Wirtschaft

Ghadhafis glückloses Händchen

Von Oliver Meiler, Marseille. Aktualisiert am 06.06.2011 20 Kommentare

Libyens Staatsfonds verlor Milliarden in Geschäften mit westlichen Grossbanken. Die Pariser Société Générale spielte ein kurioses Spiel mit Ghadhafi.

Verzockte das Geld des libyschen Volkes: Muammar al-Ghadhafi.

Verzockte das Geld des libyschen Volkes: Muammar al-Ghadhafi.
Bild: Keystone

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Im Pariser Geschäftsviertel La Défense, am Sitz der Société Générale, gibt man sich in diesen Tagen der grossen Schlagzeilen wieder einmal recht zugeknöpft. Die Grossbank hat in den letzten Jahren ja viel und spektakulär von sich reden gemacht, da hätte man gerne auf die Publizität im Fall des libyschen Staatsfonds Libyan Investment Authority (LIA) verzichtet.

Die «Financial Times» berichtet, dass sich die von Ölprofiten stattlich gefüllte Anlagekasse von Muammar al-Ghadhafi 2008 massiv bei der Société Générale engagiert hatte, nämlich mit über 1 Milliarde Euro in Derivatgeschäften, und dass sie in der Zwischenzeit drei Viertel dieses Einsatzes verloren hat. Verzockt von den Franzosen. Ghadhafis Anlagemanager hatten zuletzt generell kein glückliches Händchen: Auch eine hoch spekulative Milliardeninvestition bei der US-Bank Goldman Sachs erwies sich als Flop: In der Finanzkrise verlor die Anlage 98 Prozent ihres Wertes, wie die Nichtregierungsorganisation Global Witness bei ihren Recherchen herausgefunden hat. Die LIA, mit einem verwalteten Gesamtvermögen von rund 55 Milliarden Dollar ein äusserst attraktiver Kunde in der Bankenwelt, soll mit einer langen Reihe von berühmten Finanzinstituten Geschäfte gemacht haben, offenbar auch mit der BNP Paribas, der J. P. Morgan und der Credit Suisse. Für Global Witness bestätigt das eine alte Erkenntnis: «Es ist eindrücklich», schreibt die Organisation in ihrem Rapport, «wie viele grosse Banken keine Skrupel hatten, mit dem libyschen Regime Geschäfte zu machen – obschon allen bewusst ist, wie gross das Risiko ist, dass das Geld in diesen staatlichen Fonds für persönliche Zwecke veruntreut wird.»

Als Kerviel aufflog

Besonders brisant muten die Transaktionen an, die Ghadhafis Leute im März 2008 mit der Société Générale tätigten. Damals steckte die Grossbank in den grössten Schwierigkeiten ihrer Geschichte – sie bangte gar um ihr Überleben. Einen Monat davor war bekannt geworden, dass ein junger Aktienhändler, der nunmehr weltbekannte Jérôme Kerviel, mit gigantischen Summen spekuliert und dabei rund 5 Milliarden Euro verspielt hatte. Bald war die Rede vom «Jahrhundertbetrug».

Der Aktienkurs der «Générale» brach um 50 Prozent ein. Das Management suchte dringend nach neuen Stützen und Garantien, um sich zu retten. Die Libyer liessen sich überzeugen, über 1 Milliarde zu investieren. Man sagte ihnen, die Bank gelte als Übernahmekandidat, es lohne sich also, denn der Kurs werde sich schnell erholen. Oder riet man LIA etwa dazu, gegen die Bank zu wetten? Noch scheinen viele Punkte des damaligen Deals mysteriös. Es war auch die Zeit, da Ghadhafi ein pompös empfangener Gast im Elysée war, bei Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der ihn in unmittelbarer Nähe des Palastes zelten liess. Die Libyer jedenfalls kauften hoch spekulative Produkte aus drei Fonds der Société Générale und verschafften so der Bank nötiges Kapital. Doch die verheissene Erholung blieb aus.

Société Générale schweigt

Mehr noch: Die globale Finanzkrise vernichtete noch mehr Wert – für beide Seiten. Zu Kommentaren war die Bank bisher nicht bereit, nur so viel drang aus dem Hauptquartier: «Société Générale arbeitet mit vielen Staatsfonds und respektiert dabei alle Regeln und Regulierungen.» Über einzelne Kunden und Transaktionen wolle man aber nicht reden.

Das verbindet sie mit vielen anderen Banken. Die Verschwiegenheit scheint besonders undurchdringbar, wenn es sich um prominente, politisch arg belastete Kunden handelt – wie etwa um den Mann hinter der Libyan Investment Authority. Doch Ghadhafis Pech beim Zocken gibt seinen Gegnern nicht einmal Grund zur Schadenfreude: Verzockt wurde das Geld des libyschen Volkes. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2011, 20:48 Uhr

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20 Kommentare

Nadine Binsberger

06.06.2011, 09:00 Uhr
Melden 39 Empfehlung

Das grosse Geld gehört immer dem Volk. Denn einzelne Menschen können nicht grosses Geld machen, auch wenn es "hohe Tiere" oder "reiche Leute" sind. Grosses Geld setzt sich immer zusammen aus dem Fleiss der kleinen Leute. Antworten


andreas thommen

06.06.2011, 08:35 Uhr
Melden 34 Empfehlung

Eine Milliarde Volksvermögen vernichtet ? Ist ja lächerlich! Die Schweizerische Nationalbank hat in den letzten 12 Monaten über 40 Milliarden an Volksvermögen verspekuliert - aber das interessiert hier ja niemanden.... Antworten



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