Wirtschaft

Gebrochene Herzen an der Wallstreet

Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 03.09.2010

Die Finanzindustrie kehrt Barack Obama den Rücken. Banker fühlen sich als Opfer und stellen deshalb den Republikanern massenhaft Checks aus.

Barack Obama: Bei seiner Wahl wurde er durch Spenden der Banken unterstützt. Nun stehen die Republikaner in der Gunst der Finanzinstitute.

Barack Obama: Bei seiner Wahl wurde er durch Spenden der Banken unterstützt. Nun stehen die Republikaner in der Gunst der Finanzinstitute.
Bild: Keystone

Katerstimmung: Wallstreet-Banker nach einer Party. (Bild: Keystone )

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Die Finanzindustrie war eine der treibenden Kräfte hinter dem Senatoren Barack Obama. 2008 unterstützten die Banken seine Wahl mit fast 40 Millionen Dollar – mehr als ein Präsidentschaftskandidat je von ihnen erhalten hatte. Der Wind hat jedoch abrupt gedreht. Wallstreet lässt republikanischen Kandidaten für die November-Wahlen 68 Prozent ihrer Spenden zukommen; vor zwei Jahren hatten die Demokraten noch 70 Prozent der Zuwendungen erhalten.

Harsche Kommentare

Der Liebesentzug ist nicht nur an den Spenden abzulesen, sondern auch an mehreren harschen Kommentaren von Geldmanagern. Geradezu unflätig führte sich einer der reichsten Männer der Branche, Stephen Schwarzman, auf. Der Chef der Private-Equity-Gruppe Blackstone sprach an einer Wohltätigkeitsveranstaltung von einem drohenden «Krieg». Die Absicht der Regierung, die Einnahmen der Private-Equity-Branche künftig zum üblichen Einkommenssatz von 35 Prozent (statt wie bis anhin nur 15 Prozent) zu besteuern, «ist vergleichbar mit der Invasion Hitlers in Polen 1939». Schwarzman war sich offenbar nicht bewusst, dass seine Flegelei bekannt würde; kurz nach der Publikation durch «Newsweek» musste er sich dafür entschuldigen.

Schwarzman ist nicht allein. Daniel Loeb, Mitbegründer eines 5,5 Milliarden schweren Hedgefonds und eingeschriebener Demokrat, warf Obama vor, das Land in den sozialistischen Abgrund zu steuern. «Solange unsere Führer uns zurück ins Wachstum reregulieren und umverteilen wollen, so lange finden wir nicht aus diesem wirtschaftlichen Sumpf heraus.» Viele Entscheide, unter anderem die Ermittlungen gegen Goldman Sachs, «sind darauf angelegt, die Bevölkerung zu entzweien sowie Kapital und Macht aus den Händen der einen in die Hände von anderen zu verschieben». Der Brief spiegelt das verbreitete Unbehagen der Finanzelite mit einem Präsidenten.

Umverteilung auch bei UBS

Sogar die Parteifarbe gewechselt hat Steven Cohen, der wohl berühmteste der Hedgefonds-Manager und einer der reichsten Amerikaner. Cohen hiess nach einem Bericht des Fachmagazins «Absolute Return» vor kurzem eine illustre Runde von Fondsmanagern bei sich zu Hause willkommen, darunter auch Paul Singer, einen der grössten Geldgeber der Republikanischen Partei. Die Einladung war strategischer Natur: Die Financiers wälzten Pläne, um im November republikanische Kandidaten durchzubringen. Cohen machte bereits den Anfang: 2008 noch hatte er 71 Prozent seiner Spenden Demokraten zukommen lassen. In diesem Jahr hat er 93 Prozent der Mittel den Republikanern zugedacht.

Auch die eher den Demokraten zugeneigten Grossbanken springen ab. So fliessen dieses Jahr 54 Prozent der Spenden aus dem Haus Goldman Sachs an die Republikaner, 2008 noch waren 74 Prozent für die Demokraten reserviert. Bei der Bank of America sieht es ähnlich aus: 61 Prozent diesmal für die Republikaner, verglichen mit 56 Prozent für die Demokraten vor zwei Jahren. Gleich das Bild bei Morgan Stanley, J. P. Morgan und Citigroup, obwohl sie ihr Überleben den massiven finanziellen Stützen der Regierung verdanken können. Bei der UBS (UBSN 12.73 -2.75%) gehen nun 64 Prozent der Spenden an Republikaner, nachdem 2008 die Demokraten 54 Prozent erhalten hatten. Nur bei Credit Suisse (CSGN 23.64 -2.92%) ist das Verhältnis ausgeglichen geblieben.

Banker fühlen sich als Sündenböcke

Die Gründe für dieses Umdenken sind vielschichtig. Nach den unberechenbaren Bush-Jahren sah die Finanzindustrie in Obama einen intellektuellen, vernünftigen Präsidenten, der zwar zu einigen Reformen der Branche gezwungen sein, aber nicht überborden würde. Die Reregulierung der Branche fiel denn auch sehr gemässigt aus und brachte bei weitem nicht die tiefen Einschnitte, die angesichts der Schwere der Krise möglich gewesen wären.

Nicht erwartet wurde aber die Rolle des Sündenbocks, in die sich die Banker durch Obama gedrängt sehen. «Die wahllosen Attacken durch die politischen Führer gegen alles, was sich in der Finanzwelt bewegt», so sagt Fondsmanager Paul Singer, seien geeignet, die Rolle der USA als führenden Finanzplatz zu ruinieren. Selbst Intel-Chef Paul Otellini spricht von einem finanz- und wirtschaftsschädlichen Kurs. «Das nächste grosse Ding wird nicht mehr hier erfunden, und auch Stellen werden hier keine mehr geschaffen.»

«Unerträgliche Kleinlichkeit« Das Herumnörgeln erinnert auch an verwöhnte Kinder, die nicht bekommen, was sie wünschen. Die Banker hätten Obama gewählt, meint Nobelpreisgewinner Paul Krugman, weil sie seinen Stil liebten und meinten, zu seinem inneren Kreis zu gehören. Wenn der Präsident nur leise daran erinnere, dass sie die Krise verursachten, beleidige er damit ihr Ego, so Krugman in einem Kommentar unter dem Titel «Die unerträgliche Kleinlichkeit der Reichen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2010, 13:41 Uhr

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