Post und Swisscom kreuzen 
die Klingen in Sachen E-Health

Beide Staatsunternehmen preschen mit neuen Lösungen für Patientendaten vor.

Digitale Daten statt Akten in der Schublade - doch machen die Patienten mit?

Digitale Daten statt Akten in der Schublade - doch machen die Patienten mit? Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Probleme mit der unleserlichen Handschrift des Arztes könnten dereinst ein Ende haben. Auch die Tage der Krankenakte mit losen Laborberichten, Überweisungsbescheiden und anderen Dokumenten könnten gezählt sein.

E-Health heisst das Zauberwort, mit dem unter anderem die digitale Verwaltung von Gesundheitsdaten gemeint ist. Herzstück ist das elektronische Patientendossier, eine Dokumentensammlung im Internet, welche der Patient selbst verwalten kann – natürlich passwortgesichert und verschlüsselt. Der Patient soll dabei bestimmen können, welche Ärzte oder Spitäler auf welche Daten zugreifen können. Die zentrale Ablage aller Gesundheitsdaten soll zum Beispiel verhindern, dass Untersuchungen doppelt durchgeführt werden oder dass ein Medikament verschrieben wird, das der Patient nicht verträgt. Zudem sollen die administrativen Kosten des Gesundheitssystems sinken.

Neue Form des Postgeheimnisses

Für IT-Unternehmen ist E-Health eine neue Einnahmequelle. So mischen auch die Post und die Swisscom in diesem Markt mit. Der gelbe Riese hat gestern an einer Pressekonferenz sein Portfolio vorgestellt. «Die Post transportiert seit jeher vertrauliche Daten», sagte Konzernchefin Susanne Ruoff, «wir unterstehen dem Postgeheimnis.» Nun übernehme die Post diese Verantwortung auch in der digitalen Welt. Seit bald zehn Jahren arbeitet man beim Unternehmen an elektronischen Lösungen für Gesundheitsdaten. Die Post hat eine digitale Plattform namens Vivates entwickelt, über welche die Leistungserbringer Daten wie Spitalzuweisungen, Rezepte, Pflegeanweisungen und Berichte austauschen können.

Die Post konnte bereits drei Kantone als Kunden gewinnen: Genf, die Waadt und das Tessin setzten die E-Health-Plattform jeweils in einzelnen Bereichen ein. Zudem gewann die Post mit dem System letztes Jahr eine öffentliche Ausschreibung der Kantonsspitäler Aarau und Baden. Und mit Ärzte- und Apothekervereinigungen wurden Koopera­tions­verträge unterzeichnet.

Wie viel die Post bereits in das Projekt investiert hat, wollte Claudia Pletscher, Leiterin Entwicklung und Innovation bei der Post, nicht sagen. Es sei aber klar, «dass in einer so frühen Phase die Entwicklungskosten noch nicht gedeckt sind.» Derzeit arbeiteten 35 Personen im ­E-Health-Team der Post, dazu komme die Unterstützung der IT-Abteilung der Post, welche «eine der grössten der Schweiz» sei, so Pletscher.

Noch fehlt die kritische Masse

Ein fast gleiches Angebot wie die Post hat die Swisscom entwickelt, auch sie (mehrheitlich) in Staatsbesitz. Auch der Telecomkonzern versucht, seine ­E-Health-Lösung samt elektronischem Patientendossier zu verkaufen. Und auch die Swisscom versucht, möglichst bald eine kritische Masse an Teilnehmern zu erreichen, um mit dem Produkt auf dem Markt anzukommen.

Die Post bezeichnet sich mit ihren 6000 aktiven Patientendossiers als Schweizer Marktführerin in Sachen ­E-Health. Frank Eisenlohr, Marketingmann bei der Swisscom Health AG, stellt diese Aussage in Frage. Die Swisscom habe bereits eine Nutzerzahl in fünf­stelliger Höhe. Dies dank verschiedener Smartphone-Apps der Swisscom aus den Bereichen Fitness und Gesundheit, welche ihre Daten in das elektronische Pa­tien­ten­dossier der Swisscom einspeisen. Ist es nicht eine Verschwendung von Ressourcen, wenn Swisscom und Post unabhängig voneinander praktisch identische Produkte entwickeln? «Das System wird durch den Wettbewerb effizienter», sagt Eisenlohr von der Swisscom. Auch die Post will von einer Zusammenarbeit nichts wissen: «Die Frage nach einer Partnerschaft stellt sich nicht», sagt Post-Sprecher Bernhard Bürki, «beide Unternehmen bewegen sich in einem freien Markt.» Der Bund sei als Mehrheitseigner der beiden Konzerne über deren Aktivitäten informiert. Und er könnte über seine strategischen Ziele für Post und Swisscom Einfluss nehmen. Sprich: Der Bundesrat scheint sich am Wettbewerb der Bundesunternehmen nicht zu stören.

Immerhin: Die E-Health-Systeme von Post und Swisscom sind fähig, miteinander zu kommunizieren. Die Schweizer Anbieter haben sich vorgängig auf eine einheitliche Systemarchitektur geeinigt, wie Eisenlohr von der Swisscom sagt.

Gratis-Apps als Köder

Derzeit berät das Parlament das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier. Sicher ist, dass auch dieses die Patienten nicht zur Teilnahme verpflichten wird. Die Anbieter müssen also bei Herrn und Frau Schweizer Überzeugungsarbeit leisten, damit sie eine digitale Krankenakte eröffnen. Die Swisscom versucht es mit ihren kostenlosen Fitness- und Gesundheits-Apps, die Post nun mit einer Gratis-App für Allergiker. (Der Bund)

(Erstellt: 03.06.2015, 06:54 Uhr)

Artikel zum Thema

Die Maschine ersetzt künftig den Chef

Die Swisscom übernimmt die Lausanner Netzwerkfirma Veltigroup. Sie will damit die vierte industrielle Revolution vorantreiben. Mehr...

«Ich weiss schon, wo ich die Swisscom hinsteuern will»

Interview Urs Schaeppi erläutert, wie die Swisscom neue Märkte erobern und gegen Giganten wie Google bestehen kann. Mehr...

Mobilfunknetz wird immer schneller

Die Swisscom plant für 2015 Neuerungen, die nur mit neuen Smartphones genutzt werden können. Mehr...

Sponsored Content

Heisse Karrierefrau sucht

Erfolgreiche Frauen suchen unverbindlichen, schnellen Spass.

Werbung

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Hoffnungsschimmer

KulturStattBern Idiotengeflügel und Urban Gardening

Die Welt in Bildern

Geben Vollgas: Beyoncé und Kendrick Lamar bei einem gemeinsamen Auftritt an den BET-Awards in Los Angeles (26. Juni 2016).
(Bild: Danny Moloshok) Mehr...