Italiens lahme Flügel

Die Fluggesellschaft Alitalia war lange der Stolz der Nation und ein Symbol für den wirtschaftlichen Aufstieg. An ihrem Niedergang zeigt sich exemplarisch, woran das Land krankt.

Ein Sanierungsfall mit Ansage: Alitalia-Werbung am Flughafen Rom-Fiumicino.<br />Foto: Remo Casilli (Reuters)

Ein Sanierungsfall mit Ansage: Alitalia-Werbung am Flughafen Rom-Fiumicino.
Foto: Remo Casilli (Reuters)

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Vielleicht hätten die neuen Uniformen ein Alarmsignal sein sollen. Als Alitalia im vergangenen Sommer ihre Flug­begleiterinnen frisch einkleidete, gab es viel Hohn und Kritik. Diese grünen Strümpfe. Dieser grossmütterliche Schnitt. Diese Hütchen, die wie miss­ratene Törtchen aussehen. Die neue Uniform wirkte so angestrengt altmodisch, so überdreht retro, dass man den Eindruck gewann, die Fluggesellschaft glaube nicht mehr an ihre Zukunft, sie schwelge nur noch in ferner, sehr ferner Glorie.

Doch ausser diesem modischen Fehlgriff liess nichts erahnen, dass die Airline bereits wieder in Schwierigkeiten dräute. Nun, es ist noch viel schlimmer: Alitalia steht vor dem Aus. Sechs Monate Zeit gibt sich die italienische Regierung, um einen Käufer zu finden. Wählerisch ist man nicht. Nachdem unlängst die Belegschaft in einem Referendum einen recht milden Sanierungsplan abgelehnt hat, der dem Unternehmen ein Fortleben garantiert hätte, dreht jetzt nur noch alles um die Frage: Lässt sich Alitalia ganz oder nur in Teilen verkaufen? Es ist ein Jammer, einer mit Ansage.

Als Italiens Wirtschaft abhob

Der Niedergang von Alitalia dauert schon Jahrzehnte. Und da in dieser Zeit fast alles falsch gemacht wurde, was auch nur irgendwie falsch gemacht werden konnte, bezahlten die Italiener acht Milliarden Euro für jeweils letzte und ­allerletzte Rettungspläne – unfreiwillig, mit Steuergeld.

Ihren ersten Flug führte Alitalia vor genau siebzig Jahren durch, am 5. Mai 1947, von Turin über Rom nach Catania. Der Name der Gesellschaft ist eine hübsche Wortkreation: «Ali» ist das italienische Wort für Flügel. Alitalia versprach also, das Land zu tragen. Die Nachkriegsdekaden waren eine gute Zeit. Es war Boom, «Miracolo economico». Italien hob ab, schaffte den Sprung in die industrialisierte Welt. Und war plötzlich sexy. Mit ihrem Sinn für Stil und Schönheit, mit dieser scheinbaren Leichtigkeit des Seins eroberten die Italiener die Welt. Alitalia flog bald überall hin, als Herold des neues Italiens und als Ikone der Modernität, die Nationalfarben am Heckflügel. Und wenn dann und wann auch noch Sofia Loren oder Gina Lollobrigida über die Treppen schwebten, ­herangezoomt von den Paparazzi, oder die Päpste im weissen Gewand, da war das Bild perfekt. Schöne Werbung, ohne Anstrengung.

Bis heute sagen die Italiener ihrer Fluggesellschaft «Compagnia di bandiera», als wäre sie noch staatlich. Mit Stolz, trotz allem. Dabei steht die Geschichte Alitalias geradezu karikaturhaft für die barocke, oftmals folgenschwere Vernetzung von Macht und Wirtschaft im Land. Sie spiegelt auch Italiens Mühe, sich zu reformieren und alte Selbstlügen einzugestehen.

Spielball der Politik

Alitalia war immer ein Spielball der Politik. Die nationale Eigenständigkeit der Airline war vielen Regierenden dermassen wichtig für den Machterhalt, dass sie darob auch den Absturz in Kauf nahmen. 2008 schlug Silvio Berlusconi, der damals Premierminister war, ein Angebot von Air France aus, die sich sinnvollerweise mit Alitalia alliieren wollte, und verkaufte stattdessen die Mehrheit der Gesellschaft an zwei italienische Grossbanken. Die Banken brachten frisches Geld mit, aber keine Fachexpertise. Für die Sanierung hatte man sich einen unfreiwillig komischen Namen ausgedacht: «Piano Fenice», Plan Phönix – benannt nach dem Vogel aus der griechischen Mythologie, der am Ende verbrennt.

Die Politiker missbrauchten das Unternehmen auch, um Freunde darin zu platzieren. Es gab Zeiten, da sassen 200 Personen im Management. Nicht selten brachten es Herrschaften ganz nach oben, die vom Geschäft gar nichts verstanden. Das Karussell an der Spitze drehte sich so schnell, dass das Versagen der Einzelnen nicht einmal auffiel. Als besonders ruinös erwies sich die Idee, in Italien neben Rom-Fiumicino eine zweite interkontinentale Drehscheibe aufzubauen: in Mailand Malpensa, im lombardischen Nirgendwo. 1998 war das.

Experten hielten den Plan für einen Irrsinn, doch das schien niemanden zu kümmern. Für einen Irrsinn hielten die Idee auch jene Mitarbeiter in Rom, denen man sagte, sie müssten ins graue, neblige Mailand umziehen, wo sie nun stationiert seien. Nur wenige zogen um. Die anderen liessen sich fortan jeden Morgen mit Linienflügen von Rom nach Malpensa zur Arbeit bringen. Sie füllten die Morgenmaschinen und, nach Feierabend, die Abendmaschinen.

Verschwendung war ein eisernes Prinzip. Crewmitglieder liessen sich etwa mit Limousinen zu Hause abholen.

Die italienischen Gewerkschaften stemmten sich gegen jede Veränderung. Sie nutzten Alitalia als ihre Zweitbühne, neben jener bei Fiat. Nirgendwo sonst liess sich der Klassenkampf besser und medial wirksamer aufführen als bei diesen beiden Firmen. Es gab Jahre, da zählte man bei Alitalia mehrere Hundert Streikstunden. Meistens kreiste der Kampf um Privilegien, die sich andere, besser verdienende Airlines im Ausland nicht gönnten, die aber den Mitarbeitern von Alitalia als sakrosankt galten. Zum Beispiel liessen sich die Crewmitglieder jeweils von schwarzen Limousinen zu Hause abholen, wenn sie zum Dienst mussten, und bezahlten dafür im Monat nur zwanzig Euro. Den Rest bezahlten die Italiener.

Verschwendung war ein eisernes Prinzip. Am römischen Flughafen Leonardo da Vinci in Fiumicino standen jahrelang sechs Flugzeuge vor einem Hangar unter freiem Himmel, gut sichtbar auch von der Autobahn. Sie waren da geparkt. Man hatte die Maschinen weiss lackiert und die Logos abgedeckt, auch die Trikolore am Heck. Die Flotte sollte mal wieder verkleinert werden, um die Verluste zu senken. Aus der Ferne sahen die weissen Flugzeuge ganz schön aus, sie waren ja auch noch nicht alt. Man suchte also einen Käufer, und es gab auch Interessenten. Doch als sich die vorstellten, fand Alitalia die nötigen Dokumente für den Verkauf nicht. Die waren einfach verschwunden. So blieben die sechs Maschinen zehn Jahre lang da stehen. Der Lack blätterte ab, Rost setzte an, die Fenster des Cockpits waren bald zerschlagen. Händler verschafften sich nächtens Zutritt zum Gelände und schlachteten die Flugzeuge nach Ersatzteilen aus. Wie Geier. Und natürlich war auch das ein passendes Sinnbild für das Drama um diese Fluggesellschaft.

Verstaatlichung als Versuchung

So ging das jahrzehntelang. Bis es nicht mehr ging. Auch Partner Etihad aus den Arabischen Emiraten, der vor drei Jahren 49 Prozent des Unternehmens kaufte, schaffte es nicht, die Renitenz gegen jeden Wandel zu brechen und den Niedergang zu stoppen. Die Billigflieger zerfressen längst auch den Anteil Alitalias am italienischen Heimmarkt, obschon der ja mit seinen vielen Urlaubsdestinationen eine Goldgrube sein könnte. Man überliess den Rivalen die kleinen Flughäfen in der Provinz, die man selber vernachlässigte, und ­Ryanair und Easyjet machten daraus kleine Hubs. Unterschätzt hat Alitalia auch die Konkurrenz der Schnellzüge von Trenitalia und Italo. Zwischen Rom und Mailand, der alten Paradestrecke von Alitalia, fliegt fast niemand mehr. Mit dem Zug ist man schneller, reist bequemer und billiger, von Zentrum zu Zentrum.

Alitalia verliert heute zwei Millionen Euro am Tag. Je mehr die Airline fliegt, desto mehr verliert sie. Die Regierung hat nun gleich drei Zwangsverwalter eingesetzt, damit die möglichst bald einen Käufer finden. Für die Zeit der Suche sprach die Regierung einen Brückenkredit von 600 Millionen Euro. Das sei der letzte Hilfsakt, heisst es. Damit der Treibstoff nicht ausgeht, damit die Flieger nicht am Boden bleiben. Verstaatlicht soll Alitalia nicht werden. Sagen alle. Obschon die Versuchung natürlich gross ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 23:09 Uhr

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