Wirtschaft

Die grosse Macht der Piloten

Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 04.07.2011 37 Kommentare

Mehr Lohn und mehr Freizeit: Der neue Vertrag der Swiss mit ihren Piloten zeigt, dass die Flugkapitäne noch immer über Macht verfügen – unter anderem, weil über Geld nicht gerne gesprochen wird.

Mussten nach dem Zusammenbruch der Swissair Abstriche hinnehmen: Piloten während ihres eintägigen Streiks im September 2006.

Mussten nach dem Zusammenbruch der Swissair Abstriche hinnehmen: Piloten während ihres eintägigen Streiks im September 2006.

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Quelle: Airlines

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Zum Schluss hatte die Swiss keine Wahl mehr. Geschäftsführer Harry Hohmeister hat den Piloten kurz vor dem Wochenende zugesichert, dass sie bald mehr Lohn bekommen würden, ausserdem längere Pausen zwischen zwei Einsätzen, mehr Ferien und höhere Pensionskassenbeiträge – Massnahmen, welche den Personalaufwand der Swiss für die Piloten um 22 Prozent erhöhen werden, wie die «NZZ am Sonntag» ausgerechnet hat. Der Pilotenverband Aeropers und Swiss bestätigen die Zahl.

Nach mehr als einem Jahr knickt die Swiss also ein. Sie gibt nach angesichts der Marktmacht der Piloten: Kommt es hart auf hart, haben Fluggesellschaften keine Chance gegen ihre Captains, sagt Aviatikexperte Jens Flottau: «Eine Airline kann sich gegen die Piloten schlicht nicht durchsetzen.» Flottau ist Redaktor beim Magazin «Aviation Week» und hat unter anderem die diversen Lohnverhandlungen der deutschen Piloten mit der Lufthansa (LHA 8.536 0.67%) journalistisch begleitet. Nur wenn ein Unternehmen kurz vor dem Untergang stehe, dringe es mit seinen Appellen bis ins Cockpit durch, sagt er weiter. Tatsächlich war es das Ende der Swissair und die anschliessenden Verhandlungen mit der Lufthansa, welche die heutigen Swiss-Piloten beim Gesamtarbeitsvertrag 2006 zu Abstrichen bei Lohn und Freizeit zwangen. Diese hebt der neue GAV nun teilweise wieder auf.

Spezialwissen, Unternehmensbindung und Lohndiskretion

Die Gründe für die starke Stellung der Kapitäne sind vielfältig. Erstens verfügen sie über ein Spezialwissen, das für den Flugbetrieb unentbehrlich ist. Zweitens verhindert eine bewusst starke Bindung an die jeweilige Airline – über die hauseigenen Ausbildungen sowie das bei der Swiss kollektivvertraglich festgehaltene Senioritätsprinzip –, dass die Fluggesellschaften junge, ausländische Piloten günstig anwerben. Und drittens wird der Markt zusätzlich undurchlässig dadurch, dass über die unterschiedlichen Entschädigungen bei verschiedenen europäischen Fluggesellschaften nicht gerne offen gesprochen wird. Was ein langjähriger Pilot verdient, behalten deren Vertreter gerne für sich.

Das ist nicht nur in der Schweiz so: «Wir haben mehrfach versucht, die Daten aus verschiedenen Ländern zu erheben und zu vergleichen, doch wir erhalten sie nicht», sagt etwa Ignacio Plaza Sevillano, Vize-Sekretär von Eurocockpit, dem Verbund der verschiedenen nationalen Piloten-Vertretungen. Als offizielle Begründung geben die Verbände an, die Entschädigungssysteme seien derart verschieden, dass sie sich kaum vergleichen liessen. Spezialist Flottau hat eine andere Erklärung: «Die Piloten wissen, dass sie in der Öffentlichkeit schnell auf Unverständnis stossen würden, denn sie verdienen nach wie vor sehr gut.» Der Pilotenberuf sei anstrengend, die Ruhezeiten seien wesentlich kürzer als früher, und das Fliegen sei wegen der vielen Automatismen im Cockpit auch nicht mehr gleich spannend wie früher. «Doch es ist immer noch ein gut bezahlter Beruf.»

Zwischen 126'000 Franken und 136'000 Franken

Tagesanzeiger.ch/Newsnetz kennt die Zahlen von Swiss, Lufthansa und Austrian Airlines. Sie zeigen: Swiss-Piloten verdienen am Anfang ihrer Karriere weniger als ihre Kollegen aus dem gleichen Konzern – holen später aber auf. AUA zahlt einem Piloten in seinem ersten Jahr 51'100 Euro (63'000 Franken) pro Jahr, Swiss 62'700 Franken, Lufthansa 56'940 Euro (70'200 Franken). Nach der Beförderung zum Captain – sie erfolgt bei Swiss nach Senioritätsprinzip traditionell nach 17 Jahren, mittlerweile bei vielen Airlines wegen des Bedarfs wesentlich früher – erhält der Pilot bei AUA 102'200 Euro (126'000 Franken), bei Swiss 133'000 Franken und bei Lufthansa 110'000 Euro (136'000 Franken).

Zu beachten ist, dass individuelle Abweichungen möglich sind, dass Steuerlast und Preisniveau in den Ländern unterschiedlich ist, und dass weitere Faktoren wie etwa Pensionskassenzahlungen die Rechnung beeinflussen können. Branchenkenner Cord Schellenberg beziffert den langfristigen europäischen Durchschnittslohn eines Captain bei etwa 150‘000 Euro (185'000 Franken), Kommandanten von Grossraumflugzeugen lägen oft sogar deutlich höher. Grundsätzlich lässt sich sagen: Air France, Lufthansa und British Airways spielen ungefähr in der gleichen Liga, KLM, Iberia, Swiss, AUA und SAS leicht darunter. Das bestätigt die Aussagen von Flottau: Letztere sind jene Unternehmen, die Krisen durchlebt und ihre Piloten zu Abstrichen gezwungen haben.

Swiss und Aeropers informieren in diesen Stunden ihre Mitarbeiter über die genauen Inhalte des neu ausgehandelten Gesamtarbeitsvertrags – wobei es nicht nur um den Lohn, sondern auch um Ruhetage zwischen Flügen und Ferienzeiten geht. Der neue GAV gilt nur für die Angestellten im Cockpit. «Wer hat, dem wird gegeben», zitiert die «NZZ am Sonntag» dazu eine Flugbegleiterin. Schellenberg sagt es so: «Die Luftfahrt ist wie die Seefahrt: Das Wort des Alten ist Gesetz – denn nur er weiss, wie man das Schiff führt.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.07.2011, 16:04 Uhr

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37 Kommentare

Ernst Strickler

04.07.2011, 16:27 Uhr
Melden 37 Empfehlung

Wen ich fliege, möchte ich gut ausgebildete Menschen am Steuer haben, die nicht noch „Börsenzocken“ müssen um anständig zu leben. Auch ein Beweis für einfache Arbeiter, dass man nicht gegen unten trampeln, auf die Seite neiden aber gegen oben hofieren darf, sondern sich organisieren soll und sich gut verkauft. Und bei überhöhten Löhnen fangen wir sowieso ganz woanders an bei der Abzockerinitiative Antworten


Tom Berger

04.07.2011, 16:55 Uhr
Melden 29 Empfehlung

…warum ein Kapitän auf Langstrecke „so vie“l verdient ist mir schleierhaft. Auf einem Langstreckenflug werden gerade noch 6-8 Minuten von Hand geflogen, dann übernimmt die automatische Steuerung und vorne herrscht Monotonie und gähnend Langeweile… dafür wird in der Kabine zu "Hungerlöhnen" den ganzen Flug hart gearbeitet.. Antworten



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