Wirtschaft

Christian Lüscher
Reporter


«Ein paar Entwicklungen beunruhigen mich»

Aktualisiert am 01.06.2012 16 Kommentare

Jill Abramson ist Chefredaktorin der «New York Times». DerBund.ch/Newsnet traf sie in Luzern und sprach mit ihr über die Zukunft der Medien, ihre Rolle als erste Frau an der Spitze der renommierten Zeitung und über ihr Bild von der Schweiz.

Welche Medien konsumiert die Chefin der «New York Times» morgens am Frühstückstisch? Jill Abramson sagts im Videointerview.

Swiss Media Forum

Jill Abramson hielt am Swiss Media Forum in Luzern am 31. Mai die Hauptrede mit dem Titel «Der Journalismus von morgen und Erfahrungen mit der Paywall». Das Interview ermöglicht hat Patrik Müller, Initiant Swiss Media Forum und Chefredaktor des «Sonntag».

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Die neue Chefredakteurin der «New York Times»

Die neue Chefredakteurin der «New York Times»
Jill Abramson ist die erste Frau an der Spitze der renommierten Zeitung.

Zur Person

Die 57-jährige New Yorkerin Jill Abramson ist die erste Chefredaktorin der «New York Times». Sie studierte Geschichte und Literaturwissenschaft an der Harvard University. Nach ihrem Einstieg beim renommierten «Time»-Magazine arbeitete sie von 1976 bis Mitte der 80er-Jahre für juristische Fachpublikationen. Von 1987 bis 1997 bekleidete sie eine Kaderposition beim «Wall Street Journal».

Abramson gilt als hartnäckige Investigativreporterin und Dramaturgin. Von 1988 bis 2003 berichtete sie aus dem Machtzentrum Washington, danach holte sie ihr Vorgänger Bill Keller als Nachrichtenchefin nach New York.

Paywall der «New York Times»

«Paywall» (deutsch Bezahlmauer) wird ein Mechanismus bezeichnet, mit dem Inhalte einer Website nur nach dem Bezahlen einer Gebühr oder dem Abschluss eines Abonnements sichtbar sind. Die «New York Times» führte vor einem Jahr eine solche Bezahlwand ein: Seither können Internetnutzer nur noch 20 Artikel der Zeitung pro Monat gratis öffnen. Wer mehr Artikel lesen will, muss eine Gebühr von 15 Dollar im Monat bezahlen.

Die Paywall der «New York Times» ist eine Reaktion auf die sinkenden Einnahmen im Werbegeschäft. Seit Jahren gehen Werbeerlöse und Druckauflage der «New York Times» zurück.

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Man nennt Sie in New York «The First Lady of the Gray Lady». Gefällt Ihnen dieser Titel?
Natürlich, wobei ich es nie mochte, dass man die «New York Times» als «Gray Lady» bezeichnet. Inzwischen verantworte ich eine farbige Zeitung. Grau ist zwar seriös, aber Vergangenheit.

Sie sind am Mittwoch in Zürich-Kloten angekommen. Was hat die Chefin der mächtigsten Zeitung der Welt gedacht, als sie aus dem Flugzeug stieg?
Es ist unglaublich schön hier. Als ich in Luzern ankam, blickte ich minutenlang auf diesen See, der in Kombination mit diesen Bergen mystisch auf mich wirkte.

Das ist beruhigend. Sie haben also nicht an Steuerflüchtlinge und an das Bankgeheimnis gedacht.
Nicht auf Anhieb. Als Chefredaktorin macht es mich aber natürlich neugierig, warum gewisse Amerikaner versuchen, ihr Geld in die Schweiz zu bringen.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen der Schweiz und den USA beschreiben?
Sie ist gut. Da gibt es zwar ein paar ernsthafte Konflikte wie beispielsweise den, dass die US-Regierung von den Banken mehr Informationen fordert. Aber ich würde von einer gesunden und stabilen Beziehung sprechen.

Nun sind Sie hier in Luzern, um über die Zukunft des Journalismus zu reden. Die «New York Times» gilt als gutes Beispiel dafür, wie man trotz schwindenden Auflagen und der Digitalisierung gutes Geld verdienen kann. Ist die Idee, Artikel im Internet nicht kostenlos anzubieten, ein voller Erfolg?
Die sogenannte Paywall ist ein Erfolg und überflügelte gar unsere Erwartungen. Wir haben bis jetzt sehr gute Umsätze erzielt. Viele User beginnen allmählich zu verstehen, dass gute Informationen eben ihren Preis haben.

Können Sie Zahlen nennen, wie erfolgreich das Paywall-Modell wirklich ist?
Nein. Da müssen Sie schon den Verleger der «New York Times» fragen.

Auch wenn die «New York Times» mit Bezahlinhalten im Web Geld verdient, ist sie ein Einzelfall.
Das ist so. Und es ist hart für mich, wenn ich meinen Kollegen immer wieder sagen muss, dass man unser Modell nicht einfach kopieren kann. Wir haben eine starke Marke, die für Qualitätsjournalismus steht.

Seit der Einführung der Paywall ist der Aktienkurs der «New York Times» um 30 Prozent gesunken. Die Investoren glauben nicht an die neue Einnahmequelle.
Das hat nichts mit der Paywall zu tun. Generell ziehen sich Investoren aus Zeitungsverlagen zurück. Die Analysten betrachten uns immer noch als ein traditionelles Verlagshaus. Dabei sind wir heute keine Zeitung, sondern ein breit aufgestelltes Medienunternehmen.

Die Paywall auszutricksen, ist übrigens ziemlich einfach. Unzählige Videos auf Youtube geben einen Crashkurs dazu.
Damit müssen wir leben. Wir glauben, dass sich ein User, der täglich die Website besuchen kommt, sich nicht die Mühe machen wird, jedes Mal die Paywall auszutricksen.

Einer, der ans Zeitungsgeschäft glaubt, ist Investor Warren Buffett. Er kaufte kürzlich 63 Zeitungen im Süden der USA. Wie schätzen Sie seinen Kauf ein? Tat er dies, weil er an das traditionelle Geschäftsmodell glaubt und Profite sieht oder weil er Präsident Obama unterstützen will?
Er ist ein richtiger Investor, der nur dort investiert, wo er auch Gewinn machen kann. Es sind alles sehr lokal verwurzelte Zeitungen. Die haben kaum politischen Einfluss.

Reden wir über Ihre Rolle als erste weibliche Chefin an der Spitze der «New York Times». Inwiefern spürt die Öffentlichkeit, dass eine Frau am Ruder ist?
Man spürt sicher, dass ich die kritische Berichterstattung über Unternehmen intensiviert habe. Ich setze auf gut recherchierte Geschichten, die auch mal schmerzen, weil sie Missstände aufdecken. Das hat aber weniger damit zu tun, dass ich eine Frau bin. Ich war jahrelang eine investigative Reporterin.

Sie haben den Ruf einer knallharten Reporterin. Wie würden Sie eigentlich eine Recherche über sich selber angehen?
Eine gute Frage, die mir so noch niemand gestellt hat (überlegt). Ich würde wohl alle meine geschriebenen Geschichten lesen und die Leute kontaktieren, über die ich berichtet habe. Ich würde sie fragen, was sie von meinem Stil als Journalistin halten.

Wie würde das Urteil wohl ausfallen?
Viele von ihnen würden verärgert reagieren, weil ich ihre Fehler aufgedeckt habe. Sie würden mich sicherlich als tough und unangenehm beschreiben. Natürlich müsste man ihnen auch die Frage stellen, ob ich denn in meinen Recherchen falsch gelegen sei. Ich bezweifle es aber. Das heisst aber nicht, dass ich nie Fehler gemacht hätte.

Drei Frauen geben in der Medienwelt ziemlich den Ton an. Sie, als Chefredaktorin der «New York Times», Arianna Huffington, Chefin des Internetdienstes «Huffington Post», und Tina Brown, Chefredaktorin der «Newsweek». Sehen Sie das auch so?
Ich kenne natürlich beide sehr gut, weil wir uns regelmässig auf Podien treffen. Beide stehen für guten Journalismus ein. Aber wir sind nicht ein Trio, das die Branche mit seinen Ideen auf den Kopf stellt. Es gibt noch viele andere Grössen im Medienbusiness, die wesentlich mehr Einfluss haben.

Wie sieht Ihre Beziehung zu Arianna Huffington aus?
Ich traf sie zum ersten Mal in Washington zusammen mit Newt Gingrich. Sie ist zwar sehr konservativ, aber sehr warmherzig. Als ich mich während sechs Monaten mit der Digitalisierung beschäftigte, stellte mir Arianna ihr Newsroom-Konzept vor, um das Geschäft besser zu verstehen.

Auch weil die «Huffington Post» Artikel der «New York Times» übernahm und oft als eigene Leistungen verkaufte?
Sie und ihr Team konzentrieren sich heute auf deutlich mehr eigene Geschichten. Aber klar, manche Storys erweckten teilweise den Eindruck, als hätte ihre Redaktion sie recherchiert. Dabei waren es unsere Geschichten. Wir haben das heute gut gelöst und haben faire Newsregeln.

Die Digitalisierung, und das beweist ja der Erfolg der «Huffington Post», ist nicht aufzuhalten. Im Onlinejournalismus muss es schnell gehen. Die Artikel sind kürzer. Spielt die Zeitung noch eine wirklich wichtige Rolle in Zukunft?
Ich bin sehr optimistisch. Die Leute wollen gute Geschichten lesen, sich informieren, sei es auf dem iPad, in einer Zeitung oder im Internet. Ich möchte keine Prognose machen, wie lange es die Zeitung noch geben wird. Wichtiger ist doch, dass wir Journalisten wissen, wie wir die unterschiedlichen Kanäle richtig einsetzen, um eine Geschichte noch besser zu erzählen.

Viele Medienhäuser, auch Ihres, mussten in der Vergangenheit herbe Budgetkürzungen in Kauf nehmen. Inwiefern hat die Qualität der Berichterstattung gelitten?
Allgemein kann ich sagen, dass mich ein paar Entwicklungen beunruhigen, was Folgen für die journalistische Professionalität hat. Viele Titel haben ihr Korrespondentennetz ausgedünnt und aus Spargründen die Mittel für investigative Leitungen gestrichen. Robuste Informationen sind allerdings die Säulen für guten Qualitätsjournalismus.

In «Page One», einem Film über die «New York Times», werden wir Zeuge, wie zwei Kulturen von Journalisten aufeinanderprallen. Der onlineaffine Jungjournalist trifft auf den Reporter alter Schule. Wie managen Sie diese zwei Lager, damit diese zusammenarbeiten können?
Das wirkt vielleicht so, als hätten wir einen Kulturkampf. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Der Newsroom ist voll von Leuten, die voneinander viel lernen können. Viele meiner älteren Kollegen führen heute exklusiv einen Blog, twittern sogar und haben dabei Freude.

Sie sind selbst auf Twitter. Sie haben mehr als 20'000 Followers, aber bis jetzt nur 29 Tweets veröffentlicht. Ich schliesse daraus, dass Ihnen solche Kurzmitteilungen keinen Spass machen.
Ich versuche es immer noch herauszufinden. Viele meiner Kollegen twittern ihre Geschichten. Ich sehe im Moment keinen Grund, mich als Chefredaktorin zu exponieren.

Abschlussfrage: Was ist eigentlich Ihr grösstes Ärgernis in dieser Branche?
Sehr viele Konferenzen sind zu sehr mit dem Thema beschäftigt, dass die Zeitung vom Aussterben bedroht ist. Dabei müssten wir uns viel mehr fragen, wie wir den Qualitätsjournalismus am Leben erhalten können. Die «New York Times» ist auf gutem Weg. Viele andere müssen sich dieser Herausforderung erst noch stellen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.06.2012, 11:41 Uhr

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16 Kommentare

Marcel Zufferey

01.06.2012, 11:57 Uhr
Melden 23 Empfehlung 0

Ich habe nie begriffen, wie man als Zeitungsverlag auf die Idee kommen konnte, Gratisinhalte (auf dem Netz) anzubieten. Damit sinkt nicht nur der Wert der Handelsware Information, sondern auch jener, den der Endverbraucher überhaupt noch bereit ist, für ihn zu bezahlen. Dass nun diese Geschäftsmodelle erodieren, erstaunt mich überhaupt nicht. Antworten


Rolf Schumacher

01.06.2012, 12:15 Uhr
Melden 21 Empfehlung 0

Die online-Presse lebt zu einem schönen Stück von der online Diskussion. Noch nie konnte so aktiv mitgestaltet werden, wie heute. Wen die Meinung des Volks wirklich interessiert, unternimmt alles, dass der Gratiszugang bleibt. Wer das Volk lediglich als zahlende Pflichtlektürenleser der Geld- u. Politelite missbrauchen will, kämpft dagegen an. Der Staat sollte die Foren substantiell unterstützen. Antworten



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