Wirtschaft

«Plötzlich musste ich jeden Penny zusammenklauben»

Von Nikolaus Piper. Aktualisiert am 09.01.2012 2 Kommentare

Doris Buffett, die Schwester des Milliardärs Warren Buffett, war mausarm und ist jetzt steinreich. Bis zu ihrem Tod will sie ihr ganzes Vermögen gespendet haben.

«Ich war immer aufgeschlossen für die Not anderer»: Doris Buffett will vor ihrem Tod 50 Millionen Dollar verschenken – ausschliesslich für wohltätige Zwecke.

«Ich war immer aufgeschlossen für die Not anderer»: Doris Buffett will vor ihrem Tod 50 Millionen Dollar verschenken – ausschliesslich für wohltätige Zwecke.
Bild: Reuters

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Doris Buffett

Philanthropin und Schwester

Doris Buffett, 83, lebte lange im Schatten ihres Bruders Warren Buffett, des zweitreichsten Mannes Amerikas. 1996 erbte sie von ihrer Mutter 110 Millionen Dollar – und wurde zu einer der profiliertesten Wohltäterinnen Amerikas. Ihr Ziel ist es, bis zum Tod ihr gesamtes Vermögen wegzugeben. Ihre Erfahrungen veröffentlichte sie im Buch «Giving It All Away». Buffett lebt zurückgezogen in Fredericksburg, Virginia. (TA)

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Sie haben beides ausprobiert, Armut und Reichtum. Was ist besser?
Man kann sich sehr elend in seinem vielen Geld fühlen. Wenn man aber das Richtige damit macht, dann ist das überaus beglückend. Ich hatte auch Pech im Leben, aber mein grosses Glück war, dass mein Bruder geboren wurde. Sein Geld versetzte mich in die Lage, die Dinge zu tun, die ich tue.

Laut Ihrer Biografie war Ihre Kindheit nicht besonders glücklich. Sie schreiben, Ihre Mutter habe Sie nicht geliebt.
Sie stand oft stundenlang vor mir und beschimpfte mich. Mit neun Jahren wollte ich einmal von zu Hause weglaufen und mich durch Betteln durchbringen.

Warum haben Sie es nicht gemacht?
Meine Mutter bot an, mir zu helfen und meinen Rucksack zu packen.

Von Ihrem Bruder weiss man, dass er die fehlende Mutterliebe dadurch kompensierte, dass er fanatisch hinter dem Geld her war. Bei Ihnen trat das genaue Gegenteil ein – Sie interessierten sich nicht für Geld.
Das hing mit unserem Vater zusammen. Er war Kongressabgeordneter. Mit ihm konnte Warren stundenlang über Geld und Börse reden. Das war so eine Art Kameraderie. Bei mir fehlte das. Ich habe nie über Geld nachgedacht – bis ich alles verloren habe.

Wann war das?
Beim Börsencrash 1987. Damals musste ich meine Pennys zusammenklauben, um im Supermarkt zahlen zu können.

Hatten Sie falsch investiert?
Ich würde es nicht investieren nennen, sondern zocken. Aber das wusste ich damals nicht. Ich hatte einen hübschen Packen von Berkshire-Hathaway-Aktien (Warren Buffetts Holding), konnte aber kein Einkommen daraus beziehen, da Berkshire ja keine Dividende zahlt.

Sie hätten Aktien verkaufen können.
Jedesmal, wenn ich das tat, ging der Aktienkurs danach hoch, und ich dachte: Das ist nicht besonders schlau. Dann riet mir ein Broker, Optionen zu kaufen. Ich hatte keine Ahnung, wie gefährlich das war. An einem Tag wurden aus 12 Millionen Vermögen 2 Millionen Schulden.

Was haben Sie gemacht, ehe Sie Ihr Leben der Philanthropie gewidmet haben?
Ich war viermal verheiratet.

Wie sind Sie an den Wohlstand gekommen, den Sie jetzt verteilen?
Das war 1996, als meine Mutter starb. Sie vermachte alles meiner Schwester und mir. Mein Bruder akzeptierte noch nie irgendeine Erbschaft.

Und jetzt?
Jetzt bin ich sehr, sehr glücklich. Ich kann die sein, die ich bin, und ich habe unglaublich viel Freude an dem, was ich mache. Manchmal denke ich: Es ist zu schön, um wahr zu sein.

Was ist mit Ihren drei Kindern?
Das Verhältnis zu ihnen ist nicht gut. Es tut mir furchtbar leid, dies sagen zu müssen. Sie haben unter den Scheidungen gelitten. Dafür habe ich vier wunderbare Enkel, das macht vieles wett.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Philanthropin zu werden?
Das ist eine lange Geschichte. Dass ich immer aufgeschlossen für die Not anderer war, hat wohl damit zu tun, dass ich in der Weltwirtschaftskrise aufwuchs. Mein Gott, wir lebten in der Dust Bowl.

Im Mittleren Westen während der Sandstürme der Dreissigerjahre.
Ich erinnere mich an die unglaubliche Hitze und den Sand, der alles bedeckte. Es gab damals noch keine Klimaanlagen. Leute kamen an die Haustür und baten um Essen. Aber was mich wirklich auf meinen Weg gebracht hat, war folgende Geschichte: Eine sehr gute Freundin infizierte sich bei der Geburt ihres dritten Kindes mit Kinderlähmung. Sie war an eine eiserne Lunge gefesselt, deshalb schickte ich ihr meinen Bruder ins Krankenhaus zum Kartenspielen. Später entdeckte ich, dass sie in Kansas in einem fensterlosen Raum ohne Klimaanlage lebte. Das war 1994.

Also noch vor Ihrer Erbschaft.
Ich bat Warren um Hilfe. Er antwortete mit einem Brief, in dem er auf der ersten Seite begründete, warum er nicht helfen könne. Auf der zweiten Seite stand dann, dass er seine Meinung geändert habe und ich von seiner Stiftung 50'000 Dollar im ersten und 100'000 Dollar im zweiten Jahr haben könne.

Wem geben Sie Geld?
Wir sehen unsere Ausgaben als Investitionen in einen Menschen. Wir schauen uns die Geschichte jedes einzelnen genau an. Haben sie Vorstrafen? Gibt es wirklich eine Chance, ihnen zu helfen? Sind sie ehrlich? Wir kümmern uns um praktische Dinge, besorgen den Leuten einen Anwalt oder einen Arzt.

Gibt es so etwas wie eine Erfolgskontrolle?
Oh ja. Wir haben 16'000 Frauen zu einer College-Ausbildung verholfen. Der Anteil der Frauen, die scheiterten, betrug 3,7 Prozent. Was wir am Ende tun, ist, Hoffnung zu verkaufen.

Warum kümmern Sie sich so sehr um die einzelnen Fälle?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir vergeben College-Ausbildungen an rund 600 Gefängnisinsassen. 14 Gefängnisse gehören derzeit zum Programm, darunter die Hochsicherheitsanlage Sing-Sing. Unsere Rückfallquote dort ist null. Zum Vergleich: Generell werden in den USA 60 Prozent aller freigelassenen Häftlinge rückfällig. Und Sing-Sing ist ganz sicher kein Countryclub. Die Leute kommen nicht da hin, bloss weil sie ein paar Strafzettel nicht bezahlt haben. Das zeigt: Unser System der persönlichen Betreuung funktioniert. Die Professoren kommen von überall her, die Leute arbeiten zusammen, das verändert die ganze Atmosphäre im Gefängnis. In Sing-Sing haben wir 500 Leute auf der Warteliste.

Zu Beginn kümmerten Sie sich um Frauen, die verprügelt wurden.
Wir brachten sie in sichere Wohnungen und verschafften ihnen eine Ausbildung. Aber wir machen auch ganz andere Sachen. In Fredericksburg (Virginia), wo ich lebe, zahle ich die Rechnung fürs öffentliche Schwimmbad, damit es für Arme zugänglich bleibt. Wir bekommen 14'000 Briefe im Jahr, in denen Menschen um Hilfe bitten. Eine Mutter etwa, die sich nichts sehnlicher wünscht als einen Grabstein für ihre drei Kinder, die bei einem Brand ums Leben kamen.

Wie viel haben Sie zur Verfügung?
Ursprünglich waren es 110 Millionen Dollar. Ungefähr die Hälfte haben wir bereits investiert. Es ist mein Geld. Mein Bruder hat lediglich 10 Millionen Dollar für ein Projekt in Maine gespendet.

Ist es schwer, die Schwester von Warren Buffett zu sein?
Nein. Es öffnet Türen. Der Name steht für Integrität. Ich würde niemals etwas tun, das dies gefährden könnte. Wir geben nicht an, wir leben nicht in Schlössern, wir sind Sprösslinge einer Farmersfamilie aus dem Mittleren Westen.

Ihr Bruder schreibt im Vorwort zu Ihrem Buch, Sie führten ein spartanisches Leben.
Ich lebe in meinem Haus, gebe keine grossen Partys, fahre keinen Cadillac.

Ist Ihr Bruder stolz auf Sie?
Ganz gewaltig.

Und kann er es zeigen?
Inzwischen ja. Er ist ein sehr warmherziger Mensch. Ich möchte, dass Sie das wissen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2012, 18:22 Uhr

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2 Kommentare

Peter Fuhrimann-Kanters

09.01.2012, 14:17 Uhr
Melden 35 Empfehlung 0

Doris and Warren Buffett are just great!
Eine der wenigen guten Nachrichten aus den Verunreinigten Staaten
Schweizer Milliardäre und weitere Mitglieder unserer Pseudo-Spassgesellschaft könnten sich hier eine Scheibe abschneiden.... Oder?
Antworten


Rolf Schumacher

09.01.2012, 14:33 Uhr
Melden 3 Empfehlung 0

Eine bizarre PHILanthropin, die ein schlechtes Verhältnis zu den eigenen Kindern hat. Eine absurde Philanthropin, welche sich viermal scheiden lässt? PS: Studium der Philantropie bietet der Friedrich Glausers Krimi "Der Chinese". Wer den Film nicht gesehen hat, der sollte ihn unbedingt anschauen. Die philantropen Armenväter, Regierungsräte, Schuldirektoren, Anwälte, Aerzte sind gut gezeichnet. Antworten



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