Ist Google eine Art Monster?

Die Suchmaschine aus Kalifornien beginnt die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts weltweit zu formen. Nicht alle Menschen sind darüber glücklich.

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Junge Burschen: Im Jahr 2000 wurde die Welt langsam auf Google aufmerksam. Das Unternehmen verlor damals aber noch immer Geld.
Bild: Keystone

   

Artikel zum Thema

Buchtipps

Jeff Jarvis, «Was würde Google tun?: Wie man von den Erfolgsstrategien des Internet-Giganten profitiert?, Heyne, 2009.

Andrew Keen, «Die Stunde der Stümper. Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören», Hanser Wirtschaft, 2008.

Google ist nicht nur das coolste Unternehmen der Welt, es ist mittlerweile auch die wertvollste Marke auf dem Globus. Auf 100 Milliarden Dollar wird sie geschätzt, das ist mehr als der Wert von Namen wie Microsoft, Coca Cola oder IBM. Doch Google ist längst mehr als ein sehr erfolgreiches Unternehmen. Der von den beiden Stanford-Studenten Larry Page und Sergey Brin gegründete Konzern wird immer mehr zu einem Denkschema, zu einem Muster, wie Menschen die Gesellschaft wahrnehmen. Diese Entwicklung weckt unterschiedliche Reaktionen.

Für die einen wird Google zu einem sanften Monster, dass die Menschen gutmütig in eine glorreiche und selbständige Zukunft schubst. Für andere ist es ein gefrässiger Moloch, der unsere Wirtschaft zerstört und ganze Berufsstände ins Elend stürzt:

These 1: Google, das sanfte Monster

Medienprofessor, Internetspezialist und Blogger Jeff Jarvis hat kürzlich ein Buch veröffentlicht mit den Titel «What Would Google Do?» (Was würde Google tun). Er vertritt darin eine radikale These. Sie lautet: «Wenn Google dich nicht finden kann, dann existierst du nicht.» Google ist in der Tat nicht mehr bloss ein Instrument, dass unseren Alltag vereinfacht. In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft entwickelt Google ein Eigenleben und wird so zu einem Teil von uns, ohne den wir bald nicht mehr existieren können. Es tut dies, indem es in immer mehr Bereichen für totale Transparenz sorgt. «Google versucht permanent, unsere Wünsche zu antizipieren und zu interpretieren, damit es voraussagen kann, was wir tun werden», stellt Jarvis fest. «Es tut dies, in dem es jeden kleinsten Schritt überwacht.»

Was das Prinzip Google (das Prinzip, nicht das Unternehmen) bedeutet, lässt sich am einfachsten erklären mit dem, was Sie gerade tun: Diesen Text lesen. Allein die Tatsache, dass Sie ihn angeklickt haben, ist registriert worden, und ich werde in ein paar Stunden wissen, ob dieser Text auf ihr Interesse gestossen ist oder nicht. Sie können ihn auch weiterempfehlen oder kommentieren.

Niemand ist gern am Ende

Das ist mehr als eine technische Spielerei. Das konstante Feedback zeigt Wirkung, auch wenn ich das als alter Profi natürlich nie zugeben würde. Aber selbstverständlich beobachte auch ich, was gewünscht wird und was nicht und beginne, mich bewusst oder unbewusst danach zu richten. Regelmässig am Schwanz der Liste zu erscheinen, wäre schlecht für mein Selbstbewusstsein.

Vielleicht auch schlecht für meine berufliche Zukunft, obwohl ich keine Ahnung habe, wie genau meine Vorgesetzten diese Listen erstellen, und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Theoretisch könnten sie diese Listen jedoch mit einem Bonussystem verbinden. Das würde die Wirkung nochmals gewaltig verstärken (Okay, bei den Banken hat es nicht geklappt, aber das ist eine andere Geschichte.)

Mein eigener Verleger sein

Sollte ich hingegen permanent auf den vordersten Rängen landen, könnte ich mich umgekehrt entschliessen, mein eigener Verleger zu werden. Wenn ich auf einem eigenen Blog genügend Leser finde, werde ich auch für Google interessant. Auf meinem Blog erscheint dann Werbung, an der ich mitverdiene. Ich erhalte, was Jarvis «Google-Saft» nennt, eine Art Wundertrank, ähnlich wie bei Asterix und Obelix. Dieser Saft würde aus mir über Nacht einen selbstständigen Verleger im Internet werden lassen.

Jarvis ist überzeugt, dass dieses Prinzip bald die gesamte Gesellschaft erfassen wird. Restaurants, Banken, Autohersteller, Elektrizitätswerke, Versicherungen, Universitäten: Alle werden mit ihren Kunden in einen permanenten Dialog treten und sich veränderten Wünschen blitzartig anpassen müssen. Der «Google-Saft» kettet Kunden und Anbieter auf eine bisher nie gekannte Weise aneinander. Die totale Transparenz führt zu einer bisher nie gekannten Macht des Konsumenten – und des Bürgers. Denn selbstverständlich müssen sich auch die Politiker diesem Prinzip unterordnen. Ein alter Menschheitstraum wird verwirklicht. Die perfekte Demokratie, in der über alles und sofort abgestimmt werden kann.

Träumt weiter, entgegnen darauf die Google-Kritiker. Das Resultat ist nicht eine perfekte Demokratie, sondern eine Diktatur des Mobs, und in der Wirtschaft führt das Google-Prinzip nicht ins Paradies des Alleskönners, sondern zum Tod des Facharbeiters.

These 2: Google, der gefrässige Moloch

Der bekannteste dieser Kritiker heisst Andrew Keen, selbst ein erfolgreicher Internetunternehmer. Sein Buch heisst «The Cult of the Amateur» (Der Kult des Amateurs) und darin vertritt Keen die These: Das Googel-Pinzip und seine Abkömmlinge wie Myspace, Youtube, etc. zerstören unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unsere Werte.

Die von Jarvis gepriesene Transparenz ist für Keen selbstgefällige Banalität. «Suchmaschinen wie Google, die dank einem Algorithmus die Resultate aufgrund vorangegangener Suchaufträge auflisten, beantworten nicht, was wahr ist, sondern was populär ist. (…) Google ist eine elektronischer Spiegel von uns selbst.»

Bloss Bekanntes wiederholt

Aus diesem Grund wird mit der Transparenz nichts Neues und Kreatives geschaffen, sondern bloss Bekanntes wiederholt. Keen zieht daraus einen pessimistischen Schluss: «Die Web- 2.0-Revolution verspricht, mehr Wahrheit zu mehr Menschen zu bringen – mehr vertiefte Information, eine globalere Perspektive, mehr Unvoreingenommenheit bei den Meinungen. All das ist Vernebelung der Tatsachen. Was die Web-2.0-Revolution wirklich zustande bringt, sind oberflächliche Beobachtungen anstatt Analysen und schrille Meinungen anstatt ausgewogene Beurteilungen. Die Informationsindustrie wird durch das Internet ein Geschrei von Millionen von Bloggern, die alle nur über sich selbst sprechen.»

Ein Paradigmenwechsel

Im Google-Zeitalter geschieht ein wichtiger Paradigmenwechsel: Der professionelle Berufsmann verschwindet, der narzisstische Amateur wird allmächtig. Das zeigt sich überall: In der Kunst, in den Medien, ja selbst bei Ärzten. Bleiben wir beim Journalismus: Wo Jarvis eine glänzende Zukunft für den Blogger verspricht, sieht Keen den Untergang des Profis mit seinem Fachwissen: Copyrights können nicht mehr durchgesetzt werden, die Werbeeinnahmen brechen weg.

Das Resultat ist ein bisher nicht gekanntes Sterben der Qualitätszeitungen. Selbst die «New York Times», die beste Zeitung der Welt, ist mittlerweile vom Untergang bedroht. Und auch die Vision von mit «Google-Saft» aufgewerteten Bloggern ist eine Illusion. Die meisten sind weit davon entfernt, selbstständig überleben zu können, und die wenigen, die es tun, sind die lautesten Schreihälse und Demagogen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.05.2009, 14:24 Uhr

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9 Kommentare

Robert Mädler

10.05.2009, 10:41 Uhr
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Google, Wikipedia und auch die privaten Aufzeichnungen auf meiner Harddisk haben mir geholfen, mein Gedächtnis nach einer Totalamnesie vor drei Jahren wieder aufzubauen. Ich wage nicht daran zu denken, wie mein Leben heute ohne diese Hilfen aussegen würde! Antworten


Ronnie König

07.05.2009, 11:33 Uhr
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Na und? Habe 3 Bücherregale voll und 2 Zeitungen plus 4 Magazine und 3 Vereinsorgane. Benutzer zweier Bibliotheken. Kann sogar das Wort schreiben! Dummheit kommt nicht von Google, aber kommt dort zum Ausdruck. Herr Inhauser trifft es gut mit dem Kommentar. Antworten


Werner Meier

07.05.2009, 11:18 Uhr
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Interessantes Thema, interessante Gedanken. Auch ich bedaure den aktuellen Trend - doch die Welt hat sich schon immer verändert. Vielleicht werden wir uns ob der vielen Schreibfehler, unbekannten Abkürzungen, Insider/Outsider gesellschaftlich so aufsplitten, dass eine Gegenreaktion nötig wird. Antworten


Paul Thürig

07.05.2009, 11:10 Uhr
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Google ist auf dem"besten" Weg sich zu einem Monster zu entwickeln.Die Gefahr zeigt sich bereits an der immer "durchsichtigeren"(gläsernen)Gesellschaft die durch Google gefördert wird! In wenigen Jahren gibt es unter anderem keine Privatsphäre mehr, und man wird von diesem Monster immer gefügiger getrimt werden! Antworten


Yves Mundorff

07.05.2009, 11:00 Uhr
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Interessant ist doch, was Google mit diesen Informationen macht, die täglich von Millionen von Benutzern eingegeben wird. Wir sind längst nicht so anonym im Netz unterwegs, wie wir glauben. Google kann etwa zu 80% jeden wiederkehrenden Benutzer identifizieren. Nachzulesen auf den Googleseiten Und gebt euch keinerlei Illusionen hin: Google ist eher ein "Evil" Empire als eine altruistische Community Antworten


Dominik Jenzer

07.05.2009, 10:57 Uhr
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Genau, Copyrights gehen flöten, Qualität stirbt. Wenn ich als normaler Leser und gramatikalisch eher unterqualifiziert bin und in Artikeln dennoch hauffenweise Fehler finde - nicht nur Schreibfehler, sonder ganze Sätze die Entstellt sind - dann stimmt mich das sehr nachdenklich. Der Journalismus wird aus Kostengründen immer ammateurhafter. Aber nicht nur diese Branche, ich beobachte das überall. Antworten


Phillipp Studer

07.05.2009, 10:37 Uhr
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Es stimmt dass Qualität verlohren geht oder schon ist, aber nicht nur in der Presse, es ist eine weltweite traurige und schluss und entlich auch eine zerstörerische und teure entwicklungt Ich nenne es den Billig-ismus. Nichts darf kosten, aber am besten gratis, ohne rücksicht auf qualität. Von Zeitung über Handys, bis zu Möbel. Was Googel damit zu tun haben soll verstehe ich nicht. Antworten


Sebastian Inhauser

07.05.2009, 10:24 Uhr
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Wie immer im Leben, gibt es nicht einfach nur These 1 und These 2, sondern vielmehr Thesen zum Bsp. die These 3: Google ist von beidem etwas, die Frage ist doch ganz einfach: Was machen wir Menschen daraus?! Nun Schön und gut Herr Löpfe, mir fehlt beim Ihrem Artikel das Salz in der Suppe, nämlich Ihre Meinung, Ihre Vision! Was wird aus den Zeitungen dieser Welt? Ich brauche gute Bezahlzeitungen!!! Antworten


Holzweg Heinz

07.05.2009, 10:12 Uhr
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Ich sehe keinen Nutzen in Google, da ich noch immer alles was ich wissen muss in meinem Brockhaus finde Antworten



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