit ihrer Aktion die Bastion der Werbungsverweigerer knacken. Bild: Keystone

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Markus Ammann* wunderte sich nicht schlecht. Letzte Woche lag ein Brief der Post in seinem Briefkasten, in dem sie für Direktwerbung wirbt. Beigefügt war ein Kleber für seinen Briefkasten mit der Aufschrift: «Werbung? Ok!». Dabei prangt an Ammanns Briefkasten klar und deutlich bereits die gegenteilige Botschaft: «Werbung nein danke!». Ammann ist empört.

Damit steht er nicht alleine da. In den letzten Tagen ging bei der Stiftung für Konsumentenschutz eine ganze Reihe von Beschwerden ein. «Viele Menschen ärgern sich über die ungebetene Post», sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. Die Werbe-Kleber gingen in der letzten Woche an 170'000 Haushalte mit Stopp-Klebern in den Kantonen Bern, Luzern und St. Gallen. Zusammen mit dem Kleber erhielten sie ein Gratismuster Nescafé Gold und ein Schreiben mit dem Versprechen, dank dem Kleber könnten die Empfänger künftig von unadressierter Werbung und von Warenproben profitieren. Gegen das Gesetz verstösst der «Briefkasten-Spam», wie Ammann es nennt, zwar nicht. Die Werbung ist adressiert. Die Anschriften hat die Post von Adresshändlern gekauft.

«Nicht die Aufgabe der Post»

Die Aktion geht diese Woche in 180'000 Haushalten im Kanton Zürich und den beiden Basel weiter. Allerdings in abgeänderter Form: Hier werden keine Kleber verteilt. Das Motto lautet: «Sagen Sie Ja zu Werbung, die Sie wirklich interessiert!». In diesem Sinne sollen die Haushalte angeben, zu welchen Themen die Post ihnen künftig Warenproben und Werbung schicken darf. Beigelegt ist ebenfalls ein Gratismuster Nescafé Gold.

Konsumentenschützerin Stalder findet die Aktion daneben: «Es ist nicht Auftrag der Post, Leute umzustimmen und für Werbung empfänglich zu machen.» Insbesondere stört es sie, dass die Post die Konsumenten mit Gratismustern ködert: «Das ist billige Bestechung.» Auch das Konsumentenforum hat «wenig Verständnis».

Schon mehrmals versucht

Die Post versucht nicht zum ersten Mal, das Interesse der Konsumenten für ihre Direktwerbung anzuheizen. 2006 hat sie schon einmal einen Versuch in Basel und Zürich gemacht. Damals hat sie den Konsumenten zuerst angeboten, den alten Stopp-Kleber kostenlos und professionell vom Briefkasten zu entfernen. Danach schwenkte sie auf einen Pro-Werbe-Kleber um, wie er jetzt etwa in Bern verschickt wurde. Die Aktion erzielte jedoch kaum Wirkung. In Zürich stiegen lediglich 3 Prozent der Angeschriebenen auf das Angebot ein – obwohl die Post den Wechselwilligen sogar eine Prämie versprach.

Der Kampf der Post gegen die Stopp-Kleber ist auf eine Schweizer Eigenart zurückzuführen. Hierzulande prangt gemäss Zahlen von Publimedia an knapp 45 Prozent der Briefkästen ein solches Verbot – das sind gut 1,7 Millionen Haushalte. Im Kanton Zürich will mit 60 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung keine unadressierte Werbung, in der Stadt Zürich sind es sogar 70 Prozent.

«Die Leute nicht bedrängen»

«In Deutschland und Österreich liegt der Anteil bei lediglich 10 Prozent», sagt Postsprecherin Nathalie Salamin. Sie verteidigt die Werbeaktion: «Wir wollen die Leute nicht bedrängen. Wenn jemand keine Werbung will, ist das in Ordnung.» Direktwerbung ist laut Salamin für die Post ein wichtiger Einkommenszweig, der viele Arbeitsplätze sichert. Die Post ist eine bedeutende Akteurin bei der Verteilung von Direktwerbung. Sie stellt zwei Drittel der adressierten und die Hälfte der nicht adressierten Werbesendungen in der Schweiz zu. Obwohl Experten davon ausgehen, dass das Internet die Direktwerbung im Briefkasten zunehmend verdrängen wird, sind die Umsätze aus der Zustellung in den letzten Jahren nur leicht gesunken auf 1,25 Milliarden Franken 2009.

* Name geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2010, 22:55 Uhr

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