Wirtschaft
Ein Banker geht auf Nummer sicher
Aktualisiert am 30.03.2012 21 Kommentare
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Der 14. März war ein erfreulicher Tag für die Zürich-Versicherung. Damals gab sie den Medien bekannt, dass Josef Ackermann das VR-Präsidium übernehmen würde. Ein Analyst der ZKB schrieb prompt: «Die Wahl ist zu begrüssen». Der Markt hatte seinerseits schon lange darüber spekuliert – und trotzdem sprang die Aktie der 130 Jahre alten Versicherungsgesellschaft noch einmal nach oben.
An der gestrigen Generalversammlung ernannten die Aktionäre Josef Ackermann offiziell; gleichzeitig änderten sie den Firmennamen von «Zurich Financial Services» zu «Zurich Insurance Group». Ackermanns Wahl gilt als Erfolgsgeschichte. Doch sie wirft Fragen auf: Was sucht Europas erfolgreichster Banker der letzten Jahre im als langweilig geltenden Versicherungsgeschäft? Und exponiert sich die Zurich mit Ackermann nicht zu stark? Die Schweiz ist zwar nicht Deutschland, doch bleibt Ackermann eine kontroverse Figur. Unvergessen bleibt etwa, wie er sich während des Mannesmann-Prozesses zu einer Victory-Geste hinreissen liess (siehe Bildstrecke).
Banking mit angezogener Handbremse
Vielleicht muss man etwas zurückgehen, um das Pärchen Ackermann und Zurich zu verstehen. Zurück zur Zeit, als das Banken- und Versicherungsgeschäft noch enger beisammen lag; als Versicherungen ihre Gelder so anlegen durften, wie sie es gerade für richtig befanden. Die Finanzkrise stellte eine Zäsur dar, wie Finanzanalyst Martin Schwab erklärt: Heute müssen Versicherungen strenge Anlageregeln der Finma erfüllen. Aufgrund der hohen Eigenkapitalanforderungen liegt die Aktienquote bei maximal 5 Prozent, vielfach sogar darunter. «Bis vor einigen Jahren hatten Versicherungen einen deutlich höheren Aktienanteil im Portfolio», sagt der Analyst von Sarasin.
Heute kommt der Profit nicht mehr ausschliesslich aus der Geldanlage, sondern auch aus dem operativen Geschäft: Kunden müssen angeworben, Verträge abgeschlossen und Versicherungsrisiken preislich eingeschätzt werden. Der Eigenhandel mit komplexen Derivatprodukten steht bei Versicherungen nicht im Vordergrund, ebenso wenig wie die Begleitung von Firmenübernahmen oder Börsengängen. Ein wenig interessantes Tätigkeitsgebiet für einen, der die Finanzkrise an vorderster Front miterlebte, müsste man meinen. Dafür stimmen die Zahlen, wie Martin Schwab sagt: «Die Versicherungen verfügen aktuell über das robustere, breiter abgestützte Geschäftsmodell als Banken.»
Ruhige Gewässer
Ackermanns Wechsel zur Zurich erscheint somit als cleverer Schritt. Sein Leistungsausweis der letzten Jahre lässt sich sehen: «Joe», wie er im nördlichen Nachbarland genannt wird, führte die Deutsche Bank (DBN 35.11 -2.31%) relativ unbeschadet durch die Finanzkrise und machte das Institut wieder zur Bank mit der europaweit grössten Bilanz. Wenn überhaupt, so werden sich diese eingegangenen Risiken – unter Europas zehn grössten Finanzhäusern weist die Deutsche Bank den zweithöchsten Verschuldungsgrad auf – erst in Zukunft bemerkbar machen.
Doch dann ist Ackermann schon lange weg. Er geht als Mann des Erfolgs – und kann sich bei der Zurich nun als Navigator in ruhigen Gewässern etwas zurücklehnen. Wie Analyst Schwab sagt, steht eine Strategieänderung dort in nächster Zeit nicht an. Die Versicherung verdiente im letzen Jahr 4,2 Milliarden Dollar und ist finanziell gut aufgestellt. Dass die institutionellen Aktionäre bei der Deutschen Bank ihn nicht als Aufsichtsratsvorsitzenden wollten, dürfte der Banker mit Wurzeln im St. Gallischen Mels vor diesem Hintergrund schnell vergessen.
Die Tonalität des Erfolgs
«Die Nichtwahl in den Verwaltungsrat der Deutschen Bank war eine kleine Niederlage zum Schluss seiner Karriere,» meint der St. Galler Dozent und Wirtschaftsautor Markus Will. Beschäftigung sieht er für Ackermann indes genug: Neben der Zurich sitzt Ackermann auch in den Verwaltungsräten von Siemens und Shell, sowie im Aufsichtsrat der Finanzholding der schwedischen Milliardärsfamilie Wallenberg. Die Firma ist ein eigentliches Imperium, zu ihr zählen Konzerne wie Electrolux und Ericsson.
In dieser Vielzahl von Mandaten sieht Will denn auch die grosse Herausforderung: «Ackermann muss dem Mandat bei der Zurich die volle Aufmerksamkeit schenken.» Eine gewisse Zurückhaltung beim Eingehen weiterer Mandate hält Will für angezeigt. Erstaunlich ist die Einschätzung des PR-Profis, was Ackermanns Reputationsrisiko anbelangt: Aus kommunikativer Sicht berge Ackermanns Engagement wenig Gefahren, sagt Will – trotz aller Polemik, die Ackermann in der Vergangenheit entfacht hat. «Ackermann wurde in Deutschland oft missverstanden», sagt Will. Ackermann habe lange gebraucht, um die dortige Kultur zu verstehen. «Dagegen dürfte es ihm in der Schweiz leichter fallen, die richtige Tonalität zu treffen.» (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.03.2012, 16:18 Uhr
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