Liebe deine Firma wie dein Baby

Unternehmensgründer hegen für ihre Firmen dieselben Gefühle wie Väter für ihre Kinder, zeigt eine neue Studie. Das ist nützlich, kann aber auch gefährlich werden.

Nähe, Stolz und Freude: Das empfinden nicht nur Väter, sondern auch Firmengründer.

Nähe, Stolz und Freude: Das empfinden nicht nur Väter, sondern auch Firmengründer. Bild: Keystone

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Sie gilt als die selbstloseste, reinste Form der Liebe: Die der Eltern zu ihrem Kind. Sie lasse sich nicht erklären, sagen viele, die sie erleben. Denn sie sei unvergleichlich. So absolut scheint das allerdings nicht zu stimmen. Denn es gibt offenbar Menschen, die zu einer ganz ähnlichen Form der Liebe fähig sind, wenn auch unter völlig anderen Vorzeichen – Firmengründer.

Das zeigt eine vor kurzem publizierte Studie der Universität Helsinki. Es gebe viele Ähnlichkeiten zwischen Eltern und Managern, schreiben die Autorinnen und Autoren. Beide hätten oft unrealistische Erwartungen, idealisierten ihre Kinder oder eben Firmen und höben sie auf ein unerreichbares Podest. Frühere Studien hätten zudem gezeigt, dass sich die emotionale Verbindung eines Unternehmers mit seinem Projekt mit jener zwischen Eltern und ihren Kindern vergleichen lasse.

Liebe macht tatsächlich blind

Um diese Hypothese zu überprüfen, führten die Wissenschaftler ein neurologisches Experiment mit 42 Teilnehmern durch. Bei der einen Hälfte handelte es sich um männliche Firmengründer, deren Start-ups durchschnittlich seit 4,5 Jahren existierten. Die andere Hälfte waren Väter mit Kindern im Alter zwischen 1 und 10. Den Unternehmern zeigten die Wissenschaftler Logos und Bilder ihrer eigenen und anderer bekannter Firmen, den Vätern Fotografien ihrer eigenen und anderer bekannter Kinder. Dann zeichneten sie die Hirnströme der Männer auf. Ausserdem fragten sie ab, wie selbstbewusst die Probanden sind, wie nahe sie ihren Kindern und Firmen stehen, wie positiv sie diese einschätzen oder wie intensiv ihre Gefühle zu ihnen sind.

Das Resultat bestätigte die Vermutungen der Forscher: Unternehmerische Liebe ist der Elternliebe scheinbar verblüffend ähnlich. Die Probanden beurteilten ihre eigenen Kinder und Firmen nicht nur besser als andere, sie fühlen sich ihnen auch näher, drücken mehr Liebe für sie aus und empfinden mehr Stolz und Freude.

Manager, die sich ihren Firmen besonders verbunden fühlen, zeigten zudem ähnliche Hirnaktivitäten wie engagierte Väter. Beim Betrachten ihrer Firmen sanken die Aktivitäten in jenen Hirnregionen, die das kritische und objektive Beurteilen ermöglichen. Auch negative Emotionen wurden eher unterdrückt. Derselbe Effekt trat bei Vätern auf, die mit ihren Kindern konfrontiert wurden. Liebe macht blind: Das ist also nicht nur eine Redewendung, sondern wissenschaftlich bewiesen.

Gefährlich oder unabdingbar?

Die Folge davon: Je näher die Probanden ihrer Firma stehen, desto weniger sind sie in der Lage, diese objektiv zu beurteilen. Bei den Teilnehmern mit besonders grossem Selbstvertrauen war dieser Effekt sogar noch grösser. Das berge Gefahren, schreiben die Wissenschaftler. Denn es könne dazu führen, dass Unternehmer die Erfolgschancen ihres Start-ups überschätzen. Weniger selbstsichere Menschen dürften hingegen empfänglicher sein für die Gefahren und Risiken, die das Firmengründen oder Kinderbekommen mit sich bringt.

Die starken Gefühle, die Manager hegen, können allerdings auch zu ihrem Erfolg beitragen. Das schreiben Melissa Cardon und Colleen Kirk in einem vor zwei Jahren erschienenen Papier. Die beiden US-Forscherinnen untersuchten, welche Rolle die Leidenschaft bei der Firmengründung spielt. Sie fanden Hinweise, dass besonders begeisterte Unternehmer beharrlicher und ausdauernder sind, auch wenn sich ihnen Hindernisse in den Weg stellen. Um diese Erkenntnis zu untermauern, zitieren sie Sam Walton, den Gründer der weltweit grössten Supermarktkette Walmart. «Ich denke, ich habe jede einzelne meiner persönlichen Schwächen dank der schieren Leidenschaft für meine Arbeit überwunden», schreibt Walton in einem Buch. «Ich weiss nicht, ob man mit dieser Art von Leidenschaft geboren wird oder ob man sie sich aneignen kann. Aber ich weiss, dass man sie braucht.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.04.2017, 17:20 Uhr

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