Wirtschaft

Migros spannt mit der deutschen Biokette Alnatura zusammen

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 04.08.2012 111 Kommentare

Ende August öffnet der erste Biosupermarkt mit 5000 Artikeln «zu bezahlbaren Preisen». Nach Zürich sollen Filialen an weiteren Standorten folgen. Der gesamte Biofachhandel wird dadurch unter Druck kommen.

Bald auch in der Schweiz: Ein Alnatura-Supermarkt in Viernheim bei Mannheim. Foto: Stefan Oelsner (Keystone)

Bald auch in der Schweiz: Ein Alnatura-Supermarkt in Viernheim bei Mannheim. Foto: Stefan Oelsner (Keystone)

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In den Nachbarländern der Schweiz boomen Biofachmärkte – Läden von der Grösse eines normalen Supermarkts mit mehreren Tausend Bioprodukten, die meist zu einer Kette gehören. In der Schweiz hingegen sind die Bioläden deutlich kleiner, nur wenige gehören zu Ketten. Der Grund: Coop und Migros haben früh auf Bio gesetzt und lassen der Konkurrenz nur Nischen übrig.

Zwei glauben trotzdem an das Potenzial reiner Biosupermärkte: Der eine ist Götz Rehn. Vor über 25 Jahren hat der 62-jährige Deutsche den ersten Biosupermarkt gegründet, heute gibt es in 39 Städten 70 Alnatura-Märkte, alle paar Monate eröffnet der geschäftstüchtige Anthroposoph einen neuen.

Der andere ist Jörg Blunschi, seit zwei Jahren Geschäftsleiter der Migros-Genossenschaft Zürich und als bekennender Biokäufer die treibende Kraft hinter dem Projekt Alnatura Schweiz. Auf der Suche nach Wachstumsmöglichkeiten war er rasch auf Bio gestossen, wo die Migros mit 435 Millionen Franken Umsatz deutlich hinter Konkurrent Coop mit 678 Millionen liegt. «Diesen Rückstand allein über den Supermarkt aufzuholen, ist unmöglich – es braucht reine Biomärkte.» Für Blunschi ist die Zusammenarbeit mit Rehn ein Glücksfall: «Bei unserem ersten Gespräch hat er von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler mehr zitiert, als ich selbst kannte.» Rehn kenne die Migros und die Schweiz.

Ausbildung bei Nestlé

Als junger Mann erlebte Rehn «sieben spannende Jahre» als Trainee des legendären Nestlé-Chefs Helmut Maucher und half mit, das spätere Kulttörtchen «Yes Torty» auf den Markt zu bringen. Der Deutsche hat also nicht nur die Waldorfschule besucht, nach dem Doktortitel in Betriebswirtschaft hat er auch die harte Schule von Nestlé durchlaufen.

Nun will Rehn in der Schweiz das Biogeschäft ankurbeln. «Im Handel hat Bio einen Anteil von 7 oder 8 Prozent. Das ist zwar fast doppelt so viel wie in Deutschland, aber es sollten 70 oder 80 sein.» Ziele könnten nie hoch genug gesetzt werden, so Rehn. Er sieht den Biosupermarkt als Weg, um den Markt für Bioprodukte generell auszuweiten – und das nicht zuletzt über den Preis. «Bio darf nicht unbezahlbar sein, wenn eine richtig breite Bewegung entstehen soll. Das entspricht auch der Kernidee Duttweilers, er fand ja die konventionellen Produkte viel zu teuer und gründete darum die Migros.» Rehn bewundert bei Duttweiler nicht nur die sozialen und kulturellen Ideen, sondern auch, wie er sich als Anwalt der Kunden verstand und Wirtschaft und Detailhandel in neuer Form konzipierte.

Kann der Schnäppchenjäger nun also zu Alnatura und bekommt dort die Bioprodukte der Migros für weniger Geld? Nein, winkt Migros-Mann Blunschi ab. Die 500 bis 600 Bioartikel der Migros kosten gleich viel wie in jeder Filiale. Aber bei den 800 Artikeln der Marke Alnatura und den 3400 anderen Markenartikeln gibt es jeweils etwas zum Einstiegspreis, ein Standardprodukt und etwas in der Premiumklasse. «Bei den meisten Produkten bewegen wir uns auf dem Niveau eines vergleichbaren Markenartikels», sagt Rehn.

Intensive Qualitätskontrolle

Bei Alnatura gibt es einen Arbeitskreis Qualität, in dem Ernährungswissenschaftler, Agrarwissenschafter und Experten für Baby- und Kindernahrung über die Qualität der Produkte befinden. «Da können sich oft jahrelange Entwicklungsbemühungen in Luft auflösen: Solange der Arbeitskreis Qualität nicht grünes Licht gibt, kommt der Artikel nicht ins Regal, selbst wenn ich persönlich mit ihm zufrieden bin», so Rehn.

Er schwört auf den ganzheitlichen Ansatz. «Man muss in allen Belangen nachhaltig sein, das ist ja auch bei der Migros ein zentrales Ziel. Insofern passen wir als Partner gut zusammen.» Im Laden in Höngg, der Ende August eröffnet wird, wurde deshalb zum Beispiel Holz aus der Region eingesetzt. Das Label «Aus der Region. Für die Region» wird es bei Alnatura nicht geben, es ist bei der Migros für konventionell hergestellte Produkte reserviert.

Regional oder lokal beschafft wird dennoch. Gemüse stammt zum Beispiel von Stephan Müller aus Steinmaur, viele Milchprodukte von der Sennerei Bachtel. Daneben bezieht Alnatura Ware beim Grosshändler Biopartner. «Wir liefern quer durchs Sortiment», sagt Geschäftsführer Andreas Jiménez.

Ein Teil der Produkte stamme aus der Schweiz, aber auch ausländische Marken wie Rapunzel oder Sonnentor beziehe Alnatura bei Biopartner. Die Frage, ob sich der von Alnatura vertretene Ansatz der günstigen Biopreise bei den Konditionen niedergeschlagen habe, will Jiménez nicht direkt beantworten. «Es wurde auf einem sehr professionellen Niveau verhandelt.»

Claudia Niggli, die Leiterin Verkauf und Marketing bei der Produzentengenossenschaft Biofarm, bezeichnet es jedenfalls als Schattenseite, dass der gesamte Biofachhandel durch den Markteintritt einer Alnatura einem stärkeren Preisdruck ausgesetzt ist. Dennoch findet sie es «grundsätzlich positiv», dass die deutsche Kette mit der Migros den gesamten Markt für Bioprodukte voranbringen will.

Zufriedenheit bei Bio Suisse

Auch Bio-Suisse-Sprecherin Sabine Lubow begrüsst Alnaturas Markteintritt: «Wir versprechen uns eine weiter steigende Nachfrage nach Schweizer Bioprodukten – nach Rohstoffen und verarbeiteten Produkten.» Alnatura will auch eigene Produkte mit dem Knospe-Gütesiegel bezeichnen können. Die entsprechenden Gespräche laufen. Zudem wird Alnatura-Migros auch Markenprodukte mit der Knospe verkaufen.

Es gibt auch skeptischere Stimmen in der Bioszene, die unter anderem darauf hinweisen, dass die deutschen Alnatura-Läden bei Frischprodukten wie Fleisch, Obst und Gemüse schwach seien. Dieser Bereich bringe aber in der Schweiz mit Abstand am meisten Umsatz. Laut Migros ist das aber auch der Bereich, in dem der Grossverteiler seinen Einfluss am meisten geltend gemacht hat. Man darf also gespannt sein, wie das Frischeangebot aussehen wird.

Alnatura-Migros ist eine strategische Initiative der Migros Zürich. Initiant Jörg Blunschi hat aber früh Migros-Chef Herbert Bolliger und Marketingchef Oskar Sager ins Boot gebracht. «Wir sehen gesamtschweizerisch ein Potenzial, bei Erfolg wird es auch ausserhalb der Migros Zürich Alnatura-Läden geben», ist Blunschi überzeugt. Mit den Chefs der regionalen Genossenschaften habe er schon Kontakt aufgenommen.

Aber auch in der Migros Zürich ist noch Überzeugungsarbeit nötig. Jede Alnatura-Migros hat das Potenzial, anderen Umsatz wegzunehmen. In Höngg liegt der Laden gleich neben einer grossen Migros-Filiale. In der Stadt Zürich sieht Blunschi dennoch Raum für fünf Läden, zudem für je einen am linken und am rechten Seeufer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2012, 07:12 Uhr

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111 Kommentare

Peter Weber

04.08.2012, 08:00 Uhr
Melden 188 Empfehlung 0

Migros + Biokett zusammen!
Wieder eine Nische in die sich Migros reinzeckt und damit vielen kleinen Läden die sich mit viel Arbeit/Mühe/Sorgfalt und Engagement einen Erwerb geschaffen haben. Die Grossverteiler haben nur ein Ziel, die ganze Versorgung ausschliesslich in ihre Finger zu bekommen und so diktieren sie dann Angebot/Preise und Qualität und KonsumentInnen sind ihnen ausgeliefert
Antworten


Eron Thiersen

04.08.2012, 07:23 Uhr
Melden 170 Empfehlung 0

Der Bund sollte endlich einschreiten und die Marktmacht von Grössen wie Coop + Migros brechen. Sie verdrängen nicht nur KMU in den Sektoren Backwaren, Bäckereien, Velomechaniker, Sportartikel, Fitnesscenter etc. sie schrumpfen auch die Anzahl Stellen und nivellieren die Lohnstruktur zu Lasten der Vielfalt, der Steuereinnahmen, der KMU. Arbeiten bald alle in irgend einer Weise unter dem Dach von M? Antworten



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