Wirtschaft

Freie Wahlen unter Hosni Vasella

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 24.02.2011 32 Kommentare

Aktionärsdemokratie? Immer mehr Grosskonzerne lassen über Managerlöhne abstimmen. Befiehlt nun, wer zahlt?

Mehrheiten wie im Ägypten von Hosni Mubarak: Novartis-Chef Daniel Vasella.

Mehrheiten wie im Ägypten von Hosni Mubarak: Novartis-Chef Daniel Vasella.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Stichworte

SwissquoteExklusiver Trading-Partner

[Alt-Text]

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Finden Sie das in Ordnung? Daniel Vasella, Präsident von Novartis, (NOVN 49.92 0.89%) erhält für ein Konkurrenzverbot rund 12 Millionen Franken. Ein Konkurrenzverbot heisst: Herr Vasella wird nach seinem Ausscheiden bei Novartis nicht sofort mit sämtlichen Betriebsgeheimnissen zur Konkurrenz gehen können, um dort seine teuren Dienste anzubieten.

Seine sehr teuren Dienste: In seinen 12 Jahren als Präsident von Novartis kassierte er bis zu 42 Millionen Franken jährlich. (Während der Aktienkurs in den letzten 10 Jahren um 25% sank.) Finden Sie es also in Ordnung, dass Daniel Vasella, der die Konzernspitze erreichte, nachdem er die Nichte seines Vorgängers geheiratet hatte, für die schlichte Tatsache, der Firma, die ihn reich gemacht hat, nicht in den Rücken zu fallen, 12 Millionen bekommt?

Nicht gefragt

Die Antwort ist: Es ist egal, was Sie finden. Und zwar unabhängig davon, ob Sie Novartis-Aktionär sind oder nicht. Denn Sie werden nicht gefragt. Oder doch? Dieses Jahr wurde bei Novartis erstmals abgestimmt – zwar nicht über Dr. Vasellas 12 Gratismillionen, aber doch über «das Vergütungssystem» im Allgemeinen. Und immerhin 38 Prozent der Aktionäre stimmten darauf Nein. Kommentatoren, etwa in der NZZ, werteten das als «Schuss vor den Bug von Novartis». Und als Zeichen, dass «die Aktionärsdemokratie» auch ohne Zutun des Gesetzgebers ihre Wirkung tue.

Demokratie wie bei Mubarak

Mehr Aktionärsdemokratie taucht als Lösung nach allen Wirtschaftsskandalen auf. In der Theorie klingt die Sache klar. Bei Konzernen soll nicht der Staat zum Rechten sehen – sondern jene Leute, die ein ureigenes Interesse haben, dass der Laden läuft: die Eigentümer. Die Aktionäre sollen das Management kontrollieren: Schliesslich geht es um ihr Geld.

Nur klappt das im Fall der grossen Konzerne fast nie. In der Schweizer Wirtschaftsgeschichte überstimmte nur ein einziges Mal ein Aktionariat ein Management: bei der Verweigerung der Decharge für das Führungsteam um Marcel Ospel. Das galt als Sensation – und blieb völlig folgenlos: Niemand, schon gar nicht die UBS, reichte Strafanzeige ein. Ansonsten gewann seit Menschengedenken das Management jede Abstimmung. Und das fast immer mit Über-90-Prozent-Mehrheiten wie im Ägypten von Hosni Mubarak.

«Wer befiehlt, wird grossartig bezahlt.»

Der Grund für diese Drittweltmonotonie ist einfach. Die Konzernspitze hat die Machtmittel eines Drittweltpotentaten in der Hand: Sie schreibt alle Bilanzen und Abstimmungsvorlagen, macht alle Wahlvorschläge, hofiert im Vorfeld alle Grossaktionäre und kontrolliert alle Depotstimmen. Die Aktionäre hingegen sind aufgesplittert, nur hobbymässig informiert und könnten bei einem Nein nur ihr Unternehmen sabotieren. Apathie ist für sie die vernünftigste Wahl.

Das führt dazu, dass in Grosskonzernen nicht der Wahlspruch gilt: «Wer zahlt, befiehlt!», sondern: «Wer befiehlt, wird grossartig bezahlt.»

Nur zwei Möglichkeiten

Die einzige Ausnahme, in der eine Aktionärsdemokratie als Kontrolle funktioniert, ist, wenn sie keine Demokratie mehr ist, sondern Oligarchie oder Monarchie. Wenn ein einziger Investor oder eine kleine Gruppe die Aktienmehrheit und dadurch das Management kontrolliert.

Wer also die 12-Millionen-Spende für Dr. Vasella nicht in Ordnung findet, hat nur zwei Möglichkeiten: a) ein paar Milliarden Dollar in Novartis investieren. Oder b) in die Politik zu gehen. Auf der Novartis-Generalversammlung hat er nichts zu gewinnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2011, 23:03 Uhr

32

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

32 Kommentare

Heinrich Schibli

24.02.2011, 10:20 Uhr
Melden

Als Aktionär hätte ich nichts gegen einen überdurchschnittlichen Lohn von Vasella, wenn die Performance auch für die Aktionäre stimmen würde. Was mich stört, ist die grenzenlose Arroganz dieses eingeheirateten Managers. Seine Art der Kommunikation und die schnoderigen Antworten treiben die Leute zur Weissglut. Ein Beispiel mehr, wieso die Leute heute vielerorts auf die Strasse gehen! Antworten


Michael Beh

24.02.2011, 09:40 Uhr
Melden

Bei allem Respekt, werte Kommentatoren, es handelt sich um ein Wirtschaftsunternehmen und nicht um ein Staatswesen. Niemand wird gezwungen Aktien unethisch handelnder Unternehmen zu kaufen oder zu halten. Und der Aktionär ,der eine Million Aktien hält trägt im Vergleich zum Aktionär mit nur einer Aktie auch ein millionenfach höheres Risiko. Oder wollen Sie im Casino abstimmen, welche Zahl gewinnt? Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!