Führen mit Hitzfeld
Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 03.05.2011 1 Kommentar
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Rund 700 Gäste hatten sich gestern am frühen Abend im neuen Kultur- und Kongresszentrum Thun eingefunden, als Thomas Frutiger zum Firmenapéro der Frutiger AG begrüsste und stolz verkündete, das Familienunternehmen beschäftige inzwischen 2200 Mitarbeiter und erziele einen Umsatz von 680 Millionen Franken – doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Frutiger, das ist eine Erfolgs- und Wachstumsgeschichte, die durch den Gotthardtunnel zusätzlichen Schub erhielt. Projektleiter Rudolf Lagger erläuterte, was für ein komplexes und riskantes Unterfangen es war, in teilweise extrem brüchigem Gestein einen Tunnel zu bohren und 1,6 Millionen Kubikmeter Fels auszubrechen und aus dem Berg zu schaff en. Rund um die Uhr habe sein Team im Vierschichtbetrieb geschuftet. Seine Aufgabe sei es gewesen, den Überblick zu bewahren unter all diesen tatkräftigen Männern mit Tunnelblick.
Das war zwar eindrücklich, hätte aber keine 700 Gäste angelockt. Sie alle waren primär gekommen wegen eines Mannes, der nicht unter Tag arbeitet, sondern im grellen Blitzlichtgewitter der Kameras. Er präsentiere nun «einen der erfolgreichsten Trainer der Welt», sagte Thomas Frutiger, sichtlich stolz, dass es ihm gelungen war, Ottmar Hitzfeld mit dem Segen der Credit Suisse nach Thun zu locken und über «Erfolgsorientierte Führung eines Teams» sprechen zu lassen.
Zunächst tauchte Hitzfeld nur auf der Leinwand auf. In einer zehnminütigen Filmeinspielung wurde das Publikum erinnert, wie Bayern München am 12. Mai 2001 in der 94. Minute der letzten Partie Schalke 04 die Meisterschale noch entriss – und vier Tage später unter Hitzfeld auch noch die Champions League gewann. «Ja, meine geschätzten Damen und Herren, in ein paar Sekunden kann man alles gewinnen oder verlieren», sagte Hitzfeld, nun leibhaftig auf dem Podium.
Es gäbe günstigere Konstellationen, als über erfolgsorientierte Führung zu referieren, wenn man mit der Schweizer Auswahl innert Jahresfrist gegen Montenegro verloren und gegen Honduras, Australien, Malta und Bulgarien nicht gewonnen hat. Hitzfeld löste die delikate Aufgabe insofern souverän, als er in der 30. Minute seines Referats den ersten und einzigen Satz über seine Arbeit als Schweizer Nationaltrainer verlor: Nach dem Luxemburg-Spiel (für Sportmuffel: die 1:2-Heimniederlage gegen den Fussballzwerg am 10. September 2008) sei es wichtig gewesen, dass er als Trainer rasch wieder Ruhe ins Team bringen konnte, indem er sachlich analysiert, keine populistischen Entscheidungen gefällt und dann den Blick wieder nach vorne gerichtet habe. Der Rest war ein halbstündiges Referat über die «Rollenfelder», in denen sich ein Trainer bewegt, und über «Führungskompetenz im unmittelbaren zwischenmenschlichen Interaktionsprozess », also über den Umgang mit seinen Spielern. Die «Beziehungsebene » sei «wichtig im Fussball und in der Wirtschaft», verkündete Hitzfeld ab Redemanuskript und erinnerte zur Illustration daran, wie er vor neun Jahren Lothar Matthäus eigenhändig wieder aus der Kabine geholt hatte, nachdem dieser wutentbrannt das Training verlassen hatte, weil ihn Mitspieler Bixente Lizarazu geohrfeigt hatte.
In den weiteren Ausführungen über seine «Philosophie» ermahnte Hitzfeld nicht etwa zu Disziplin und Ordnung, sondern er sprach auff allend oft von Vertrauen, Motivation und Emotionen. Die «wichtigste Aufgabe» eines Trainers sei es, «Freude und Leidenschaft zu vermitteln», sagte der 62-Jährige in seiner gewohnt beherrschten Art. Zudem sei es wichtig, nicht nur die Spieler, sondern auch seine eigenen Stärken und Schwächen gut zu kennen.
Beim Apéro bot sich die Gelegenheit, Genaueres über seine Schwächen zu erfragen. «Darüber spricht man nicht», antwortete Hitzfeld. Eine Stärke ist off ensichtlich seine Verschwiegenheit. Sein Ziel, mit dem Referat keine Unruhe in die Nationalmannschaft zu bringen, hat Hitzfeld erreicht. Im Hinblick auf das Spiel der letzten Hoff nung am 4. Juni in England sagte er nur: «Ich bin noch immer voller Leidenschaft.» (Der Bund)
Erstellt: 03.05.2011, 08:48 Uhr
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1 Kommentar
«Freude und Leidenschaft zu vermitteln» ? Nun, da gehen wohl Anspruch und Wirklichkeit beim Herrn Hitzfeld sehr weit auseinander. Von Leidenschaft und Freude ist in den Spielen der Nationalmannschaft schon seit Köbi K. nichts mehr zu sehen gewesen. Hitzfeld scheitert an den selbst gesteckten Zielen. Aber immerhin kann man darüber referieren. Antworten
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