Wirtschaft

«Frauen seien eher schwierig, höre ich häufig von den Herren»

Von Rita Flubacher. Aktualisiert am 25.02.2013 139 Kommentare

Eine deutsche Topmanagerin berichtet anonym, wie es ist, als einzige Frau im Männerreservat an der Konzernspitze zu sein. Und welches Lehrgeld sie bezahlen musste.

Managerin nutzte ein Pseudonym, um offen berichten zu können: Eine Geschäftsfrau auf einer Treppe.

Managerin nutzte ein Pseudonym, um offen berichten zu können: Eine Geschäftsfrau auf einer Treppe.
Bild: Daniel Infanger

Anonyma, «Ganz oben. Aus dem Leben einer weiblichen Führungskraft», C.H. Beck, 160 Seiten, ISBN 978-3406644986, CHF 24.90.

Als Frau im Topmanagement
Mühe mit den Privilegien

«Ich bin 1,75 m gross, nicht wirklich schlank und habe kurz geschnittenes, dunkles Haar. Ich finde mich durchaus nicht hässlich, entspreche aber mit meinem Aussehen nicht den klassischen oder stereotypen Kategorien weiblicher Schönheit. (…) Für meine Karriere war es ein unschätzbarer Vorteil, so auszusehen, wie ich aussehe.» Mit diesem Selbstbildnis eröffnet die Autorin Anonyma ihr Buch «Ganz oben». Die Autorin beschreibt sich als einzige Frau unter rund 50 Topmanagern eines deutschen Unternehmens «mit Milliardenumsatz», dessen Name ebenfalls geheim bleibt.

Teilweise skurril muten die Erfahrungen von A. im Umgang mit den Privilegien ihrer Funktionsstufe an. Über Privilegien wie Dienstfahrzeug oder Rundumservice für das private Fahrzeug in der firmeneigenen Garage wurde sie bei ihrer Beförderung nicht informiert. Als sie dann später auf diese Dienstleistungen zurückgreift, erhält sie unter Ausflüchten erst mal keinen Chauffeur, weil in dessen Weltbild eine Topmanagerin nicht vorkommt.

In diesem und anderen Vorkommnissen macht die Autorin keinen Hehl aus ihrer Zerrissenheit, diese Privilegien einzufordern: «Ich kann es grundsätzlich nicht ertragen, den eigenen Stand im Gegensatz zu anderen deutlich herauszustellen.» Dieses Verhalten führt auch dazu, dass ihr ihre Sekretärin am Morgen keinen Kaffee an den Schreibtisch bringt, was im Falle eines männlichen Chefs undenkbar wäre.

Zu den Fallen für weibliche Führungskräfte gehören Dienstleistungen, welche die Männer automatisch von ihr erwarten: Wenn etwa an Sitzungen der Kaffee fehlt, wird sie aufgefordert, für Abhilfe zu sorgen. Was sie dann auch tut, wohl zum Ärger vieler Leserinnen. A. mag solche Forderungen jedoch nicht zurückweisen, weil sie nicht als «anstrengende Emanze» gelten möchte.

Zum Erfahrungshorizont von A. gehört auch die Einsamkeit der Führungsfrau. Sie findet kaum einen Partner, weil Männer nach ihrer Erfahrung keine Frauen mögen, die deutlich mehr verdienen als sie. Als sie schliesslich einen Partner findet, stammt der nicht aus Europa und ist offensichtlich auch nicht von weisser Hautfarbe, was dazu führt, dass sie ihn nicht an Firmenanlässe mitschleppen mag, weil das zu reden gäbe. Den aufkommenden Kinderwunsch schiebt sie zuerst auf die lange Bank, weil es das Ende ihrer Karriere bedeuten würde. Schwangerschaftsurlaub und Teilzeitarbeit sind im Führungsuniversum nicht vorgesehen. (rf)

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Korrektur-Hinweis

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Warum verstecken Sie sich hinter Anonyma? Der Leser weiss nicht, ob sich wirklich eine Topmanagerin dahinter verbirgt.
Ich bin tatsächlich eine Führungskraft. Und ich schildere die Erfahrungen, die ich gemacht habe.

Dann fürchten Sie Konsequenzen?
Öffentlichkeitsarbeit dieser Art schätzen Unternehmen in der Regel nicht. Ich halte es nicht für richtig, dass mein Unternehmen in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, weil meine Erfahrungen ja generell gelten. Aber ich gebe zu, dass ich nicht weiss, welche Konsequenzen ich zu befürchten hätte.

Ihre weitere Karriere ist gefährdet?
Nein, ich bin ja schon ganz oben.

Sind Sie das tatsächlich immer noch? Im Buch schreiben Sie, wie Ihr Chef reagiert hat, als Sie ihm mitteilten, Sie seien schwanger. Er gratulierte und sagte: «Ihren jetzigen Job werden Sie nie wieder machen.»
Das Buch hört dort auf, weil ich geoutet worden wäre, wenn ich gesagt hätte, wie es weiterging.

Sie beschreiben, wie die Frau aussehen muss, damit sie in die Führungsetage aufsteigen kann. Ihr Fazit: Sehr gutes Aussehen kann die Karriere behindern.
Auffallend schöne Frauen laufen Gefahr, von den Männern auf den optischen Eindruck reduziert zu werden. Sie wecken bei den Männern Wünsche, die mit der Tätigkeit im Unternehmen nicht das Geringste zu tun haben.

Wie kann sich eine attraktive Frau trotzdem durchsetzen?
Indem sie es schafft, diese Gedanken beim Mann quasi zu neutralisieren. Sie muss den Fokus des Mannes allein auf die Kompetenzebene ziehen.

Und wie läuft das konkret ab?
Indem sie nicht noch bewusst mit ihrem Äusseren kokettiert oder flirtet, sondern sich konsequent auf die Sachebene bezieht.

Stimmt der Spruch, dass sich Frauen hochschlafen können?
Ich glaube nicht. Das geht vielleicht auf unterer Ebene. Aber es ist karrierehemmend.

Demnach müssten unattraktive Frauen und Frauen, die nichts auf ihr Äusseres geben, intakte Aufstiegschancen haben.
Nein, auch das funktioniert nicht. Ihr Äusseres kann bei Männern intuitiv eine ablehnende Haltung auslösen.

Spielen Aussehen und Attraktivität auch bei der Beförderung von Männern eine Rolle?
Nein, wenn Männer von Männern ausgewählt werden, spielen Aussehen oder Attraktivität keine Rolle.

Sie raten karrierewilligen Frauen, bei den Statussymbolen, die den Männern so wichtig sind, mitzuspielen. Dazu gehören das protzige Büro und das grosse Auto.
Man sinkt im Ansehen, wenn man nicht mitmacht. Man wird von den Männern nicht als gleichwertig anerkannt, wenn man ein kleineres Auto fährt und im kleineren Büro sitzt. Auch die Mitarbeiter sehen es so. Die wollen nach aussen zeigen: Meine Abteilung, mein Chef, meine Chefin, kann mithalten. Wir sind keine minderwertige Abteilung. Auto und Büros sollten allerdings nicht grösser sein als die der Kollegen.

Frauen sollen also ausgerechnet männliche Attitüden und Eigenschaften übernehmen.
Das nicht, aber wenn es um die äusserlichen Statussymbole geht, ist es wichtig für die Anerkennung.

Ihre Firma entsandte Sie nach Brüssel, wo man Sie allerdings gar nicht haben wollte und Ihnen das auch drastisch zeigte. Oder ihre gleichrangigen Führungskollegen schickten Sie zum Kaffeeholen, wenn der an Sitzungen fehlte. Ich als Leserin habe mich sehr geärgert.
Im Nachhinein stimme ich Ihnen zu. Mein Gott, weshalb habe ich nicht gleich Nein gesagt! Wobei ich mich gleichzeitig frage, ob ich es nicht wieder tun würde. In Brüssel habe ich gemerkt, dass man mich überhaupt nicht haben wollte. Es war eine Provokation und eine Probe. Ich habe mir gesagt, ich nehme diese Probe an. Wir werden sehen, wer am Ende gewinnt. Also schaute ich, wie man diese Menschen knacken kann. Die Sache mit dem Kaffee fing mit einem Meeting an, wo kein Kaffee da war. Ich habe nicht nachgedacht im Sinne: Nein, das mache ich jetzt nicht. Also habe ich mich um den Kaffee gekümmert.

Ein typisch weibliches Verhalten fern von Gleichberechtigung?
Oder eine Frage der Erziehung, dass man sich um gewisse Dinge kümmert, ohne eine Sache draus zu machen. Aha, es fehlt was, ich kümmere mich darum. Das wird auch nett aufgenommen. Aber es darf kein System draus werden.

Warum nicht von Anfang klarmachen, dass man solche Dinge als Topfrau nicht macht?
Es kommt darauf an, wie man das als Frau sagt. Sage ich, ich mache das nicht, nur weil ich eine Frau bin, gerate ich in eine Ecke, in die ich nicht reinwill.

Was meinen Sie damit?
Es sollte nicht jedes kleinere Ärgernis als massiver Angriff auf die Frauenrechte interpretiert werden.

Sie bezeichnen sich im Buch als «Mutter der Kompanie». Ist das der richtige Karriereweg für die Frau?
Für mich war es der richtige Weg. Ich strahle das auch aus. Man muss aber aufpassen, dass es nicht zu einer Gewohnheit wird und Sie bestimmte Dinge immer wieder machen, einfach weil Sie eine Frau sind.

Sie beschreiben, wie Sie an einer Sitzung auf die Toilette eilen und dort einen Spontanabort haben. Danach kehren Sie an die Sitzung zurück, als sei nichts gewesen. Das kann man kaum nachvollziehen.
Was hätte ich tun sollen? Ich habe die Sitzung mehr schlecht als recht zu Ende geführt. Danach bin ich in die Klinik gegangen. Heute würde ich sagen: Sitzung unterbrechen. Aber ich wollte ja damals nicht öffentlich machen, dass ich mich mit Familienplanung beschäftige. Dann hätte ich keine Chance mehr gehabt und wäre nicht mehr akzeptiert worden.

Sind Sie für die Frauenquote?
Mittlerweile ja. Wir brauchen in den Unternehmen eine individuell gesetzte Quote, damit Frauen erst einmal bis oben kommen und sich andere Führungskriterien durchsetzen. Bis jetzt spielen nur männliche Eigenschaften eine Rolle. Die Führungskraft muss sich durchsetzen können, darf nicht so empfindlich sein, sie muss wegstecken können, sie muss souverän und stark sein. Noch kein Thema ist, dass die Führungskraft mit Mitarbeitern umgehen können muss und dass sie bei Entscheidungen gegebenenfalls länger abwägen sollte.

Was Männer von sich selber kennen, erwarten sie auch von den nachfolgenden Kräften?
Ja. Und das wird sich nicht ändern, weil kein Bewusstsein für andere Kriterien da ist. Frauen seien ja eher schwierig, höre ich häufig von den Herren. Frauen können mit ihren Fähigkeiten einen Prozess schon mal verlängern, aber auch verbessern. Die Herren sehen dann nur, dass etwas verlängert wird.

Haben Sie sich nie als Alibifrau empfunden?
Nein, überhaupt nicht. Deshalb war ich anfangs auch nicht für die Quote wie viele andere Frauen in meinem Netzwerk. Sie sind stolz, dass sie es geschafft haben, ohne Quote nach oben zu kommen. Ich hatte Glück, dass zur richtigen Zeit immer eine gute Position frei war und nicht so viele Männer mit mir im Wettbewerb standen.

In Frankreich, Skandinavien oder in den USA schaffen es Topmanagerinnen, Kinder auf die Welt zu bringen und im Beruf Karriere machen.
Frauen, die dort ein Kind bekommen, fangen zügig wieder an zu arbeiten. Das wird sozial anerkannt. Für die Kinder wird eine Infrastruktur bereitgestellt. Und bei uns? Da heisst es: Man setzt doch kein Kind in die Welt, um dann wieder Vollzeit zu arbeiten. Das ist sozial nicht anerkannt. In Deutschland ist diese Haltung noch mehr verbreitet als in anderen Ländern. Den Begriff Rabenmutter gibt es auch nur im Deutschen.

Bei uns fallen Frauen auf, die es in Toppositionen schaffen, sich aber nach kurzer Zeit wieder verabschieden. Geben Frauen zu schnell auf, wenn sie auf Widerstand stossen?
Ich würde es positiv formulieren: Frauen wollen mehr im Leben. Es reicht ihnen nicht, einen 70-Stunden-Job zu machen. Männer kommen damit eher klar. Als Frau ganz oben sind Sie in einer Männerwelt. Sie können es sich dort einrichten, trotzdem ist und bleibt es eine andere Welt. Da kann es sein, dass Frauen sich sagen, das ist es mir nicht wert. Sie suchen nach anderen Wegen und Möglichkeiten. Man mag das als Aufgeben bezeichnen, ich bezeichne es als Mut, einen neuen Weg zu gehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2013, 08:09 Uhr

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139 Kommentare

Joseph Bucheli

25.02.2013, 09:04 Uhr
Melden 248 Empfehlung 19

Sehr interessanter Artikel - das gleiche trifft übrigens auchin umgekehrter Form zu.
Frauen und Männer sind nicht gleich in ihrem Denken und Verhalten. Beide haben Vor- und Nachteile. Diese immer in den Augen der Betrachterinnen und der Betrachter.
Zu denken mit Frauen in der Führung wird es besser ist ein Trugschluss - es wird anders. Es wird anders gut und anders schlecht.
Antworten


Karl Honigmeier

25.02.2013, 09:14 Uhr
Melden 208 Empfehlung 32

Es gibt viele Frauen die ziemlich in ihren Emotionen kleben und das ist als Mann recht mühsam zu ertragen. Es geht dann schnell mal um persönliche Befindlichkeiten als um sachliche Themen. Und bei Männern ist der Narzismus oftmals unerträglich und kann ganze Völker ins Verderben ziehen. So haben alle ein bisschen zu nagen an ihren Unzulänglichkeiten. Antworten