Wirtschaft

«Eine solche Marktmacht ist bedenklich»

Von Chantal Hebeisen. Aktualisiert am 01.08.2012 76 Kommentare

Grossverteiler bieten immer wieder neue Gemüsesorten an. Oft ist die genaue Herkunft der Produkte unklar. Denn das Saatgut wird vielfach von Konzernen wie Syngenta verändert – mit negativen Folgen für die Bauern.

An neuen Sorten wird ständige geforscht: Geerntete Tomaten in einem Gewächshaus eines Schweizer Forschungszentrums. (Archivaufnahme)

An neuen Sorten wird ständige geforscht: Geerntete Tomaten in einem Gewächshaus eines Schweizer Forschungszentrums. (Archivaufnahme)
Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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«Stell dir vor, du kaufst Gemüse und du weisst nicht, woher es kommt.» Mit diesem Satz beginnt eine Studie zu Fragen der Herkunft unserer Esswaren. In Auftrag gegeben wurde sie unter anderem von der Erklärung von Bern (EvB), Bio Suisse und Swissaid. Offenbar ist vielen Konsumenten nicht klar, woher ein Produkt effektiv stammt. Die Kumato-Tomate beispielsweise ist keine eigentliche Sorte, sondern eine Züchtung des Saatgutherstellers Syngenta. (SYT 61.986 -0.85%)

«Die Leute wollen nicht die alten Tomaten essen, die vor 20 Jahren entwickelt wurden. Sie wollen die neuen Tomaten, die besser und erschwinglich sind», sagte Syngenta-Chef Mike Mack gegenüber dem «SonntagsBlick». Doch diese neuen Sorten bedingen, dass die Bauern jedes Jahr neue Samen kaufen. Denn diese Sorten stehen unter einem speziellen Patentschutz. «Viele Patentlizenzen sind so definiert, dass die Bauern das Saatgut ausbringen dürfen, das Saatgut aus der Ernte aber weder erneut anbauen noch für die Weiterzucht verwenden dürfen», erklärt Flurina Doppler von der Erklärung von Bern auf Anfrage gegenüber DerBund.ch/Newsnet. Aus anderen veränderten Sorten könne gar kein neues Saatgut mehr gewonnen werden. Dies betrifft die kernlosen Früchte und Gemüse, wie Syngenta-Sprecher Daniel Braxton auf Anfrage bestätigt.

Mehr Pestizide notwendig

Gerade in Entwicklungsländern ist dies problematisch: Kauft ein Bauer das veränderte Saatgut, muss er Jahr für Jahr einen Teil des Ertrages beiseitelegen, um damit neue Samen zu kaufen. Syngenta-Sprecher Daniel Braxton hält dagegen: «Die verwendete Sorte und die rechtlichen Rahmenbedingungen im Anbauland bestimmen über die Lizenzvorschriften», sagt er gegenüber DerBund.ch/Newsnet. In der Schweiz sei aber der kostenfreie Nachbau von Saatgut durch die Landwirte für den Eigengebrauch erlaubt, so der Syngenta-Sprecher.

Die EvB kritisiert weiter, dass das Saatgut oft nicht mehr dem lokalen Klima und der Bodenbeschaffenheit angepasst sei, sagt Flurina Doppler. Dadurch benötigten die Pflanzen mehr Pestizide, damit sie gedeihen. «Die Firmen haben kein Interesse, allzu resistentes und standortangepasstes Saatgut herzustellen, denn die gleichen Firmen verkaufen auch die passenden Pestizide», sagt sie. Daniel Braxton sagt, das Gegenteil sei der Fall: «Bei der Züchtung verwenden wir Sorten, die den lokalen klimatischen und bodenspezifischen Gegebenheiten angepasst sind», präzisiert er. Oft seien die Sorten sogar gegen lokal vorkommende Schädlinge resistent, so der Syngenta-Sprecher.

Coop unterstützt auch kleinere Saatguthersteller

Die Agrotech-Produkte stellen auch ein Problem dar, wenn es darum geht, neue Sorten zu züchten. «Aus unserer Sicht wird die Innovation durch die vielen Patente der grossen Saatguthersteller gehemmt, weil unklar ist, wo welche patentrechtlichen Ansprüche bestehen», sagt Flurina Doppler. Viele kleine Züchter und Bauern gerieten so in Bedrängnis, weil sie sich nicht mehr getrauten, mit dem Saatgut, auf dem möglicherweise ein Sortenschutz besteht, weiter zu züchten.

Die Syngenta verweist in dieser Frage auf die hohen Kosten bei der Forschung und Entwicklung: «Der Schutz von geistigem Eigentum ist auch in unserer Branche wichtig», sagt Daniel Braxton. Man wolle weiterhin in die Forschung investieren, um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, so Braxton. Beim Grossverteiler Coop, der Syngenta-Produkte im Sortiment führt, wirke man der Vormachtstellung der grossen Saatguthersteller bei den Sortenpatenten entgegen, indem man auch mit kleineren Vermehrungsbetrieben wie beispielsweise der Sativa in Rheinau zusammenarbeite, betont Pressesprecher Dominik Schneider.

Agrotech-Produkte zu umgehen, ist kaum möglich

Wer sich in der Schweiz bewusst gegen den Kauf von solchen Agrotech-Produkten entscheidet, hat es doppelt schwer: Einerseits, weil die beiden Agrochemiekonzerne Syngenta und Monsanto bei Peperoni 56 Prozent, bei Tomaten 62 Prozent und bei Blumenkohl gar 71 Prozent aller in Europa geschützten Sorten besitzen. Andererseits herrscht in der Schweiz keine Deklarationspflicht auf die genaue Herkunft von Früchten und Gemüse. Dadurch wissen Grossverteiler wie Migros und Coop oft nicht, mit welchem Saatgut die Produkte gezüchtet werden.

«Unser Gebot ist die Gesundheit der Menschen und was das Schweizer Gesetz vorschreibt und verbietet», sagt der Mediensprecher des Migros Bundes, Urs Peter Naef. «Wir kaufen das ein, was uns angeboten wird und was unsere Kunden wollen. Wir können den Produzenten aber nicht vorschreiben, welches Saatgut sie verwenden dürfen», ergänzt er. Auch bei Coop will man den Produzenten bewusst keine Vorschriften machen betreffend des Saatgutes. «Die Produzenten wählen die Sorte je nach Terrain, Eignung und Anbausystem aus», sagt der Pressesprecher von Coop, Dominik Schneider, gegenüber DerBund.ch/Newsnet.

«Wir fordern eine effektive Kontrolle des Saatgutmarktes»

Die neuen Sorten versprächen den Kunden zudem einen besseren Geschmack und längere Haltbarkeit, sagt Schneider. Auch bei der Migros klingt es ähnlich: «Die Kumato-Tomate, die wir im Sortiment haben, zeichnet sich durch eine hohe Gleichmässigkeit in Form, Farbe und vor allem auch Geschmack aus», sagt Andreas Reinhart von der Genossenschaft Migros Zürich.

Die Oligopolstellung der grossen Saatguthersteller wie Syngenta stört auch den Schweizerischen Konsumentenschutz: «Es ist bedenklich, wenn ein Konzern eine solche Marktmacht hat. Da müsste man mehr Transparenz schaffen», findet Janine Jakob, Leiterin Gesundheit und Recht. Für den Konsumenten müsse ersichtlich sein, woher ein Produkt stamme, damit er einen entsprechenden Kaufentscheid fällen könne, sagt Jakob. Mit den heutigen Deklarationsvorschriften sei dies aber nicht möglich. «Wir fordern daher eine effektive Kontrolle des Saatgutmarktes durch die Wettbewerbskommission», doppelt Jakob nach. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.07.2012, 19:57 Uhr

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76 Kommentare

Astrid Meier

31.07.2012, 21:00 Uhr
Melden 233 Empfehlung 0

Wer will die neuen Tomaten!? Ich habe seit Jahren keine vernünftige Tomate mehr im Grossverteiler gekauft, die wie eine Tomate riecht und schmeckt. Das Zeug ist schnittfest und absolut geschmacklos, eine wie die andere. Ausnahme sind die zwei, drei Specie Rara Sorten, die zur Haupterntezeit auf dem Markt sind. Und jetzt weiss ich auch, wieso alle Blumenkohle genau gleich aussehen, danke. Antworten


Caroline Egger

31.07.2012, 21:41 Uhr
Melden 128 Empfehlung 0

"hohe Gleichmässigkeit in Form, Farbe und vor allem auch Geschmack" - Was soll dieses Gefasel? Hat dieser Mensch je selbst eine Tomate gezogen? Nach meinen Erfahrungen mit ca. 20 Tomatensorten hat eine definierte Sorte immer den gleichen Geschmack und Früchte in ähnlichem Reifestadium sehen entsprechend der Sorte alle gleich aus. Weshalb brauchen wir dann eine patentgeschützte Kumato? Antworten



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