Nur die dünnen Chinesen gehen zu Weight Watchers

Von Simone Rau, San Francisco. Aktualisiert am 25.08.2010

Jeder vierte Chinese ist zu dick. Doch der Schlankmacher-Konzern stösst im Riesenreich bisher auf wenig Interesse.

Auch die Chinesen, vor wenigen Jahrzehnten noch ausgesprochen dünn, werden immer dicker. Und mit dem leiblichen Umfang wächst die Industrie, die helfen will, die unnötigen Kilos möglichst schnell wieder loszuwerden. Das Stichwort heisst Diät. Und Diät ruft Weight Watchers auf den Plan, das amerikanische Erfolgsunternehmen in Sachen Gewichtsreduktion.

Chinesen nehmen schneller zu

Vor kurzem hat der Konzern in Shanghai in Zusammenarbeit mit dem französischen Lebensmittelkonzern Danone vier Zweigstellen eröffnet. Weight Watchers folgt damit dem Trend: In den chinesischen Städten schiessen Fitness­studios aus dem Boden, Schlankheitsmittel boomen sowieso. Laut der Marktforschungsfirma Euromonitor sind die Verkaufszahlen der schlank machenden Pillen und Pülverchen in China 2008 um 10 Prozent gestiegen. Und auf traditionelle Medizin spezialisierte Spitäler werden überrannt von Patienten, die auf Akupunktur- und Schröpfbehandlungen zum Abnehmen setzen.

Doch so einfach lässt sich das amerikanische Erfolgsmodell nicht nach China exportieren. Denn richtig fett sind die diätversessensten Chinesen nicht. Zwar nehmen sie gemäss einer 2008 veröffentlichten Studie schneller zu als die Menschen aller anderen Nationen, mit Ausnahme der Mexikaner. Demnach ist bereits jeder vierte Chinese übergewichtig oder fettleibig. Die Kunden von Weight Watchers in Shanghai gehören jedoch nur selten dazu: Sie sind meist schlank. Nach Angaben des Konzerns verfügt mehr als die Hälfte der Kunden bei der Anmeldung über einen gesunden Body-Mass-Index.

«Schlank ist nicht genug»

Will heissen: Wer in China bei Weight Watchers Mitglied ist, will nicht dünn werden. Sondern dünner. Es sind denn auch vor allem junge Frauen, die an die wöchentlichen Treffen kommen. Die 29-jährige Sophia Sun etwa sagte der «Financial Times»: «Schlank ist nicht gut genug. Ich will nicht mager, sondern einfach ein bisschen dünner sein als vorher. Jede Raupe träumt davon, ein Schmetterling zu werden.»

Leibesfülle ist Statussymbol

Die tatsächlich übergewichtigen Chinesen zum Kalorienzählen zu bewegen, ist für Weight Watchers indes schwierig. Wer in China zu dick ist, will nicht zwingend abnehmen. Leibesfülle stellt vielerorts noch ein Statussymbol dar, zumal viele Menschen sich noch an die Zeit der Hungersnöte erinnern. In Restaurants wird jeweils für die ganze Runde bestellt und, um nicht als knauserig zu gelten, lieber zu viel als zu wenig – für Leute auf Diät ist das nicht ganz einfach. Und auch die von der Regierung verordnete Ein-kindpolitik trägt zum Gewicht bei: Während die Eltern arbeiten, kümmern sich die Grosseltern fürsorglichst um den Enkel. Sie fahren den Kleinen zur Schule, nehmen ihm den Rucksack ab – und füttern ihn. Das Resultat: Die Fettleibigkeit bei Kindern nimmt in China rapide zu.

Weight Watchers ist dennoch zuversichtlich, dass das Firmenkonzept bei den Chinesen ankommt. Die grösste Herausforderung, so Chef David Kirchhoff, sei der Aufbau einer Ernährungsdatenbank, welche die Vielfalt der chinesischen Küche berücksichtige. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2010, 14:26 Uhr

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